Konsum im Kapitalismus:

Brot in der Mülltonne

Es gibt Zufälle. Da kommt ein von Berufs wegen neugieriger Mensch, der einen Photoapparat mit sich führt, des Abends beim Produktionsstandort eines Hoflieferanten vorbei und sieht da sechs braune und etliche andere Mülltonnen.

Da war doch was vor einiger Zeit mit einem kleinen Bäcker, der über Wochen geschleift wurde an der elektronischen Wirtshaustheke, weil er Brot in eine Mülltonne geworfen hatte. Schauen wir doch mal hinein – und tatsächlich, drei der braunen Mülltonnen sind unterschiedlich hoch mit Brot gefüllt, die anderen (noch?) leer. Ameisen und diverse Käfer krabbeln darauf herum.

Sollen wir jetzt über den Hoflieferanten herfallen? Wird der dann nicht auf die Bäckereikette verweisen, die ihre am Abend übriggebliebenen Brote vergärt und so den Strom für ihre Bäckerei erzeugt? Ist es nun moralisch verwerflicher, sein übriggebliebenes Brot, das am anderen Tag nicht mehr zum vollen Preis abzusetzen ist (und das beim Verkauf mit Rabatt die Kaufmenge zum Vollpreis reduzieren würde), über die Stadt Luxemburg in eine Vergärungsanlage bringen zu lassen, oder gleich selbst eine zu betreiben? Wir stehen vor einem ganz anderen als einem moralischen Problem.

Es ist halt mehr Geschäft zu machen, wenn sowieso gestreßte Lohnabhängige kurz vor Geschäftsschluß noch eine breite Brotauswahl vorfinden und nicht nachdenken müssen, was sie statt ihrer Lieblingssorte nehmen sollen oder ob sie es besser ganz bleiben lassen.
Das führt unweigerlich zu Resten, und das ist wohl erheblich mehr, als sich über Cent-Läden noch absetzen läßt. Weil es aber trotzdem zu mehr Profit führt als dabei zu bleiben, was kleine Bäcker immer noch machen, die froh sind, wenn sie eine halbe Stunde bevor ihr Geschäft schließt, das letzte Brot verkauft haben, bleibt es dabei. Erhöhung des Konsums spült halt mehr in die Kasse, auch wenn danach ein bißchen Verlust entsteht im Müll. Wobei wir ja gar nicht wissen wollen, wie viele halbe Brote gewisse Haushalte jeden Tag über ihre Mülltonne privat »entsorgen«.

Ökologisch ist das sicher nicht. Aber wenn Ökologie der Profitmaximierung im Wege steht, bleibt sie halt unter real existierenden kapitalistischen Vorzeichen hinten an. Denn für den Kapitalismus ist es geradezu überlebenswichtig, den Konsum von Gütern und Dienstleistungen zu steigen – und Brot ist da nur ein kleines Beispiel.

Das ist deshalb so wichtig, weil aus dem Produktionsprozeß über die Aneignung des Mehrwerts infolge der Tätigkeit der Lohnabhängigen ständig neues Kapital entsteht. Das gilt es profitabel einzusetzen, und das geht nur bei entsprechendem Wirtschaftswachstum. Zumindest im Normalbetrieb, wenn nicht gerade massenhaft Werte vernichtet werden, wie das im Zweiten Weltkrieg der Fall war. Und das läßt sich ja nicht wirklich bei jeder Überproduktionskrise gleich wiederholen, um wieder eine Hochkonjunktur zusammenzubringen!

Wobei es da mit dem Wachstum ein mathematisches Problem hat. In einem endlichen Raum wie dem dieses Planeten ist unbegrenztes Wachstum unmöglich. Das müssen Kapitalisten und Gläubige dieses Systems verdrängen, wie sie auch verdrängen müssen, daß es ihnen in nun schon mehr als 150 Jahren nicht gelungen ist, Karl Marx darin zu widerlegen, daß er anhand der Sklavenhaltergesellschaft und des Feudalismus nachgewiesen hat, daß jene Gesellschaftsformation, der es nicht mehr gelingt, die Produktivkräfte optimal weiterzuentwickeln, durch eine andere ersetzt wird, die das besser kann.

Die Sklavenhalter wie die Feudalherren waren ähnlich der Kapitalisten felsenfest davon überzeugt, ihre Herrschaft werde ewig dauern. Daß dem nicht so war, sollte bekannt sein. Die Konsum- und Wegwerfgesellschaft wird den Kapitalismus nicht vor dem gleichen Schicksal bewahren.

jmj

Zwei prall mit Brot gefüllte Tonnen. Aber schließlich ist kapitalistische Wirtschaft nur dazu da, die Bedürfnisse derer zu befriedigen, die dafür bezahlen können...

Dienstag 29. Mai 2018