Hoher Besuch aus dem Sternenstädtchen

Kosmos-Legende Krikaljow eröffnet Sputnik-Ausstellung in Luxemburg

Erste ISS-Bewohner: Sergej Konstantinowitsch Krikaljow, William Shepherd und Juri Pawlowitsch Gidsenko (v.l.n.r.)


Mit dem Start des ersten sowjetischen Satelliten »Sputnik 1« am 4. Oktober 1957 begann vor 60 Jahren das Zeitalter der Raumfahrt. Der Sputnik war das erste künstliche, von Menschenhand geschaffene Objekt, das die Erde verließ und in eine orbitale Flugbahn um die Erde einschwenkte. Knapp einen Monat später startete die Sowjetunion den »Sputnik 2«, mit dem ersten höheren Lebewesen, der Hündin Laika an Bord, welche ebenfalls den Erdball umrundete.

Aus Anlaß dieser Jubiläen wird am kommenden Samstag die Sputnik-Ausstellung in Luxemburg eröffnet, und zur Vernissagefeier wird der Chef der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos, Sergej Krikaljow erwartet. Der ehemalige Kosmonaut ist inzwischen in Raumfahrerkreisen weltweit zu einer Ikone geworden.

Der Rekordhalter

Mit sechs Raumflügen und über 803 Tagen Gesamtaufenthalt im Erdorbit war er von 2005 bis 2015 der Raumfahrer mit der längsten Aufenthaltsdauer im Weltall, bis Gennadi Iwanowitsch Padalka diesen Rekord überbot. Durch den sechsten Flug von Juri Iwanowitsch Malentschenko ist er heute immerhin noch auf Platz drei der Liste der Raumfahrer mit der längsten Aufenthaltsdauer im Weltall.

Sergej Konstantinowitsch Krikaljow wurde am 27. August 1958 in Leningrad geboren. Er studierte Konstrukteurswesen und Maschinenbau am Leningrader Mechanischen Institut. Bereits 1985 profilierte er sich als junger Raumfahrtexperte durch seine Hilfe bei der Rettung der damals ins Trudeln geratenen Station »Saljut 7«. Im Orbit erlitt die ehemalige Station einige technische Pannen, die jedoch von den jeweiligen Besatzungen beseitigt wurden. Im Mai 1982 war das erste Mal in der Geschichte ein Satellit von einer Raumstation ausgesetzt worden – der Amateurfunksatellit »Iskra 2«.

Die Station wurde besonders für Andockmanöver großer Stationsmodule benutzt und half den Ingenieuren neuartige Annäherungs- und Kopplungstechnologien zu entwickeln, die für den Bau der Raumstation »MIR« benötigt wurden.

Am 2. September 1985 wurde Krikaljow als Kosmonaut auserwählt. Nach erfolgreichem Abschluß der Grundausbildung im Jahre 1986 bereitete er sich im Rahmen des Programms »Buran« als Mitglied einer Besatzung unter dem Kommandanten Alexander Wladimirowitsch Schtschukin auf seinen Ersteinsatz vor. Nach dem ersten unbemannten erfolgreichen Flug des »Buran« wurde das Programm jedoch eingestellt und Krikaljow wechselte in das »MIR«-Programm, mit dem seine bespiellose Karriere als Kosmonaut begann.

Sojus TM-7

Sein erster Raumflug führte ihn mit dem Raumschiff »Sojus TM-7« zur Raumstation »MIR«. Der Start erfolgte am 26. November 1988 vom sowjetischen Weltraumbahnhof Baikonur. Wolkow und Krikaljow flogen als Ablösung von Titow und Manarow zur »MIR«, während der französische Wissenschaftskosmonaut Jean-Loup Chrétien die beiden begleitete, aber lediglich drei Wochen an Bord der Station arbeitete. Eigentlich sollte der Start am 21. November erfolgen, wurde jedoch verschoben, damit der französische Präsident François Mitterrand diesem beiwohnen konnte.

Die Besatzung absolvierte ein umfangreiches Forschungsprogramm mit mehr als 5.000 Einzelexperimenten aus verschiedenen Fachgebieten. Die Rückkehr zur Erde erfolgte am 27. April 1989 nach 2.450 Erdumrundungen nordöstlich von Dscheskasgan in Kasachstan. Krikaljows Erstflug dauerte damit beachtliche 151 Tage, elf Stunden, acht Minuten und 24 Sekunden.

