AMMD und Minister auf Krawall gebürstet

Bei der gestrigen Pressekonferenz der AMMD (Association des Médecins et Médecins-Dentistes) war es richtig fühlbar, wie satt die Ärzte eine Bürokratie haben, die von ihnen verlangt sich an eine Nomenklatur medizinischer Akte zu halten, die mit dem Stand der Wissenschaft nichts mehr zu tun hat, weil sie bis zu 30 Jahre alt ist. Sie haben es satt, nett zu sein mit einem Minister, der sie im Oktober und November 2017 zwar dreimal empfing, dabei bestätigte, die Probleme zu sehen und die Ärzte zu verstehen, ohne daß dann irgendetwas geschah, das Besserungshoffnungen zuließe. Wenn dann auf einen sechsseitigen Brief vom 18.1.2018 bis heute keine Antwort kommt, und während der Pressekonferenz bekannt wird, Sozial- und Sozialverscherungsminister Romain Schneider habe in der Chamber erzählt, die AMMD weigere sich mit ihm über den »tiers payant zu reden« ohne zu sagen warum, dann ist definitiv jedes Verständnis verflogen.

»Dialogue de sourds«

Denn die AMMD hat dem Minister am 19.1.2018 geschrieben, sie wolle sich gerne mit ihm treffen, um über alles zu reden, nicht aber über das, was Gegenstand der Konvention ist, die alle in Luxemburg niedergelassenen Ärzte obligatorisch mit der Gesundheitskasse haben. Denn es stört die Ärztevereinigung seit langem, daß sie zwar mit der Kasse verhandeln darf, diese aber wenig verhandlungsbereit ist, weil bei Nichteinigung der Sozialminister die Konvention so schreiben darf, wie er möchte. Das wird nicht zu Unrecht als Diktat empfunden, und gegen Diktatur regte sich immer schon Aufruhr, um sie zu stürzen.

Dabei wird am Ende die Generalisierung des »tiers payant«, also der direkten Abrechnung der Ärzte mit der Gesundheitskasse, wobei die Ärzte nur den Selbstbehalt bei den Patienten kassieren wie jetzt schon in der Apotheke, eigentlich mit Verweis auf Machtmißbräuche abgelehnt, die es tatsächlich gegeben hat. Daraus werden dann die Gefährdung der Therapiefreiheit und eine Sparefroh-Politik auf Kosten der Möglichkeiten heutiger Medizin konstruiert.

Nun ist es ganz sicher nicht dem »tiers payant« geschuldet, wohl aber der Sparvereinsmentalität der aktuellen Regierung, wenn die kulante Regelung nicht mehr geduldet wurde, daß dem aktuellen wissenschaftlichen Stand der Medizin entsprechende Akte, die in der Nomenklatur nicht vorkommen, über den Code des Aktes verrechnet wurde, der davor Praxis war. Daß wegen dieser Analogien jetzt Ärzte Schwierigkeiten kriegen mit der Kasse und der Justiz, geht tatsächlich gar nicht, und gehört sofort gestoppt. Bis die Nomenklatur auf dem Stand des Tages ist, muß wieder nach Analogie verrechnet werden dürfen. Sonst hört sich moderne Medizin hierzulande auf – und das droht jetzt wirklich mit der Ankündigung, die AMMD rate allen Ärzten dringend ab, das noch zu tun. Denn das führt entweder zu Methoden von vorgestern, die durch bessere abgelöst wurden, oder zum Selbstbezahlen, das sich nur Bessergestellte leisten können.

Wobei die es schon heraus haben, wie sie das doch bezahlt kriegen: Ärzte im nahen Ausland behandeln, und dann wird nach Analogie zurückgezahlt. Im Ausland geht das nämlich, woraus im Inland den Ärzten ein Strick gedreht wird. Fazit der AMMD: Zweiklassenmedizin haben wir schon, und so wie’s läuft ist das Schmutzkonkurrenz für in Luxemburg niedergelassene Mediziner.

So fragt die AMMD öffentlich den Minister, warum Antibiotika nur zu 80% erstattet werden – sind sie nur zu 80% »utile et nécessaire«? – und warum ist die Zahl der Ultraschall-Untersuchungen, die bezahlt werden in der Schwangerschaft, auf drei begrenzt, auch wenn mehr nötig sind. Und warum ist die Selbstbeteiligung beim Arzt 12 und nicht 0%? Die Finanzlage der Kasse würde das zulassen, und damit wäre der Zugang zur Medizin wohl eindeutig verbessert.

Das Verbot der Injektionen bei Kniearthrose konnte diesmal natürlich auch nicht fehlen, ebenso daß die Kasse den »tiers payant« in der Apotheke mißbrauchte, um durchzusetzen, daß Hausärzte keine Biotheraphie mehr verschreiben dürfen, indem sie den Apothekern mitteilte, sie bekämen kein Geld mehr für solche Rezepte, die nicht von Spezilisten stammen.

Ebenso ist es ein Mißbrauch der direkten Abrechnung der Kasse mit den Laboratorien, wenn damit durchgesetzt wird, daß Ärzte gewisse Analysen nicht mehr verschreiben dürfen, die sie aber für nötig halten. War es bis 31.3. möglich, daß der Patient für das selbst zahlte, was die Kasse nicht mehr übernahm, wird seit 1.4. (kein Aprilscherz!) gleich gar nichts mehr bezahlt, steht so was auf dem Rezept.

Am Ende all der Unzufriedenheit mit Bürokratie und Mißbrauch hier und dort lehnt die AMMD den »tiers payant généralisé« komplett ab anstatt einen mißbrauchsfreien zu fordern. Aber wenn beschlossen ist, Bürokratie und Minister nichts mehr zu schenken, ist Trotz und totale Ablehnung wohl das Mittel der Auseinandersetzung.

So wird auch ein externes Audit des Contrôle Médical gefordert, da er sich zum autoritären Oberhaupt über die Medizin in Luxemburg aufgeschwungen hat, und gegen Ärzte und Patienten höchstmögliche Sparsamkeit durchzusetzen versucht. Daß das auf Wunsch der Koalition aus DP, LSAP und Gréng gemacht wird, wird leider nicht gesagt. Aber so ist es! Und wenn wir bei den Extremen sind, dann wird die Konvention gleich überhaupt in Frage gestellt, sei sie doch nur mehr Disziplinierungsinstrument im Sinne von Sparen statt optimaler medizinischer Versorgung.

Was es aber braucht, damit es nicht zur Katastrophe kommt, ist nicht Krawall und Agieren mit Halbwahrheiten, sondern eine aktualisierte Nomenklatur, die fortwährend sofort an Neuerungen in der Medizin angepaßt wird. Es ist die Bereitschaft der Regierenden einzufordern, das nötige Geld für moderne, aktuelle Medizin bereit zu stellen. Das bei gleichzeitiger Beseitigung aller großen und kleinen Diktatoren im Apparat. Und dann wird der »tiers payant« zur Wohltat und Verwaltungsvereinfachung für alle!

jmj

Montag 28. Mai 2018