Stutthof, das lange verschwiegene KZ

Anfang Juli, ein verregneter Samstag. Der Parkplatz vor dem Muzeum Stutthof in Sztutowo, 36 Kilometer östlich von Danzig, ist gegen Mittag fast gefüllt. Rund um das Gelände des früheren deutschen Konzentrationslagers, einer weiten kahlen Fläche mit einzelnen Gebäuden und Rasenstücken, steht hoher Wald. Als dort an der Jahreswende 1944/45 über 50.000 Menschen zusammengepfercht worden waren, waren die Bäume weithin gerodet, um mehr Häftlingsbaracken aufzustellen. Die heutigen Bäume sind in den vergangenen 70 Jahren gewachsen, die Gedenkstätte wurde 1962 eröffnet.

An diesem Samstag sind nicht wenige Menschen auf dem Gelände unterwegs, zumeist junge polnische Familien mitgrößeren Kindern. In der kleinen Buchhandlung im Besucherzentrum vor dem Eingang in die Gedenkstätte ist auch deutschsprachige Literatur zu haben – eine Broschüre zu den 31 Stationen des Rundgangs und z. B. die 3. Auflage des von Hermann Kuhn in der Bremer Edition Temmen herausgegebenen Bandes »Stutthof. Ein Konzentrationslager vor den Toren Danzigs«. Kuhn schreibt im Vorwort zur ersten Auflage von 1995: Über die Existenz des Konzentrationslagers Stutthof und dessen Geschichte sei »fünfzig Jahre lang in Deutschland kaum etwas bekannt geworden«. Dabei sei Stutthof nicht nur das erste Lager außerhalb des Deutschen Reiches gewesen, nämlich auf dem Gebiet der Freien Stadt Danzig, die seit dem Ersten Weltkrieg unter dem Mandat des Völkerbundes gestanden hatte. Dieser Status wurde am ersten Kriegstag sofort gegen geltendes Recht beseitigt.

Das ist eine Besonderheit, die aufmerken läßt. Zumal sich herausstellt: Stutthof war nicht sofort Konzentrationslager, obwohl es dessen Merkmale hatte. Es galt zunächst als »Zivillager«, dann als SS-Sonderlager. Dem stattete Heinrich Himmler am 23. November 1941 einen Besuch ab, und erst danach wurde es der SS-Behörde in Berlin, die für die Verwaltung aller Lager zuständig war, unterstellt. Das Lager war bis dahin so etwas wie die Privathölle, die sich Danzigs Faschistenhäuptlinge für ihre Mitbürger ausgedacht hatten. Es ging offenbar, soweit eine solche Bewertung überhaupt möglich ist, noch bestialischer zu als anderswo. Damit hängt eine zweite Besonderheit zusammen, die mit einiger Wucht beim Besuch dieser Gedenkstätte ins Bewußtsein dringt: Die Bevölkerung Danzigs war seit 1933 mehrheitlich begeistert von den Nazis, wählte sie noch 1935 in freien und allgemeinen Wahlen mit bis zu 60 Prozent und jubelte zum größten Teil oder machte mit bei der Verfolgung von Polen, Juden, Sozialdemokraten und Kommunisten. Und in Stutthof wird noch mehr dokumentiert: Die Mehrheit der Deutschen, die rund um Danzig und im sogenannten Westpreußen auf dem Land lebten, ermordeten in den ersten Monaten des Krieges massenhaft ihre polnischen Nachbarn.

Die ersten Gefangenen waren vor allem Polen aus Danzig, die am 1. September zusammengetrieben, unter dem Jubel der deutschen Bevölkerung in Schulen und Gefängnissen festgehalten und am nächsten Tag nach Stutthof geschafft worden waren. Sie mußten das Lager aufbauen.

Bis zum 9. Mai 1945 existierte es dann, d.h. länger als viele andere Konzentrationslager, die von der Roten Armee bei ihrem Vormarsch befreit worden waren. Zwischen 110.000 und 120.000 Menschen aus 25 Staaten wurden dorthin deportiert, vornehmlich Polen, Juden und Russen. Etwa 65.000 Menschen kamen ums Leben. Die SS und ihre Kumpane in der deutschen Industrie verdienten auch hier an den Arbeitssklaven – Häftlinge wurden an Betriebe »verliehen«, die zum Teil Hunderte Kilometer von Stutthof entfernt lagen. Als die Wehrmacht vor der Roten Armee zurückwich, wurden vor allem jüdische Frauen, insgesamt etwa 47.000 Häftlinge, aus Lagern in den heutigen baltischen Republiken nach Stutthof gebracht. Kommandant Paul Werner Hoppe leitete sie entweder sofort nach Auschwitz weiter oder ließ sie durch Giftspritzen und Genickschüsse ermorden. Ende Juni 1944 wurde ein Lager im Lager eingerichtet, das für etwa 16.000 jüdische Frauen bestimmt war, das »Judenlager«. Es waren Totenblöcke. Dort brach Ende 1944, Anfang 1945 eine Typhusepidemie aus. Ende April 1945 verbrannte die flüchtende SS die Baracken dieses Lagers. Die Faschisten schickten seit Februar 1945 Zehntausende Häftlinge auf Todesmärsche Richtung Westen oder brachten sie über die Ostsee. Ungezählte sind dabei umgekommen oder ertrunken.

