Erst kommt das Fressen

Organisationen und westliche Staats- und Medienvertreter basteln an einer journalistischen Opposition in Kuba

Der Stolz über die Auszeichnung ihres Schützlings war spürbar, als die deutsche »Tageszeitung« (»Taz«) am 2. Oktober berichtete, daß »zum ersten Mal ein Kubaner« einen nach Gabriel García Marquéz benannten angesehenen lateinamerikanischen Journalistenpreis gewonnen habe. Die Wortwahl »gewonnen« statt »verdient« ist eine der wenigen Formulierungen, die der Wahrheit entsprechen. Denn bereits mit der Überschrift »Der Preis geht nach Havanna« täuschte das Blatt seine Leser, auch wenn das dann im Text richtiggestellt wurde. Es wird behauptet, der prämierte Artikel des Autors Jorge Lázaro Carrasco sei erstmals in der »unabhängigen« Internetzeitschrift »El Estornudo« erschienen.

Tatsächlich lebt Carrasco seit mehr als einem Jahr nicht in Havanna, sondern in Miami, wohin der »El Estornudo«-Mitbegründer sich im August 2016, ein Jahr nach seiner Teilnahme an einem »Kuba-Workshop« der »Taz-Panter-Stiftung«, abgesetzt hatte. Diese Seminare werden überwiegend vom deutschen Auswärtigen Amt finanziert. Von den Betreuern werden die Teilnehmer, jeweils zehn junge kubanische Journalisten, dann Organisationen wie der vom USA-Dienst »National Endowment for Democracy« (NED), exilkubanischen Contra-Gruppen und den (von der französischen Regierung finanzierten) »Reporters sans frontières« (RSF) zugeführt. Auch ein Kontakt zu gut vernetzten Systemgegnern wie dem in der BRD lebenden Schriftsteller Amir Valle wird vermittelt.

Die Seminare seien ein »Beitrag zur Öffnung des strikt reglementierten Informationssektors« in Kuba, erklärte die deutsche Regierung im März 2017 in überraschender Offenheit. »Durch Besucherprogramme, Mediendialoge und Projektarbeit eröffnen wir vorpolitische Freiräume und nutzen Möglichkeiten der zivilgesellschaftlichen Öffnung«, heißt es in der offiziellen Unterrichtung des Auswärtigen Amtes weiter. Eingeladen werden dazu auch junge Journalisten von staatlich finanzierten öffentlichen Blättern, Blogs oder Sendern, der größte Teil rekrutiert sich allerdings aus Mitarbeitern der in Kuba wie Pilze aus dem Boden sprießenden »unabhängigen Medien«. Die erweisen sich zwar als »unabhängig« von der kubanischen Gesellschaft, sind jedoch in hohem Maße abhängig von ausländischen Geldgebern.

Zu den ersten Vertretern dieser Art in Kuba gehörten der Blog »Generation Y« und die Internetzeitung »14 y Medio« der Bloggerin Yoani Sánchez. