Geschichten vom jungen Wolf

Was der französische Präsident Macron in der Literatur gerne gewesen sein wollte

Wenn es um die französische Literatur geht, macht ihm keiner etwas vor. Emmanuel Macron, der 40 Jahre junge Präsident der Franzosen, ist keiner wie Nicolas Sarkozy, den die Intellektuellen des Landes belächelten. Mit diesem kleinen Typen, der auf hohen Absätzen durch die Weltpolitik stapfte, um größer zu wirken, hat er in der Tat nur eines gemein: den Instinkt und den Willen zur Macht. Nein, Macron ist nicht »inculte«, wie sein Vorvorgänger, er ist, im Gegenteil, sehr kultiviert und außerordentlich belesen.

Den Beweis dafür mußte er nicht unbedingt antreten. Er war – seit ihn »meine Franzosen«, so nennt er sie, vor einem Jahr zum Präsidenten krönten – zumindest in seinen großbürgerlichen Kreisen schon bekannt als Mann des feinen, geschriebenen, gesprochenen, vernünftigen Wortes. Daß er es trotzdem für notwendig hielt, dem renommierten Literaturmagazin »Nouvelle Revue Française« ein langes Interview zu geben, um sich und seine literarischen Neigungen öffentlich auszustellen, mag der Geltungssucht geschuldet sein, die einer ganz natürlich in sich trägt, der es zum Staatschef gebracht hat. Einerseits.

Andererseits erzählte er seinen Gesprächspartnern: »In Wahrheit bin ich nur Ausdruck des französischen Volks für das Romanhafte.« Das kulturelle »Wir«, vereint und verkörpert in einer einzigen Person. Der Präsident, den sie in den Ministerien und am Hof selbst, dem Palais de l’Élysée, »Jupiter« nennen, ist schon lange davon überzeugt, daß dem Land ein König fehlt. Dem Wochenblatt »Le 1« sagte er : »Die Demokratie beinhaltet immer eine Form der Unvollkommenheit, weil sie sich selbst nicht genügt. In der französischen Politik ist die Figur des Königs der große Abwesende, dessen Tod, wovon ich fundamental überzeugt bin, das Volk nicht wollte.«

Das Romanhafte also. Zum Beispiel in der »Comédie humaine« eines Honoré de Balzac. Dessen Soziotypen des nachrevolutionären, beginnenden 19. Jahrhunderts. Er, der Präsidentenmonarch, sah sich, wie er zugibt, schon früh »getragen von den verzehrenden Ambitionen der jungen Wölfe eines Balzac«. Eines Eugène de Rastignac also? Des Schriftstellers Archetyp eines »arriviste« aus der südöstlichen Provinz Aquitanien, der es in der Hauptstadt mit Hilfe seiner verheirateten Maîtresse zu Reichtum und politischer Macht bringt? Der fiktive Ra­stignac des wuchtigen Romanciers, Literatur- und Kunstkritikers, Journalisten und Dramaturgen Balzac heißt in der damaligen Wirklichkeit Adolphe Thiers, ist ein politischer Opportunist, den nicht nur Karl Marx verachtet, ein kleiner Bourgeois, der mächtig wird; der die Pariser Kommune abschlachten läßt und am Ende Präsident ist.

Heute, ein Jahr nach seiner Vereidigung, versucht Rastignac-Thiers-Macron – »verzweifelt«, wie das Internetportal »Mediapart« spöttisch anmerkte – seine eigene Geschichte zu schreiben, ihr einen hochkulturellen Rahmen zu geben. Im Jahr 1829 veröffentlichte Balzac in der Comédie-Romanfolge den »Ball der Siegel« (Le Bal de Sceaux): Der »junge Wolf« Rastignac, Geliebter der Delphine de Nucingen, ist Bankier geworden – beim Baron und Gemahl der Maîtresse. Er bringt es zu Reichtum an der Seite des Geldmenschen, er geht in die Politik und wird Minister.

Den literarischen Inquisitoren von der »Nouvelle Revue« gab Macron, Balzac mal beiseite, auch Einblick in sein ganz eigenes Verständnis von demokratischer Entscheidungsfindung: Er ist der Chef, er allein ist gewählt – auserwählt, er allein entscheidet. »Ich setze um, was beschlossen wurde – und ich hasse die zähe Übung, dauernd erklären zu müssen, wie die Entscheidung zustande kam.«

Balzacs Rastignac heiratet, der »vertikalen Logik« dieser Sorte Macht folgend, wie Adolphe Thiers die Tochter seiner Maîtresse. Macrons Geschichte ging – gegenwärtiger Stand – im Privaten zunächst anders aus: Er nahm nicht die Tochter, sondern die deutlich ältere Geliebte selbst zur Frau. Darüber allerdings und über andere Träume des »Wolfs« im Präsidentenfrack gibt nicht mehr Balzac, sondern Sigmund Freud Auskunft.

Hansgeorg Hermann

(Foto: AFP)

Montag 14. Mai 2018