SojusTM-12

Sein zweiter Flug zur »MIR« startete am 18. Mai 1991 mit »Sojus TM-12«. Dieses Mal dauerte sein Aufenthalt an Bord der Raumstation 311 Tage und enthielt sieben Außenbordeinsätze. Er kehrte am 25. März 1992 an Bord von »Sojus TM-13« zur Erde zurück.

Arzebarski und Krikaljow lösten die alte Stammbesatzung ab, und auch die Britin Helen Sharman kehrte nach einwöchigem Flug in der Raumstation »MIR« zur Erde zurück. Ihr von britischen Unternehmen bezahlter Raumflug beinhaltete biologische und chemische Experimente. Außerdem hielt Sharman eine Unterrichtsstunde, die direkt in britische Klassenzimmer übertragen wurde.

Für die neue Stammbesatzung standen vor allem Experimente zur Astronomie, Biologie, Chemie, Erderkundung, Raumfahrttechnik, Materialwissenschaft und Medizin auf dem Programm. Außerdem führten die Kosmonauten Wartungsarbeiten aus und wechselten mehrere Apparaturen gegen neue Systeme. Bei insgesamt sechs Ausstiegen arbeiteten die beiden Kosmonauten 32 Stunden und 23 Minuten im Weltraum.

Krikaljow war während der Auflösung der Sowjetunion auf der »MIR« stationiert und erlebte im Weltall die Wahl Boris Jelzins zum russischen Präsidenten, den Putsch in Moskau, sowie die Auflösung der UdSSR. Sergej Krikaljow mußte sechs Monate länger als vorgesehen im All bleiben, da die nächsten beiden geplanten Starts aus Geldmangel zusammengelegt wurden und somit nur ein Mitglied der Stammbesatzung ausgetauscht werden konnte. Aus politischen Gründen wurde im Oktober 1991 anstatt der vorgesehenen Langzeitablösung aus Rußland der Kasache Toqtar Ongharbajuly Äubäkirow zur »MIR« geschickt. Die Russen kamen damit einer Bitte der bald unabhängigen Republik Kasachstan entgegen, auf deren Staatsgebiet sich das Kosmodrom Baikonur befindet.

Als Sowjetbürger gestartet, kehrte Sergej Krikaljow nach zehn Monaten am 25. März 1992 als Bürger der Russischen Föderation auf die Erde zurück. Während seines Fluges wurde als Folge der politischen Veränderungen auch seine Heimatstadt Leningrad in St. Petersburg umbenannt.

STS-60

Als die US-amerikanische Weltraumbehörde NASA ankündigte, daß bei einem künftigen Flug des Space Shuttles ein erfahrener Kosmonaut an Bord sein sollte, wurde Krikaljow von der russischen Raumfahrtbehörde nominiert und nahm am NASA-Astronauten-Training teil. Er vollzog seinen dritten Raumflug an Bord der Raumfähre »Discovery«. Er war der erste russische Raumfahrer, der in einem US-amerikanischen Raumschiff startete. Dieser Flug »STS-60« dauerte vom 3. Februar bis zum 11. Februar 1994. Es wurden unter anderem Experimente zur Beschleunigungsmessung durchgeführt. Bei weiteren Shuttle-Flügen im Rahmen des »Shuttle-MIR«-Programms arbeitete er in der Flugleitzentrale in Houston und unterstützte die Flüge STS-63, -71, -74 und -76 als sogenannter »Capcom«, als Verbindungssprecher zwischen den sich im All befindlichen Raumfahrern und der Bodenstation.

STS-88

Auch seinen vierten Raumflug führte Krikaljow an Bord eines Space Shuttle durch. Vom 4. Dezember bis zum 16. Dezember 1998 flog er an Bord der »Endeavour« die Mission STS-88, bei der aus den Modulen »Sarja« und »Unity« mit den beiden Kopplungsadaptern »PMA-1« und »PMA-2« die ersten Bausteine der Internationalen Raumstation ISS zusammengesetzt wurde. Es war der erste Flug eines Shuttle zur Internationalen Raumstation. Während dieses Fluges wurde die Internationale Raumstation (ISS) eingeweiht.