Ein Teil der Geschichte Stutthofs spielt so auch in Neustadt in Holstein. Hier sei kurz aus einem Internet-Lexikon zitiert: »Vor Neustadt wurden am 3. Mai 1945 das ehemalige Fahrgastschiff ,Cap Arkona‘ und die kleinere ,Thielbek‘ mit Häftlingen des KZ Neuengamme von alliierten Flugzeugen versenkt, eine der drei schwersten Katastrophen der Seefahrt in der Geschichte.

Die Bewohner der Stadt selbst spielten in diesem Zusammenhang eine unrühmliche Rolle: Häftlinge aus dem KZ Stutthof bei Danzig, die die SS mit Lastkähnen über die Ostsee transportieren ließ, sollten ursprünglich ebenfalls auf die ,Cap Arcona‘ verschifft werden, wurden jedoch wegen Überfüllung des Schiffs abgewiesen. Angesichts der militärischen Lage und des Vorrückens britischer Vorauskommandos verließen die SS-Wachmannschaften die Lastkähne. Die Schiffe trieben ans Ufer, wo sich die Häftlinge am frühen Morgen des 3. Mai auf die Suche nach Nahrungsmitteln im Raum Neustadt machten. Aufgeschreckte Neustädter Bürger, Angehörige der Kriegsmarine sowie einer Versehrteneinheit und des Volkssturms trieben daraufhin in der sogenannten ‚Sammelaktion‘ die Häftlinge zusammen und erschossen fast 300 von ihnen, darunter Frauen und Kinder. Die übrigen wurden auf das Schiff ,Athen‘ gebracht, das am Marinehafenkai lag, wo etliche von ihnen den Luftangriffen zum Opfer fielen.«

Baracken für die Gefangenen, im Hintergrund die Kommandantur

In abgedichteten Güterwaggons und in einer Gaskammer waren in Stutthof in der zweiten Jahreshälfte 1944 Tausende arbeitsunfähige Juden, polnische Partisanen, Behinderte und sowjetische Kriegsgefangene ermordet worden.

Die Besucher werden an dem Kommandanturgebäude, das an Stelle eines Alters- und Erholungsheims 1940/ 1941 errichtet wurde, vorbeigeleitet. In seinem hinteren Teil wird zu einer etwa 25-minütigen Vorführung von Dokumentarfilmen eingeladen. Sie entstanden unmittelbar nach der Befreiung, als eine sowjetische Untersuchungskommission das Lager inspizierte, und während eines der Prozesse, die in Danzig seit 1946 gegen SS-Leute, Aufseherinnen und sogenannte Funktionshäftlinge stattfanden.

Keiner der Kommandanten des Konzentrationslagers stand vor einem polnischen Gericht: Der erste, SS-Hauptsturmführer Max Pauly, war seit 1942 Kommandant des Konzentrationslagers Neuengamme bei Hamburg gewesen. Er wurde wegen seiner Verbrechen dort von einem britischen Militärgericht zum Tode verurteilt und 1946 hingerichtet. Die Anklage umfaßte nicht seine in Stutthof begangenen Verbrechen. Der zweite Kommandant in Stutthof, SS-Sturmbannführer Paul Werner Hoppe, wurde 1955 in Bochum zunächst zu fünf Jahren Haft, im Revisionsprozeß zu neun Jahren verurteilt. Er wurde 18 Monate vor Ablauf seiner Strafe entlassen und starb 1974 in Freiheit. Polnische Zeugen wurden in Bochum vom Gericht nicht geladen – ebenso wie bei Verfahren gegen weitere faschistische Verbrecher, die in der Bundesrepublik lebten. Von den etwa 3.000 Mitgliedern der SS-Besatzung Stutthofs wurden 72 Männer und sechs Aufseherinnen vor Gericht gestellt. So erklärt sich, daß Stutthof und die Verbrechen rund um seine Entstehung 50 Jahre lang in der Bundesrepublik keine Rolle spielten.

Arnold Schölzel

Aus: »RotFuchs«, Dezember 2017 Teil 2 erscheint morgen.

Eingang ins Alte Lager, genannt Todestor

Donnerstag 7. Dezember 2017