Unser Leitartikel:
Die Bombe tickt ...

Die Fortis-Kleinaktionäre haben am Mittwoch gegen einen Verkauf des belgischen Teils des Finanzkonzerns an BNP Paribas gestimmt.

Damit gehören weiterhin 49,9 Prozent des Kapitals der BGL (der früheren Fortis Banque Luxembourg) dem luxemburgischen Staat, die restlichen 50,1 Prozent der Fortis Belgien, die in den Händen des belgischen Staates ist.
Das von den Regierungen angestrebte Vorhaben, dass in einer zweiten Phase der »Rettungsaktion«

67 Prozent der BGL von der französischen Großbank übernommen werden sollten – von der belgischen Fortis sollten 75 Prozent an BNP Paribas gehen – ist demnach vorübergehend gescheitert. An der Situation der BGL habe sich durch den Aktionärsentscheid in Brüssel allerdings nichts geändert, heißt es aus Regierungskreisen. Theoretisch sei der Einstieg der französischen Großbank bei der BGL noch immer möglich. Doch die Praxis wird womöglich anders aussehen.

Der geplatzte Deal reiht sich in die vielen Schlagzeilen ein, für welche die Finanz- und Systemkrise seit vielen Monaten fast täglich sorgt. Und sicherlich auch weiter sorgen wird.

Weitaus verhaltener geht man allerdings mit den Folgen der Krise um, von der die Realwirtschaft betroffen ist. Auch wird weniger darüber berichtet. Denn Schönreden ist angesagt. Zumindest hierzulande. Immerhin stehen im Juni Parlamentswahlen an. Dabei zeigen die Zahlen, die im Anschluss an die letzte Sitzung des Konjunkturkomitees publik gemacht wurden, dass die Wirtschaftskrise längst auch in Luxemburg angekommen ist.

Dass in den Werken von ArcelorMittal weiter nur mit angezogrener Bremse gefahren wird, ist den Medien, denen die Zukunft des Finanzplatzes so sehr am Herzen liegt, kaum noch eine Zeile wert. So braucht man auch die interne »Kampagne«, die darin besteht Mitarbeiter dazu zu bewegen, den Dienst freiwillig zu quittieren, nicht sonderlich zu kommentieren.

Vorenthalten wird der breiten Öffentlichkeit auch, dass beispielsweise bei DuPont Teijin Films in Contern drei von vier Produktionslinien zur Zeit stillgelegt sind, und dass bei Goodyear in Colmar-Berg die Reifenproduktion für Lkw stark reduziert bleibt. Es fehlt an dieser Stelle der Platz, um alle Betriebe aufzuzählen, aus denen Schwierigkeiten gemeldet werden und deren Mitarbeiter mit größeren Problemen konfrontiert sind.

Dass nahezu 14.500 Frauen und Männer auf Arbeitsuche sind, mehr als 4.000 »externe« Teilinvaliden bei der Adem eingeschrieben sind, rund 7.000 Schaffende kurzarbeiten müssen, die Zahl der Grenzgänger erstmals ein Minus aufweist (- 3.500 von November auf Dezember) und vielfach Sonntagsschichten und Überstunden gestrichen werden (weniger Lohn), zeigt eigentlich in aller Deutlichkeit, wie dramatisch die Situation auf dem Arbeitsmarkt bereits geworden ist. Mit Entwarnung ist in den nächsten Monaten jedoch nicht zu rechnen. Im Gegenteil. Alle Vorhersagen sprechen von weiter steigenden Arbeitslosenzahlen.

Und die Arbeitsbedingungen? Auch diese haben sich drastisch verschlechtert. Nicht nur Hetze und Mobbing haben massiv zugenommen. Auch die Beschwerden über nicht oder nur mehr unregelmäßig ausbezahlte Löhne, über immer unzumutbarer werdende Arbeitszeitorganisationen oder über sonstige Verstöße gegen das Arbeitsrecht mehren sich. Und zwar derart, dass man ganz offen die Frage stellen sollte, wie lange die Politik den Deckel noch auf dem Pulverfass halten kann. Wird es gelingen, eine Explosion der Bombe vor dem 7. Juni zu verhindern?

Fragen, die den Schaffenden ehrlich beantwortet werden sollten. Von Seiten der »Sozialpartner« … und der Medien.

gilbert simonelli

Gilbert Simonelli : Freitag 13. Februar 2009