Fliegen auf kurze Sicht

Piloten von Lufthansa-Tochter Brussels Airlines im Streik. Bosse und belgischer Staat drohen mit Kürzungsszenarien des Dachkonzerns

Weil die Piloten streikten, mußten bei der belgischen Fluggesellschaft »Brussels Airlines« 75 Prozent aller Flüge abgesagt werden. Das meldete am Montag die Nachrichtenagentur dpa. Am selben Morgen trafen sich Vertreter der Lufthansa-Tochter und der Gewerkschaft zu einer neuen Schlichtungsrunde. Die Piloten fordern mehr Lohn, eine bessere Altersvorsorge und mehr Freizeit.

»Die Zitrone ist genug ausgepreßt«, zitierte »Het Nieuwsblad« am Montag aus einer Erklärung der Piloten. Sie wollen, daß ihr Beruf als schwere Tätigkeit anerkannt wird. Dadurch dürften sie in Belgien deutlich früher in Rente gehen. Das Pensionsalter ist dort schrittweise von 55 auf 65 Jahre angehoben worden, bis 2030 soll es auf 67 Jahre steigen, obwohl Piloten mit 65 ihre Lizenz verlieren, wie die belgische Wirtschaftszeitung »De Tijd« schreibt.

Angst vor der Mutter

63.000 Passagiere sind laut dpa vom Streik betroffen, denn für den heutigen Mittwoch haben die Piloten schon den nächsten Ausstand angekündigt. Der Verlust für »Brussels Airlines« beläuft sich laut Nachrichtenagentur Belga auf zehn Millionen Euro. »Unsere ökonomische Situation ist im Augenblick nicht gut. Wir haben seit Anfang des Jahres einen Verlust von 26 Millionen Euro gemacht«, sagte das Vorstandsmitglied der Fluggesellschaft, Etienne Davignon, bereits am 4. Mai gegenüber dem flämischen Sender VRT. Hinzu komme noch der Imageschaden. »Diese Aktionen schaffen Unsicherheit bei den Passagieren, weil ihre Gesellschaft nicht mehr vertrauenswürdig ist«, befürchtete Davignon vergangene Woche in »De Tijd«.

Da geht es dem Reisenden nicht anders als dem Personal: Auch die Mitarbeiter trauen den Unternehmern schon länger nicht mehr über den Weg. Genau genommen seit die deutsche Lufthansa die belgische Linie Anfang 2017 übernommen hat und nun gerade dabei ist, sie in ihren Billigflugableger Eurowings einzugliedern. Brussels Airlines soll dabei die Langstreckenflüge übernehmen, kündigte Lufthansa im Februar an.

Die 3.500 Mitarbeiter fürchten aber, daß am Ende Brussels Airlines aufhört zu existieren und dadurch viele ihren Arbeitsplatz verlieren. Nicht zu Unrecht, wie »De Tijd« am Samstag aus Konzernkreisen erfahren hat. Demnach sollen 250 Arbeitsplätze auf der Kippe stehen, 200 davon alleine am Standort in Brüssel. Anfangs hatten die Deutschen davon gesprochen, daß in Belgien nicht mehr Stellen gekürzt werden sollen als in der Zentrale von Eurowings in Köln. Nun tauchen andere Gerüchte auf, was nicht zum Vertrauensverhältnis zwischen Belegschaft und Bossen beiträgt.

Konservative Kreise der belgischen Politik werfen den Streikenden allerdings vor, sie würden ihren Arbeitskampf auf dem Rücken der anderen Kollegen austragen. »Die Piloten spielen mit dem Feuer«, sagte der frühere Staatssekretär für Mobilität, Etienne Schouppe, am Sonntag in der VRT-Talkshow »De Zevende Dag«. »Die Piloten müssen sich mit dem Rest des Personals solidarisch zeigen.«

Nicht nur die Piloten litten unter den Arbeitsbedingungen, so Schouppe, sondern auch die Kolleginnen und Kollegen in den Kabinen und am Boden. Während Piloten aber leicht einen neuen Arbeitsplatz fänden, wäre das für die anderen Berufsgruppen längst nicht so einfach. Schouppe fürchtet außerdem die Rache der Deutschen: »Die Initiative der Piloten wird die Lufthansa nicht gewogen stimmen, die Arbeitsplätze in Brüssel zu erhalten.« Bereits bei der Übernahme im vergangenen Jahr war bei Brussels Airlines Kritik über das »typisch deutsche Auftreten« der Lufthansa aufgekommen.

Unzureichendes Angebot

Nun gelten die Piloten der Brussels Airlines im Vergleich zu ihren Kollegen bei anderen Fluggesellschaften als nicht besonders streikfreudig. In der Geschichte des Unternehmens der Fluglinie ist es erst die zweite Arbeitsniederlegung. »Vielleicht glauben die Piloten, daß sie sich unter den Fittichen der Lufthansa, die im letzten Jahr einen Rekordgewinn von 2,4 Milliarden Euro verzeichnete, mehr erlauben können«, vermutete die Wirtschaftszeitung »De Tijd« am Samstag.

Bislang hat Brussels Airlines den Piloten drei Prozent mehr Lohn angeboten, sechs Urlaubstage mehr für alle über 60 Jahre und einen sogenannten Cafeteria-Plan. Damit ist gemeint, daß die Piloten Altersversorgung und Versicherungen individuell zusammenstellen können, wie in einem Schnellrestaurant das Essen.

Die 500 bei der Gesellschaft beschäftigten Piloten haben diesen Vorschlag als unzureichend zurückgewiesen. Die Streikenden fordern von der Chefetage der Lufthansa einen klaren Plan, wie es weitergeht. Etienne Davignon kündigte am Freitag an, im Juni werde ein Strategiepapier veröffentlicht. Er bestritt außerdem die Absicht, Brussels Airlines komplett in Eurowings aufgehen zu lassen.

»Es ist unsere Absicht zu wachsen, und wir werben im Moment Personal an«, zitierte »De Tijd« einen Sprecher. Das Unternehmen habe durchaus Verständnis für die Forderungen, besonders das Verhältnis zwischen Arbeit und Regeneration müsse deutlich verbessert werden. Als die Delegationen am Montag nach drei Stunden Verhandlungen in die Mittagspause gingen, hüllten sie sich über den Inhalt des neuen Angebots von Brussels Airlines noch in Schweigen.

Gerrit Hoekman

(Foto: Belga/AFP)

Dienstag 15. Mai 2018