Caritas-Jahresbericht 2017:

»Reiche immer reicher, Arme immer ärmer«

Einen besseren Indikator dafür, wie schlecht es mittlerweile in Luxemburg für immer mehr Menschen bestellt ist, kann es nicht geben als die Aussage von Caritas-Präsidentin Marie-Josée Jacobs, zuvor CSV-Langzeitministerin, das Leben werde immer teurer, während das Einkommen nicht wachse: »Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer«, wobei die Wohnungsfrage für Leute mit normalem Einkommen eine große Herausforderung und für Leute mit weniger Einkommen nicht mehr bewältigbar wurde. So fehlen laut Caritas heute schon 30.000 soziale Mietwohnungen!

Es könne auch nicht so bleiben, daß für gering Qualifizierte einfach keine Arbeit da ist. Da müsse der Staat eingreifen, und diesen Leuten eine Tätigkeit bieten, von der sie leben können mit Arbeiten im Interesse der Allgemeinheit, z.B. auf dem Gebiet der Umwelt oder des Tourismus. Es müsse auch mehr getan werden zur Integration anerkannter Flüchtlinge, da das sonst viel teurer werde und zudem ein Problem für den sozialen Zusammenhalt.

Bei der Entwicklungshilfe müsse es unbedingt bei der Höhe von 1% des Bruttonationalprodukts bleiben (etwa 0,75% des Bruttoinlandprodukts), und es dürfe nicht mit der einen Hand gegeben und mit der anderen genommen werden. Marie-Josée Jacobs sagte nicht, daß genau das passiert, weswegen das Ziel zur Hilfe bei der Entwicklung auch nicht erreichbar ist unter kapitalistischen Bedingungen. Die französische Bourgeoisie etwa mästet sich immer noch an der Überausbeutung ehemaliger französischer Kolonien, und der Staat finanziert »Légion étrangère« wie »force de frappe« über die Gewinne aus dem »Franc CFA«.

Aber gut, Systemkritik dürfen wir uns keine von einer kirchlich-katholischen Organisation erwarten, und das ist die Caritas – und Jacobs lag es durchaus fern, nicht darauf hinzuweisen. Sie dankte dem Erzbistum neben allen anderen von Stadt Luxemburg, Gemeinden, der »Oeuvre« über private Spender für die finanzielle Unterstützung, die »ein lebendiges Bild der Caritas innerhalb der Kirche möglich macht«. Systemveränderung ist nicht das Ding karitativ Tätiger, denn keine Armen mehr zu haben, gegenüber denen sie Nächstenliebe zeigen könnten, um sich moralisch besser zu fühlen und bei ihrem Gott einzuschmeicheln, wäre richtig schlimm für sie. Aber keine Sorge, 2018 wird der Caritas die Not nicht abhanden kommen, die ihre neuen Projekte auch nicht abstellen, weil der real existierende Kapitalismus täglich neue Not erzeugt.

Kein Ruhmesblatt ist so die Zahl von 4.408 Menschen, davon 1.246 Kinder, die das Recht haben in den vier Caritas-Sozialläden in Diekirch, Esch/Alzette, Luxemburg und Rédange/Attert einkaufen zu dürfen um ein Drittel des Normalpreises. Durchschnittlich hatten sie an der Kasse 15,04 Euro abzulegen, womit sie demnach 30 Euro gespart hatten. In der »Kleederstuff« wurden 10.518 Durchgänge an der Kasse gezählt, 32% mehr wie 2016. Die frisch produzierte Not ist demnach toll ins Kraut geschossen!

Das obwohl die Caritas 60,362 Millionen Euro ausgab, wovon nur 12,3 Millionen in 97 Entwicklungshilfeprojekte in 19 Länder flossen. 3,606 Millionen Euro stammen dabei aus Spenden, Erbschaften und Mitgliedsbeiträgen.

Bezahlt wurden 675 Mitarbeiter, die zu 75% Frauen sind. 171 waren im Stage oder einer Lehre, 99 wurden im Rahmen einer über die Adem geförderte Maßnahme beschäftigt. Unterstützt wurden diese von 825 freiwillig Tätigen. Es gab 3.341 Beratungen für Asylantragstellende und Wohnungshilfe in 2.568 Fällen. Im Auftrag einer Reihe von Gemeinden betreibt die Caritas Tagesfoyers, Kinderkrippen und Maisons-Relais, in denen 2.789 Kinder eingeschrieben sind.

Ansonsten fällt generell die geringe Zahl Begünstigter auf in den einzelnen Projekten der karitativen Vereinigung. Daß im Centre Ulysse nach dem dritten Tag zwei Drittel des RMG abzulegen ist nur für ein Bett in der Nacht ohne das Recht auf Anwesenheit bei Tag und selbst ohne die Möglichkeit, Sachen in einem absperrbaren Schrank aufzubewahren, steht allerdings nicht im Bericht. Egal, im von der Stadt Luxemburg zur Verfügung gestellten Intergenerationenhaus Beggen konnten 30 Leute von der Straße geholt werden. Ein paar Studierende dürfen dort für weniger Miete bei etwas Mithilfe auch logieren. Ebenfalls vom Stadtbudget finanziert ist die »Nuetswaach«, wo 10 Leute schlafen können ohne die üblichen Foyer-Vorschriften (wie z.B. kein Hund, kein Alkohol).

Im von der »Oeuvre Nationale de Secours Grande-Duchesse Charlotte« finanzierten »Neien Ufank« wird versucht, 120 Familien mit anerkanntem Asyl-Statut zu helfen unterzukommen. 30 Wohnungen wurden gefunden und 15 Arbeitsplätze, während 75 weitere begleitet werden mit Weiterbildungen und Sprachkursen. Da fällt dann der Satz, daß Arbeit finden wesentlich ist, um sich zu integrieren, daß das aber fast noch schwieriger ist, als eine Wohnung zu finden. Das obwohl die Caritas ein ähnliches Projekt wie die AIS betreibt, das sogar nicht so strikt auf drei Jahre begrenzt ist.

Für 2018 werden zwei neue Projekte angekündigt. Bereits in 15 Schulklassen getestet wurde ein pädagogischer Koffer zur Sensibilisierung gegen Vorurteile gegenüber Wohnungslosigkeit, damit die Jugendlichen Verständnis entwickeln für die sichtbaren und unsichtbaren Elemente dieses Phänomens. Also keine Wut gegen das System, das Wohnungslosigkeit erzeugt! Es soll begleitetes Wohnen für Leute mit psychischen Problemen geben. 2019 soll es dann ein Übergangswohnprojekt für Haftentlassene kommen.

jmj

Donnerstag 31. Mai 2018