»Wie ein Feuerwerk«

Der Westen hat in Syrien enorm an Glaubwürdigkeit verloren

Mit geradezu stoischer Ruhe haben die Bürger von Damaskus den koordinierten Angriff der USA, Britanniens und Frankreichs überstanden. In der Altstadt seien die Leute auf die Dächer geklettert, um das Spektakel besser sehen zu können, berichtete eine Bewohnerin der Altstadt. Wegen des großen Lärms der Luftabwehr sei sie aufgewacht. Andere beschrieben die Angriffe und Abwehr der syrischen Luftabwehr »wie ein Feuerwerk«.

Außerhalb der Hauptstadt sei wenig zu hören gewesen, berichtete Hussam M., der in einem Vorort westlich von Damaskus wohnt. Er habe von den Angriffen erst am Morgen gehört, als er seinen Frühstückskaffee getrunken und das Fernsehen angemacht habe. Die Nachrichtenagentur SANA zeigte Fotos aus Homs, Hama und Aleppo. Darauf gingen Leute ihrer gewohnten Arbeit nach, auch Frühsportler, die im Stadion ihre Runden drehten, waren unterwegs. »Wenn die Menschen in Syrien ein Problem haben, das sie nicht lösen können, überlassen sie es gern Gott«, erklärt Hussam, und fügt hinzu: »Uns fragt ohnehin niemand und tun können wir gegen diese geballte Macht und Gewalt auch nichts.«

Berichtet wurde von verschiedenen Protesten gegen die Angriffe, bei denen Fahnen geschwenkt und nationale Lieder gesungen wurden. Ein Gesprächspartner sagte, er habe den Eindruck, Syrien habe politisch trotz der Angriffe und westlicher Machtdemonstration gewonnen. Der Westen hat in Syrien enorm an Glaubwürdigkeit verloren.

Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums waren insgesamt 101 Raketen und Marschflugkörper registriert worden. Etwa drei Viertel davon, 71, hätten ihre Ziele nicht erreicht. Einer Auflistung ist zu entnehmen, welche Orte angegriffen wurden. Die Zahl in Klammern ist die Zahl von Raketen, die auf den Ort gefeuert wurden. Die andere Zahl zeigt an, wie viele Raketen das Ziel nicht erreichten: Internationaler Flughafen von Damaskus: 4 (von 4). Dumair, militärischer Flughafen: 12 (von 12). Der militärische Flughafen Blaii 18 (von 18). Luftwaffenstützpunkt Shayiat, bei Homs: 12 (von 12). Mezzeh Flughafen in Damaskus: 5 (von 9). Eine nicht näher benannte Einrichtung bei Homs: 13 (von 16). Die Forschungszentren Barzeh und Jumraya, in bzw. bei Damaskus: 7 (von insgesamt 30).

Bei Him Shinshar, westlich von Homs sei ein Lager für Chemiewaffen angriffen worden, behauptet die USA-Armee. General Dunford sagte, man gehe davon aus, daß es sich um die »wichtigste Lagerstätte für syrisches Sarin« und die Ausrüstung für dessen Herstellung handele. Insgesamt seien 22 Raketen auf die Einrichtung abgefeuert worden. Wie verseucht muß das Gebiet um diese Einrichtung nach dem Angriff sein, sollte dort wirklich Sarin gelagert sein?!

Jumraya, eine Forschungseinrichtung nördlich von Damaskus war bereits wiederholt von israelischen Kampfjets angegriffen worden. Bei dem Forschungszentrum Barzeh im Osten von Damaskus handelt es sich nach Angaben eines Mitarbeiters um ein pharmazeutisches Institut, das unter anderem auf Medizin für Krebserkrankungen spezialisiert ist. Hier werden chemische und pharmazeutische Importprodukte – für Medizin und für die Nahrungsmittelherstellung - chemisch analysiert. Basisprodukte für die Medikamentenproduktion werden hergestellt. Besondere wichtig sind dabei Medikamente für die Krebstherapie, weil diese wegen der von der EU und den USA verhängten Wirtschaftssanktionen gegen Syrien kaum nach Syrien gelangen. Die Labors des Barzeh-Instituts wurden bereits früher von UNO-Inspektoren der Organisation für das Verbot von Chemischen Waffen (OPCW) benutzt, hieß es in einem Bericht der Nachrichtenagentur SANA. Die OPCW-Mitarbeiter hatten hier Proben gesammelt und untersucht. Zwei Mal bereits hat die OPCW dem Institut Barzeh bescheinigt, nichts mit chemischer Waffenproduktion zu tun zu haben.

Einen Tag vor dem koordinierten Angriff der USA, Frankreichs und Britanniens war das zweite von zwei OPCW-Inspektorenteams in Damaskus eingetroffen. Ihr Auftrag ist, in Douma zu untersuchen, ob dort eine Woche zuvor ein Angriff mit Chemiewaffen stattgefunden haben kann. Der Ort wurde bis vor kurzem von der »Armee des Islam« kontrolliert und liegt in der östlichen Ghouta.

Der libanesische Präsident Michel Aoun und Verteidigungsminister Yacoub Riad Saraf beschwerten sich beim UNO-Generalsekretär gegen den Mißbrauch des libanesischen Luftraums durch die USA, Britannien und Frankreich für deren Angriff auf Syrien. Das Vorgehen verletzte die staatliche Souveränität des Libanon und damit das Völkerrecht, hieß es in Beirut. Bisher wird das bereits systematisch von Israel getan. Das syrische Fernsehen zeigte am Samstag, wie Präsident Assad, der sich verschiedenen Berichten zufolge mit der Familie in Teheran aufhalten soll, mit einer Aktentasche im Präsidentenpalast in Damaskus eintrifft und zur Arbeit geht.

Karin Leukefeld, Beirut

Trümmer des Forschungszentrums in Barsah, in dem u.a. Medikamente für die Krebstherapie produziert wurden (Foto: Uncredited/SANA/AP/dpa)

Montag 16. April 2018