Modu 2.0 als Kapitulationsurkunde:

Kurzfristige Verkehrsbewältigung statt Raumplanung

Es läßt sich das Wahlvolk trefflich blenden mit großzügigem Layout, vielen Photos und Sprüchen, bloß Probleme lassen sich so keine lösen. Nun hat niemand außer dem Mouvement Ecologique erwartet, ein Minister einer der vielen Sektionen der bürgerlichen prokapitalistischen Einheitspartei werde das Wachstum in Frage stellen. Denn leider kann Kapitalismus ohne Wachstum nicht bestehen, denn wie sollte sonst das immer neu und zusätzlich aus dem Mehrwert der menschlichen Arbeit entstehende Kapital profitabel eingesetzt werden? Aber dieses Wachstum ließe sich doch so organisieren, daß die Verkehrsströme nicht alle in die Hauptstadt und deren direkte Umgebung führen, und damit bewältigbar blieben. Ohne dem stimmt die Feststellung des Mouvement Ecologique voll und ganz: »Das Wachstum frißt die Erfolge auf.«

Eine ordentliche Raumplanung muß tatsächlich von dem Satz ausgehen, der im Modu 2.0 fett und groß auf Seite 58 prangt: »Seul un rapprochement géographique de fonctions logement, travail, école, losirs et commerce permettra de découpler la croissance économique de la croissance du trafic.« Allerdings wird dieser an sich völlig richtige Satz zur leeren Phrase, folgt darauf nicht die Erkenntnis, daß in der Hauptstadt Arbeitsplätze wegkommen müssen. Dies weil heute schon so viel da sind, wie in einer Stadt von 500.000 Einwohnern verträglich sind, aber allen klar sein muß, daß so viele nicht in deren Gemeindegrenzen unterzubringen sind, es sei denn mit einer Bebauung wie in Singapur, die in Luxemburg niemand sehen will.

Dummerweise wären in den Anrainergemeinden Hesperingen, Leudelingen, Bartringen und Strassen ebenfalls drei- bis viermal so viele Einwohner nötig, um mit ihnen die heutigen Arbeitsplätze zu füllen. Wer dann, wie es Minister Bausch ausdrücklich tat, als wir nachfragten, dort nicht bremsen und den Rückwärtsgang einlegen will, sondern weitere 20% bis 2025 draufsetzt, und das als »organisiert und harmonisch« bezeichnet, ist ein Phrasendrescher.

Wenn also diese »Agglolux« nur mehr bei den Einwohner wachsen dürfte, stellt sich aber ebenso die Frage, warum sonst Wachstum nur noch im Landessüden (»Agglosud«) und in der Nordstadt (»Agglonord«) stattfinden soll. Das mit dem Süden geht wohl in Ordnung, weil mehr Arbeitsplätze dort weniger weite Wege für französische Grenzgänger zur Arbeit im Luxemburger Land bedeuten.

Wobei wir da bei dem sind, was in dem schönen zitierten Satz von Seite 54 fehlt, obwohl es davon recht bald 200.000 gibt: Grenzgänger! Es stellt sich dann wirklich die Frage, warum deutsche und belgische Grenzgänger bis zur Agglonord oder Agglolux fahren müssen, und wieso es »organisiert und harmonisch« sein soll, Betriebsansiedlungen im hohen Norden und im Osten für diese Leute nicht zu fördern.

Leider nur kurzfristiges Staumanagement

So viel zur Kapitulationsurkunde in Sachen Raumplanung. Leider ist der ganze Rest in Sachen Infrastruktur und Organisation zusätzlich äußert kurzfristig gedacht ohne jede langfristige Perspektive, die über reine Lokalpolitik wie z.B. eine Busspur von Gonderingen bis Kirchberg hinausgeht.

Am deutlichsten für dieses Scheuklappendenken ist die »Lösung schnelle Tram« für das, was jetzt auf einmal »Korridor zwischen Esch/Alzette und Luxemburg-Stadt« heißt und eigentlich beim genaueren Hinsehen eine Verbindung von Belval auf den Kirchberg, also von der Uni zur Nationalbibliothek bringen soll. Das mag Wahltaktik sein, Verkehrspolitik ist es keine.

Was da fehlt, sind schon wieder die Grenzgänger. Bereits heute kommen von den 93.000, die in Frankreich wohnen und im kleinen Großherzogtum arbeiten, deutlich über 60.000 aus dem »sillon lorrain«. Der Ausbau der Eisenbahn zwischen Thionville und Luxemburg bis 2024 ermöglicht es laut Aussagen von Minister Bausch gerade eben in der Chamber, davon 32.500 mit dem Zug zu fahren. Ein Monorail auf Stelzen könnte 30.000 weitere transportieren – natürlich nicht, wenn er nur vom Belval auf den Kirchberg führt. Er sollte in Thionville starten, besser noch in Metz.

Im Modu 2.0 heißt es da leider, ein Monorail sei einerseits überdimensioniert und könne andererseits nicht so gut die Feinverteilung besorgen wie eine Tram. Dazu ist allerdings ein Monorail nicht da, und tatsächlich wäre er überdimensioniert auf der Schrumpfstrecke Belval-Kirchberg. Bloß hilft eine Tram, egal wie schnell sie ist (und sie wird mit jeder Haltestelle langsamer), gar nicht, um Franzosen zur Arbeit zu fahren.

Doch nicht nur da wird im Modu 2.0 zu kurz gedacht – das ist fast schon das übergeordnete Prinzip des Ganzen. Es darf z.B. auch Seite 86 bewundert werden, wo zu lesen ist, wenn eine Umfahrung eröffnet werde, und die damit entlastete alte Straßenführung nicht zurückgebaut werde, würde eine Erhöhung der Verkehrsmenge auf der Umfahrung mit der Zeit wieder zur Wiederherstellung der ursprünglichen Verkehrssituation auf der alten Straße durch den Ort führen. Das ist nur dann richtig, wenn tatsächlich die Gesamtmenge des Verkehrs so steigt, daß die Umfahrung – egal ob es die von Junglinster oder die des Alzettetals auf der A7 ist – verstaut wird. Tatsächlich werden noch mehr Arbeitsplätze in der Agglolux zu einer solchen Verstauung führen.

Raum- und Verkehrsplanung müßte jedoch darin bestehen, eine solche Verkehrszunahme zu verhindern, nicht die Leute zu behindern mit Rückbauten, die mangels Platz im öffentlichen Verkehr gar keine andere Möglichkeit als das Auto haben, um zu ihrem Arbeitsplatz zu kommen!

jmj

Freitag 1. Juni 2018