Rote Fahnen in Trier
Stadt Trier feiert mit vier Ausstellungen und der Enthüllung einer Statue den 200. Geburtstag ihres größten Sohnes
Als die Hülle fiel, war Erleichterung zu spüren. Lange hatten die dicht gedrängt Versammelten auf dem Simeonstiftplatz in der Mittagssonne weitgehend inhaltsfreie Ansprachen über sich ergehen lassen müssen, bis die Skulptur endlich sichtbar war. Am vergangenen Samstag, dem 200. Geburtstag des in der Moselstadt geborenen revolutionären Denkers, ist die Karl-Marx-Statue, ein Geschenk der Volksrepublik China, im Rahmen eines Festakts in Trier enthüllt worden.
2,3 Tonnen schwer und 5,50 Meter hoch hat diese Bronzestatue des chinesischen Künstlers Wu Weishan Freund wie Feind angezogen. In direkter Nachbarschaft wehten die roten Fahnen von mehr als 600 Kommunisten aus Deutschland, Luxemburg, Frankreich und Britannien sowie Anhängern der Partei Die Linke, die zuvor auf einer »antikapitalistischen Demonstration« durch die Innenstadt gezogen waren. Dahinter, rund 50 Meter entfernt, protestierten etwa 20 Mitglieder von AfD und deren Jugendabteilung unter dem Motto »Marx vom Sockel holen! 100 Millionen Tote klagen an« gegen den Trierer Philosophen, die Politprominenz sowie die geladenen chinesischen Staatsgäste. Noch kleiner war das Häuflein der NPD, das sich aus den gleichen Motiven eingefunden hatte. Auf dem Hauptmarkt wiederum hielten Jünger der Politsekte Falun Gong Yogaübungen ab, währenddessen behauptete ein Redner, die weltweite »kommunistische Gewaltherrschaft« sei schlimmer gewesen als die Nazidiktatur.

Geradezu reflexartig betonte der Trierer Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD) als Eröffnungsredner des Festakts, daß der Erinnerung an Karl Marx die »Aufarbeitung der Verbrechen in der DDR« zur Seite gestellt werden müsse, und Malu Dreyer (ebenfalls SPD), die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, sekundierte, »die Greueltaten des 20. Jahrhunderts« könnten Marx nicht angelastet werden. Substantieller waren die Reden der Gäste aus der Volksrepublik. Guo Weimin, Vizeminister des Informationsbüros des chinesischen Staatsrats, teilte seinen meist deutschen Zuhörern mit, daß der Marxismus den Chinesen auf ihrem Weg zum Sozialismus ein Kompaß sei. Sein Land strebe eine Außenpolitik der friedlichen Entwicklung und des Ausgleichs der Nationen an. Shi Mingde, Chinas Botschafter in der Bundesrepublik, verwies auf die erfolgreiche ökonomische Entwicklung der Volksrepublik. Der erreichte Wohlstand »ist auch Karl Marx zu verdanken«, sagte Shi.
Kubas oberster Diplomat in Deutschland, Botschafter Ramón Ignacio Ripoll Díaz, sprach derweil auf einer separaten Festveranstaltung von DKP und SDAJ von Marx’ Bedeutung für die sozialistische Inselrepublik. Die Kommunisten ehrten mit ihrer Konferenz den Philosophen, indem sie die Konsequenzen aus seinen Gedanken ernst nahmen und daran erinnerten, daß es keinen Marx ohne Klassenkampf geben könne und keinen Klassenkampf ohne Marx geben sollte.
Daniel Bratanovic, Trier
Montag 7. Mai 2018
