Banker warnen vor Banken

Wer viel hat, ist meist auch hochverschuldet. Was zunächst paradox wirkt, entspricht aber der Logik des Kapitalismus und des Geldes. Der Kapitalist, der bereits viel eigenes Geld angehäuft hat, erhält von der Bank mehr Kredit und zu günstigeren Zinsen als der Anfängerkapitalist, der den Kredit wirklich braucht, um überhaupt ins Geschäft zu kommen. In einem funktionierenden Konkurrenzkapitalismus reizen auch die großen Kapitale ihre Kreditfähigkeit aus, um mindestens so schnell wie die »Wettbewerber« investieren, also akkumulieren zu können.

Die Lage ist seit mehr als hundert Jahren nicht mehr ganz so. Die Monopole können mehr Kredit aufnehmen, als sie brauchen. Die Banken oder auch die Anleihemärkte geben ihnen gern und verlangen kaum Zins dafür. Nur, was soll so ein arriviertes Monopol mit dem vielen Geld? Es wird zum Kauf anderer Unternehmen verwendet, um die Konkurrenz auf diesem Weg klein zu halten.

Traditionell sind es in kapitalistischen Volkswirtschaften die Unternehmer (Kapitali­sten), die Schulden aufnehmen. Kreditgeber sind die Banken oder, allgemeiner gesprochen, der Finanzsektor. Im Monopolkapitalismus generell, besonders aber seit der Umbruchkrise der 70er Jahre, ist die Nachfrage der in Industrie und Handel tätigen Kapitalisten nach Kredit relativ gering. Dennoch ist in den hochentwickelten Volkswirtschaften dessen Volumen relativ zur Gesamtleistung gewachsen. Der Finanzsektor selber, die Haushalte (also überwiegend die Lohnabhängigen) und der Staat sind als Kreditnehmer dazugekommen. Das Institute of International Finance IIF, der Lobbyverband der international tätigen Großbanken, stellt fest, daß die Gesamtverschuldung in den 21 Ländern des entwickelten Kapitalismus von Ende der 90er Jahre bis 2008 von 290 auf 380 Prozent an der gemeinsamen wirtschaftlichen Gesamtleitung gestiegen ist. Seitdem ist sie ungefähr gleichgeblieben.

Jetzt kommt der Clou: Noch 2008 war die Verschuldung der vom IIF beobachteten 26 sogenannten Schwellenländer, also der peripheren, weniger weit entwickelten kapitalistischen Länder, mit 148 Prozent an ihrer Gesamtleistung deutlich niedriger als im Zentrum. Seitdem aber hat die Peripherie – unter Führung Chinas – aufgeholt: Ihre Verschuldung ist in den knapp zehn Jahren seitdem kräftig auf nun 211 Prozent am Gesamtprodukt gestiegen. Es besteht kein Grund, an den Kreditdaten des Bankenverbandes zu zweifeln. Sie entsprechen der Ausgangsthese. Nicht nur der reiche Kapitalist ist höher verschuldet als der weniger reiche, auch die durchkapitalisierten Volkswirtschaften funktionieren mit einem deutlich höheren Kreditvolumen als die weniger reichen. Letztere holen rasant auf.

Jetzt sind die Finanzlobbyisten des Zentrums wegen des zu schnellen Kreditwachstums in den Schwellenländern besorgt. Die Banker warnen vor den Banken. Scheinheilig sind sie, aber sie könnten recht haben. Durch die bisher letzte Finanzkrise sind die Schwellenländer weit besser gekommen als die kapitalistischen Zentren. Das muß in der nächsten Runde nicht so bleiben.

Lucas Zeise

Manchmal soll es schon Gegenverkehr gegeben haben. Plakat im Hamburger Gängeviertel 2017 (Foto: dpa)

Dienstag 13. März 2018