ISS-Expedition 1

Sergej Krikaljow gehörte zur ersten Stammbesatzung der ISS. Am 31. Oktober 2000 begann an Bord der »Sojus TM-31« sein fünfter Raumflug. Er arbeitete als Bordingenieur der »ISS-Expedition 1« bis das Shuttle »Discovery« ihn und seine Kollegen William Shepherd und Juri Pawlowitsch Gidsenko am 20. März 2001 zur Erde zurückbrachte. Dieser Flug hatte 140 Tage gedauert. Die Mannschaft lebte und arbeitete vom 2. November 2000 bis zum 18. März 2001 an Bord der ISS. Ihre Hauptaufgabe war die Aktivierung der wichtigsten Systeme der Raumstation. Außerdem wurden neue Apparaturen eingebaut, Fehler beseitigt und erste wissenschaftliche Arbeiten ausgeführt.

ISS-Expedition 11

Seinen sechsten und letzten Raumflug unternahm er als Kommandant am 15. April 2005 mit »Sojus TMA-6« zu seinem zweiten Besuch auf der Internationalen Raumstation der ISS-Expedition 11. Die Mannschaft arbeitete vom 17. April bis zum 10. Oktober 2005 an Bord der ISS. Dabei blieben Kommandant Krikaljow und Bordingenieur John Phillips allein auf der Raumstation zurück. Nach einer Woche intensiver Vorbereitung unternahmen beide am 18. August in »Orlan-M«-Raumanzügen einen Außenbordeinsatz. Für Krikaljow war es der achte Einsatz im freien Weltraum, Phillips hingegen war ein Außenbordneuling.

Sergej Krikaljow gelang die Reparatur der »Wosduch«-Apparatur und reparierte den Sauerstoffgenerator »Elektron«. Die Stationscomputer der ISS wurden auf das Betriebssystems Linux umgestellt. Als der Hurrikan »Rita« sich auf Houston zubewegte, mußte dem russischen Kontrollzentrum »Koroljow« die Kontrolle vorübergehend übertragen werden.

Parmesan und Zungen

Die Flugleitung genehmigte den zwei Männern am 27. August einen freien Tag – es war der 47. Geburtstag von Sergei Krikaljow. Er durfte zwei Gespräche mit Familienangehörigen auf der Erde führen. Erst am 10. September erreichte mit »Progress M-54« das nächste Versorgungsschiff die Raumstation. Es brachte zweieinhalb Tonnen Güter, darunter auch ein zwei-Personen-Festmahl mit italienischem Parmesan-Käse, Karbonade und eingelegte Zungen, damit Krikaljow seinen Geburtstag nachträglich feiern konnte.

Die Besatzung der »ISS-Expedition 11« mit dem Weltraumtouristen Gregory Olsen an Bord landete am 11. Oktober in der kasachischen Steppe in der Nähe von Arkalik. Sergej Krikaljow stellte mit diesem seinem letzten Flug einen neuen Langzeitrekord auf, der erst 2015 von Gennadi Padalka gebrochen wurde. Seine Gesamtflugzeit beträgt 803 Tage, 9 Stunden und 41 Minuten. Rein rechnerisch hat er damit fast eine Marsreise hinter sich. Während seiner Raumflüge hat er bei acht Außenbordeinsätzen insgesamt 41 Stunden und 26 Minuten außerhalb von Raumstationen gearbeitet.

Sergej Krikaljow wurden die Auszeichnungen »Held der Sowjetunion« und »Held der Russischen Föderation« verliehen. Nach Krikaljow ist der Asteroid (7469) »Krikalev« benannt. Der Kosmonaut ist verheiratet und hat eine Tochter. Nach seiner Kosmonautenlaufbahn war er Leiter des inzwischen zivilen Kosmonautentrainingszentrums »Juri Gagarin« sowie stellvertretender Direktor des Zentralen Forschungsinstituts für Maschinenbau TsNIIMash, ehe er seine Aufgaben bei »Roskosmos« übernahm.

Die Ausstellung »#Sputnik60« kann noch bis Ende des Monats im Russischen Kultur- und Wissenschaftszentrum, dem ehemaligen Centre Puschkin, 32, rue Goethe in Luxemburg-Stadt besucht werden. Zu Ehren, wie es heißt, aller Pioniere der Weltraumfahrt.

Pierre Buchholz

Dienstag 14. November 2017