Pflegesektor vor neuem alten Sozialkonflikt
OGBL-Zentralsekretärin Nora Back: Aus heutiger Sicht hätten wir im Februar streiken sollen
Am 15. Februar 2017 demonstrierten Mitarbeiter des Escher Spitals (Foto) und von Hëllef Doheem ihre Solidarität mit von Entlassung bedrohten Kolleginnen und Kollegen des Pflegeheims »An de Wissen« in Bettemburg. Dort wollte der Betreiberkonzern Sodexo 66 Arbeitsplätze abbauen
Alles auf Anfang? Der Pflegesektor steht offenbar vor einem neuen Sozialkonflikt, der im Kern ein jahrealter ist. Nachdem (nach mehr als zweijährigen Verhandlungen) im Juni dieses Jahres ein neuer Kollektivvertrag für die im Krankenhausbereich (FHL) und im August ein zweiter für die im Pflege- und Sozialbereich (SAS) Beschäftigten unterzeichnet wurden, mußten die Mitarbeiter mehrerer Pflegeeinrichtungen vor ein paar Tagen feststellen, daß die kollektivvertraglich vereinbarten Regelungen nicht auf ihre Gehaltsabrechnungen für Oktober angewendet wurden.
Betroffen sind laut Nora Back, der Zentralsekretärin des OGBL für das Syndikat Gesundheit und Sozialwesen, die Mitarbeiter der von ZithaSenior betriebenen Altenpflegeeinrichtungen in Petingen, Consdorf sowie die »Seniorie Saint Jean de la Croix« neben der Zitha-Klinik, die Pflegerinnen und Pfleger des »Parc du troisième âge« in Bartringen, der beiden hauptstädtischen Zivilhospize in den Stadtteilen Hamm und Pfaffenthal sowie erneut des Pflegeheims »An de Wisen« in Bettemburg, das von Sodexo (einem französischen Konzern mit einem Umsatz von 19,8 Milliarden Euro im Jahr 2015) betrieben wird.
Wie Nora Back am Dienstagvormittag auf einer Pressekonferenz am Hauptsitz des OGBL in Esch/Alzette erklärte, wurde den betroffenen Pflegerinnen und Pflegern eine Sonderprämie vorenthalten, die im Oktober fällig gewesen wäre, und die Direktionen der genannten Pflegeeinrichtungen hätten die Oktobergehälter nicht nach der neuen Gehaltstabelle auszahlen lassen. Mit den beiden neuen Kollektivverträgen seien Diskriminierungen der Gesundheits- und Sozialberufe beendet worden, die zum Teil seit Jahrzehnten bestanden.
»Zur Verteidigung der sozialen Errungenschaften der Schaffenden« kündigte Nora Back gestern neuerliche Proteste des OGBL-Syndikats in den genannten Pflegeeinrichtungen an. Es sei wichtig, die breite Öffentlichkeit für das Problem zu sensibilisieren, schließlich gehe es um öffentliche Gelder, die da landen müßten, wo sie landen sollen. Außerdem gehe das Thema Pflege alle an – entweder indirekt als Angehöriger oder direkt als Bewohner einer solchen Einrichtung.
»Aus heutiger Sicht hätten wir ab dem 21. Februar besser streiken sollen«, nachdem das Schlichtungsverfahren mit Sodexo offiziell für gescheitert erklärt worden war, erklärte Nora Back gestern. Erst nach einer Intervention der Regierung wurde der bereits beschlossene Streik im Bettemburger Pflegeheim »An de Wissen« in diesem Frühjahr wieder abgesagt.
Der OGBL könne natürlich nicht sagen, ob er es mit einer »kollektiven Aktion« der fünf Pflegeeinrichtungsbetreiber zu tun hat, man müsse aber davon ausgehen, daß das Patronat »einen neuen Eklat provozieren« wolle. Der zuständige Sozialversicherungsminister Romain Schneider habe dem OGBL jedenfalls bestätigt, daß die Regierung weiter zu den im Februar geschlossenen Abkommen stehe. Den Bewohnern der betroffenen Pflegeeinrichtungen versicherte Nora Back abermals, sie würden durch die anstehenden gewerkschaftlichen Aktionen nicht beeinträchtigt. Nur so lasse sich die Solidarität der Bewohner und ihrer Familien erhalten.
oe
Dienstag 7. November 2017
