Unser Leitartikel:
Stahlindustrie und Rotstift
Waren es vor Jahren die permanent schlechter werdenden Arbeitsbedingungen, nicht gewährte freie Tage, der zunehmende Druck sowie die allgegenwärtige Hetze, über die sich die Arbeiter und Angestellten aus der Stahlindustrie am meisten beschwerten, so dominieren heute völlig andere Sorgen. Inzwischen ist es die Zukunft des Standorts Luxemburg als Ganzes, die zunehmend beunruhigt. Ausgelöst wurde das schlechte Gefühl unter den Schaffenden durch die seit nun einem Jahr schon stark reduzierte Produktion, die zahlreichen Feierschichten sowie durch den anhaltenden Postenabbau, der trotz großen Ausmaßes so ziemlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchgeführt wird.
So wurden im letzten Jahr nahezu 600 Arbeitsplätze in der Stahlindustrie abgebaut. Den vielen Beruhigungsspritzen, mit denen die Stahlarbeiter immer wieder beschwichtigt wurden, wollen sie nicht mehr ohne Weiteres trauen. Zumal »um Terrain« vieles zunehmend drunter und drüber geht. Als Beispiel hierfür könnte die rezente Entscheidung dienen, einem ranghohen Mitarbeiter aus London die Verantwortung für die Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz übertragen zu haben, der sich in Luxemburgs Werken sicherlich kaum besser auskennen dürfte als Mittals verwöhnte Schwiegertochter.
Fakt ist, dass das Vertrauen bei den meisten Mitarbeitern in den Betrieben zusehends schwindet. Motiviert sind nur mehr die allerwenigsten. Dass sich in Gesprächen mit den Kollegen die meisten nichts sehnlicher wünschen als die Aufrechterhaltung der Vorruhestandsregelung – um den Problemen über diesen Weg zu entkommen – zeigt wohl zur Genüge, wie sehr sie die zunehmende Unsicherheit belastet.
Aufgrund der zu Beginn der Krise eingeführten Arbeitsorganisation fühlen sich viele sowieso bereits wie Frührentner auf Abruf. Dies betrifft allen voran jene, die in regelmäßigen Abständen von der Arbeit »befreit« werden. Was allerdings mit ihnen geschehen soll, wenn noch längere Zeit auf Sparflamme gefahren wird, und die »CDR« aus Kostengründen kein weiteres »überschüssiges« Personal mehr aufnehmen kann, kann ihnen niemand verraten. Weder ihre direkten Vorgesetzten im Betrieb, noch die Verantwortlichen in den Direktionsetagen.
Verständlich also, dass die Sorgen der Kollegen in den Betrieben wachsen. Zumal ihnen bekannt ist, dass in den Werken von ArcelorMittal im letzten Jahr weltweit mehr als 17.000 Arbeitsplätze vernichtet wurden, und der Konzern darüber hinaus vor Monaten angekündigt hat, bis 2014 bis zu 5 Milliarden Dollar einsparen zu wollen. Dass die Werke hierzulande sich nicht auf einer Insel befinden, an welcher Mittals Abbaupläne eventuell vorbeiziehen könnten, sehen sie in aller Deutlichkeit auch daran, dass unser Land von den katastrophalen Folgen der kapitalistischen Finanz- und Wirtschaftskrise bislang in keiner Weise verschont blieb. Die mehr als 20.000 Arbeitsuchenden und die Tausenden von Kurzarbeitern machen das zur Genüge deutlich.
Sicher ist, dass mit Hiobsbotschaften wie jener am Donnerstag aus Diekirch die Sorgen vieler Stahlarbeiter auch im neuen Jahr nicht kleiner werden.
gilbert simonelli
Gilbert Simonelli : Montag 11. Januar 2010
