modu2.lu:

Zu wenig, zu spät

Der auch für Verkehr zuständige Minister Bausch ist stolz wie Oskar, daß seine zweite Version der sogenannten »nachhaltigen Mobilität« nicht auf Hochrechnungen wie 2012 bei Claude Wiseler beruht, sondern auf Zahlen der Luxmobil-Studie 2017. Wenn 2012 aber noch von allen Bewegungen am Tag geredet wurde, so begnügt sich die neue Version mit dem Problem der Spitzenstunden. Die dehnen sich zwar ständig aus, aber bitte.

Bei der Vorstellung redete der Minister viel und sagte wenig Konkretes. Wichtiges fiel allenfalls nebenher, etliches andere findet sich nur im Text des mitgelieferten 103 Seiten dicken Buches, das besonders dick wird mit der verwendeten Papiersorte. Da findet sich die grüne Illusion wieder, mit einer Verknappung von Parkplätzen käme es zu weniger Verkehr, was ausblendet, daß der öffentliche Personenverkehr zur Spitzenzeit keine freien Plätze mehr anzubieten hat. Die Bahn werde zwar 43% mehr Plätze anbieten können, kündigte der Obergrüne an, doch im Kleingedruckten ist zu lesen, das komme erst 2022. Ebenso sind 9 Züge Thionville-Luxemburg in der Spitzenzeit versprochen – aber erst 2024.

Doch bis 2025 wird es 20% Arbeitsplätze mehr geben, und an deren Überzentralisierung in der und um die Hauptstadt herum wird sich nichts ändern. Als wir den Minister auf diesen Mangel hinwiesen, antwortete dieser, es fehlten vor allem Wohnungen in der Hauptstadt. Wir: »Für 600.000 Leute!« Bausch: »So viel nicht.« Bloß bräuchte es so viel, um die heutigen und die 20% weiteren Arbeitsplätze zu besetzen mit Einwohnern. Daraus entsteht jedoch der Verkehr, und jeder, der bis 2024 z.B. aus Frankreich im Zentrum einen Arbeitsplatz ergattert, wird den mit dem Auto ansteuern müssen.

Gut, Bausch will 1,5 statt 1,2 Leute durchschnittlich in einem Auto haben. Die Mitfahrplattform »Copilote«, die am 8. Mai vorgestellt wurde, zählt mittlerweile 2.000 Eingeschriebene. Für nächste Woche sind 4.000 regelmäßige Wege angeboten, erst ein paar hundert wurden gemacht. Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein, und dabei bleibt es wohl auch.
Vom Dezentralisierungsgerede übrig ist nur ein »Espace de co-travail«, der auf Belval entstehen soll. Das ist also auch nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Lustig ist dann die Empfehlung an Betriebsleiter, den Arbeitsbeginn flexibel zwischen 6 und 11 Uhr zu legen und möglichst viel Telearbeit zu ermöglichen. Nun ja, etliche Personalchefs werden jetzt schon gefragt, ob um 5.30 Uhr mit der Arbeit anfangen werden dürfe – 11 Uhr wäre neu. Lösung ist das aber beim erwarteten Wachstum keine: Ausdehnung der Stauzeit wird die Folge sein.

Zum Totlachen ist, wenn Minister Bausch auf unsere Frage, ob jetzt wirklich wie in Text und Film zu sehen, die Sekundarschulen erst um 8.30 Uhr starten werden, antwortet, das wisse er nicht: »Ich kann das dem Erziehungsminister doch nicht vorschreiben.« Danke, wir hatten angenommen, das Papier sei eines der Regierung und nicht eines Ministers. Wir hatten uns geirrt.

Lachen ist auch angebracht bei den vier naiven Videos (siehe auf modu2.lu im Internet), wo die Autos mit einem Wisch weg sind. In der Wirklichkeit wird das so nicht gespielt.

Erfreulich ist, daß bei der Tram langsam Vernunft einkehrt – zumindest bei Kapazität und kommerzieller Geschwindigkeit. Von 10.000 Passagieren pro Stunde und Richtung ist es nun still, heimlich und leise auf 7.000 runtergegangen, von 25 km/h auf 18-22 km/h, wobei da noch immer das irreführende »site propre« steht. Das ist natürlich Quatsch mit Sauce, denn die wesentliche Frage ist nicht, ob da sonst was über die Schienen fahren darf, sondern ob das kreuzungsfrei läuft. Und beim nicht kreuzungsfreien Stadtverkehr – und um den handelt es sich bei der Luxtram – werden international 15-18 km/h für möglich gehalten bei einer Maximalkapazität von 6.000 Passagieren pro Richtung und Stunde. Bis dahin braucht es noch eine kleine Anstrengung in Wahrheitsliebe, aber inzwischen sollten sich die werten Verkehrsplaner überlegen, wo sie die nun offiziell schon fehlende Kapazität herkriegen.

Ach ja, Ziele. 2012 war für 2020 als Ziel erklärt worden, 25% der Wege sollten nicht motorisiert erledigt werden und von den motorisierten 25% öffentlich, was 19% von allen Wegen sind.

Laut Luxmobil wurden 2017 12% aller Wege zu Fuß und 2% mit dem Fahrrad erledigt. Auf 25% fehlen da also noch 11%, und das wird’s in drei Jahren nicht spielen. 17% aller Wege wurden öffentlich, 69% privat motorisiert erledigt (0,4% mit motorisierten Zweirädern, der Rest im Auto).

Bei den Wegen zur Arbeit ermittelte Luxmobil 61% als Fahrer und 12% als Beifahrer, 19% Öffi, 6% zu Fuß und 2% mit dem Fahrrad. Daraus sollen 2025 bei 20% mehr Wegen 46% als Fahrer, 19% als Beifahrer, 22% Öffi, 9% zu Fuß und 4% mit dem Fahrrad werden.

Bei den Schulwegen gibt es nur eine prognostizierte Steigerung von 18%. 2017 wurden 39% im Auto, 38% im Öffi, 21% zu Fuß und 2% mit dem Fahrrad erledigt. Daraus sollen 2025 45% Öffi, 25% zu Fuß, 20% im Auto und 10% mit dem Fahrrad werden. Papier ist geduldig.

jmj

Bis 2022 kommt kein weiteres Material auf die Schiene
(Foto: Carlo Kohn)

Mittwoch 30. Mai 2018