Unser Leitartikel:
Risikofaktor Arbeitsplatz

Einen Arbeitsplatz zu bekommen, der nicht nur eine akzeptable Entlohnung bietet, sondern auch eine gewisse Sicherheit auf mehrere Jahre hinaus, das zählt heutzutage schon fast als Glücksgriff. Viele, die ohne Beschäftigung sind, träumen davon. Doch offenbart sich häufig erst nach Wochen und Monaten, wenn eine Stelle nicht den Erwartungen entspricht, weil die Qualität der Arbeit und das Arbeitsklima nicht bei einem Probe-Arbeitstag oder einem Vorstellungsgespräch erfaßbar sind. Dann kann es schnell schwierig werden für Körper und Psyche.

Laut dem »Quality of Work Index«, welcher seit 2013 von CSL und Universität erhoben wird, stehen die Zeichen, solch problematische Arbeitsverhältnisse betreffend, nicht zum Positiven. Burn-out ist das Damoklesschwert, welches über den Köpfen solcher Beschäftigten schwebt, jedoch in unserer sogenannten »Leistungsgesellschaft« noch immer als Vorwand für »Arbeitsscheu« gedeutet wird. Die Gefahr, davon betroffen zu werden, ist laut diesem Index in den vergangenen Jahren um rund 6 Prozent auf 23 Prozent gestiegen.

Nicht nur psychische Probleme können im Verlauf einer solchen Belastungserkrankung auftreten, sondern auch körperliche Warnsignale, wie Magen-Darm-Probleme oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Werden diese Signale, durch Veränderungen im betroffenen Betrieb oder durch einen »Tapetenwechsel« des Angestellten, nicht rechtzeitig ernst genommen, kann es sein, daß von einem Tag auf den anderen nichts mehr geht.

Obwohl die Statistiken zeigen, daß rund jeder zweite Krankheitstag EU-weit auf psychische Belastungsprobleme aus solchen Beschäftigungsverhältnissen zurückzuführen sind, scheinen die Unternehmen keinen Handlungsbedarf zu sehen. Im Gegenteil wird in schöner Regelmäßigkeit über »Absentismus« oder Unflexibilität oder zu hohe Löhne gejammert, auch wenn die Statistiken genauso regelmäßig gegenteiliges offenbaren.

Viele Betriebe sehen in erster Linie das Produkt oder die Unternehmensziele, als das, was hinten rauskommen soll. Was drinnen passiert, nämlich die Qualität des Arbeitsplatzes, an dem die Menschen einen großen Teil ihrer Zeit verbringen müssen, ist bestenfalls viert- bis fünftrangig. Und dabei geht es nicht nur um physische Überlastung, in wenig Zeit immer mehr Dinge erledigen zu müssen.

Dies ist eine Ursache für Probleme. Nein, in vielen Fällen sind es auch mangelnde Anerkennung, schlechter Umgang unter den Menschen, dem keine Abhilfe geschaffen wird oder schlicht die Unfähigkeit von Vorgesetzten, mit Menschen umgehen zu können. Unkonkrete und unlogische Arbeitsvorgaben, schlechte Urlaubsplanung oder andere Situationen, die unzufrieden machen und demotivieren, gehören auch dazu.

Den Betrieben muß deutlich gemacht werden, daß mit derlei Dingen nicht nachlässig umgegangen werden darf, weil es die gesundheitlichen Risiken der Beschäftigten genauso erhöht, wie etwa eine schlecht gesicherte Baustelle und daß diese internen Anforderungen genauso wichtig sind, wie die Qualität des Produktes, welches am Ende einer Arbeitsleistung steht.

Dazu würde eine unabhängige Arbeitsmedizin hilfreich sein, wie auch die systematische Veröffentlichung von Kennzahlen im Zusammenhang mit schlechter Arbeitsqualität. Es kann nicht sein, daß laute Forderungen immer nur von Patronatsseite gestellt werden.

Christoph Kühnemund

Donnerstag 29. März 2018