Langzeitarbeitslosigkeit: Alles im grünen Bereich?
Während der Arbeitsminister von »Marktversagen« spricht, hält der »Observatoire de la compétitivité« die Langzeitarbeitslosenquote in Luxemburg für »relativ gering«
Sie wollen arbeiten, sie könnten arbeiten. Doch sie finden keine Anstellung – seit mehr als einem Jahr schon nicht: Wer davon betroffen ist, gilt als Langzeitarbeitsloser. Und je länger die Arbeitslosigkeit dauert, desto schwieriger wird es, wieder eine Stelle zu finden. Zwar ist die Arbeitslosenquote in Luxemburg seit ihrem Höchststand 2014 wieder etwas zurückgegangen, das Vorkrisenniveau wurde aber noch nicht wieder erreicht. Besonders besorgniserregend ist laut Experten außerdem, daß von den 15.893 Ende September 2017 bei der Adem gemeldeten Arbeitslosen fast jeder zweite (45,8 Prozent) länger als zwölf Monate ohne Anstellung war und fast ein Drittel (31,7 Prozent) der Betroffenen sogar schon länger als zwei Jahre.
Während Arbeitsminister Nicolas Schmit und Innenminister Dan Kersch (beide LSAP) Anfang Mai dringenden Handlungsbedarf sahen und auf einer Pressekonferenz erklärt wurde, der »Aufschwung am Arbeitsmarkt« gehe an den Langzeitarbeitslosen vorbei, weil »die üblichen Marktmechanismen« bei ihnen leider »völlig versagen« würden, heißt es in der Jahresbilanz 2017 des »Observatoire de la compétitivité«, im Vergleich zu den 27 anderen EU-Staaten sei die Langzeitarbeitslosenquote in Luxemburg im vergangenen Jahr mit 2,2 Prozent »relativ gering« (»relativement faible«) gewesen. Der EU-Durchschnitt und der Wert in Belgien hätten jeweils bei 4,0 Prozent gelegen, in Frankreich seien 2016 sogar 4,3 Prozent der Erwerbsbevölkerung seit mindestens einem Jahr arbeitslos gewesen und von den Nachbarländern habe nur Deutschland mit 1,7 Prozent besser abgeschnitten.
Alles halb so wild also? Immerhin wird das Wirtschaftsministerium, dem der »Observatoire de la compétitivité« unterstellt ist, ebenfalls von einem LSAP-Mann geleitet. Doch Etienne Schneider und Staatssekretärin Francine Closener (ebenfalls LSAP) scheinen von Schmits Versprechen an die zuletzt (Ende September) 7.277 Langzeitarbeitslosen, man werde sie »nicht am Wegesrand zurücklassen«, sondern die Regierung wolle ihnen mit einer neuen Anstellung »ihre Würde zurückgeben« noch nichts gehört zu haben. Getreu dem Prinzip »besser in Arbeit investieren als Arbeitslosigkeit zu finanzieren« hat der Arbeitsminister Ende Oktober in Ettelbrück und in Wiltz den ersten zehn bis dato Langzeitarbeitslosen ihre neuen staatlich geförderten Arbeitsverträge bei Gemeinden, Vereinen oder anderen gemeinnützigen Einrichtungen übergeben.
Angesichts von mehr als 7.000 Langzeitarbeitslosen ist das Einzige, was man dem Projekt vorwerfen kann, doch eher, daß es viel zu kurz greift. Dem Arbeitsministerium zufolge wurden bis Ende Oktober 45 Stellen für Langzeitarbeitslose gemeldet, davon seien für 34 Plätze Kandidaten gefunden worden und von diesen seien wiederum 25 älter als 50 Jahre. Die Jobangebote kommen demnach von sechs Gemeinden, einem Gemeindesyndikat, acht Vereinen, zwei Stiftungen, einer »Société d’impact sociétal«, zwei »Syndicats d’initiatives« und zwei Föderationen. Insgesamt sollen in diesem Jahr 150 Langzeitarbeitslosen »ihre Würde« zurückbekommen, im kommenden Jahr soll es weitere 400 staatlich geförderte Stellen im Rahmen des Programms geben. Wenn es bei dem Tempo bleibt, wird es allerdings bis zum Herbst des Jahres 2035 dauern, bis die Langzeitarbeitslosigkeit in Luxemburg vollständig beseitigt ist…
oe
In Esch/Alzette liegt die Langzeitarbeitslosenrate mittlerweile bei über sechs Prozent
Oliver Wagner : Montag 6. November 2017
