Das Ziel heißt »Sieg«

Afghanistan: Washingtons Strategie stößt selbst in
Kabul auf wachsenden Widerspruch

Für die US-Amerikaner stellt sich die Lage in Afghanistan als pures Chaos dar. Der Ausweg daraus soll nun laut Präsident Barack Obama in einem Strategiewechsel gesucht werden. Die Kernüberlegung dabei: Mit noch mehr Gewalt, Repression – und einer wesentlich mit weiteren US- und NATO-Soldaten aufgestockten Besatzungstruppe – wird am Hindukusch endlich Ruhe und Ordnung geschaffen werden.

Die deutsche Bundeswehr und die meisten anderen am Afghanistan-Feldzug beteiligten Europäer setzen auf eine andere Strategie. Sie favorisieren eine Mischung aus Krieg und zivilem Aufbau. Sie halten dies für eine Variante, vom wachsenden Haß der afghanischen Bevölkerung verschont zu bleiben und zugleich die Zahl der eigenen Toten in Grenzen zu halten. Allerdings sehen sie sich nunmehr – und nicht erst seit der Münchener Sicherheitskonferenz vom vergangenen Wochenende – mit Forderungen der USA und auch des NATO-Generalsekretärs Jaap de Hoop Scheffer nach stärkerem Einsatz konfrontiert. Es solle eine »gerechtere Aufteilung der Lasten« erreicht werden.

Eine ganz andere Politik möchte der von Washington einst ins Amt gehievte Präsident Hamid Karsai verfolgen. Wie andere einheimische Akteure macht er insbesondere die exzessive Gewaltanwendung der ausländischen Militärs, die häufig ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung agieren, für das Chaos verantwortlich. Am Montag wurden von westlichen Fernsehstationen in Auftrag gegebene flächendeckende Umfragen veröffentlicht, die bestätigten, daß die sehr große Mehrheit der Afghanen weit mehr Angst vor den vorgeblichen westlichen Beschützern hat als vor den aufständischen Taliban.

An einen Sieg der christlichen Krieger aus dem Westen glauben ohnehin schon seit langem nur noch wenige. Die Unterstützung der NATO-Soldaten durch die Bevölkerung tendiert auch aus diesem Grund gegen null. Daraus schlußfolgert Karsai, daß langfristig ein afghanischer Frieden nur durch eine Aussöhnung mit »gemäßigten« Taliban möglich sei – wie auch immer »gemäßigt« definiert wird. Dementsprechend setzt er auf Verhandlungen.

Washington und London haben den Präsidenten jedoch sogleich abblitzen lassen: Ein politischer Kompromiß mit den Taliban komme nicht in Frage, so deren derzeit eindeutige Position. Diese ergibt sich insbesondere daraus, daß für die USA in Afghanistan nicht zuerst das Erreichen eines Friedensstatus zählt. Vielmehr wird von allen US-Denkfabriken und Beraterstäben immer wieder betont, daß es in dem besetzten Land um die Zukunft der NATO und um »die Glaubwürdigkeit und Fähigkeit der USA, das Bündnis weiter zu führen«, geht.

Oder anders: Für Washington steht seine sicherheitspolitische und damit seine weltpolitisch führende Rolle auf dem Spiel – auch die politische und ökonomische Oberaufsicht über Europa. Vorrangig aus diesem Grund kann es – so heißt die Formel aus Washington – in Afghanistan »keine Alternative zum Sieg geben«. Ein »fauler Kompromissfrieden«, auch nur mit Teilen der »gemäßigten« Taliban, ist für Washington inakzeptabel. Allerdings geht es den USA nicht nur um den weiteren Zusammenhalt der NATO unter ihrer Führung, sondern um die Statuierung eines globalen Exempels. Obama hat mit dem Versprechen sein Amt angetreten, die »amerikanische Führerschaft« in der Welt wiederherzustellen. Daher muß die USA-Regierung Freund und Feind beweisen, daß sie – wenn auch mit NATO-Unterstützung – in der Lage ist, einem Land wie Afghanistan ihren Willen aufzuzwingen. Von Erfolg oder Mißerfolg hängt schließlich auch die Verwirklichung der weitreichenden Pläne für die »globale NATO« ab, die als Hilfstruppe des US-Imperiums für Interventionen rund um den Globus zur Verfügung stehen soll.

Die USA und Großbritannien sind in Afghanistan ausschließlich an einem totalen Sieg interessiert, der von niemandem angezweifelt werden kann und deshalb globale Signalwirkung hat. Daher wird die einst folgsame Marionette Karsai mit der Kritik an dem militärischen Vorgehen der Besatzer inklusive verschiedener Massaker an der afghanischen Zivilbevölkerung sowie mit seiner gefährlichen Vorstellung von einer Aussöhnung mit den Taliban zunehmend zu einem Ärgernis für die westlichen Strategen.

Am 4. Februar hat der Präsident erstmals auch öffentlich seine tiefgehenden Kontroversen mit Washington eingestanden. Gleichzeitig wird er seit einiger Zeit in US-Medienberichten, die sich meist auf ungenannte US-Regierungsbeamte berufen, systematisch diskreditiert. Insbesondere wird ihm vorgeworfen, Korruption zu dulden – ein Witz, denn die US-Regierung hat sich noch nie über Korruption bei befreundeten Diktatoren aufgeregt. Doch offensichtlich ist man in Washington fest entschlossen, Karsai abzuservieren und bei den Wahlen im Herbst einen willfährigeren Präsidenten für Afghanistan wählen zu lassen.

Rainer Rupp

Freitag 13. Februar 2009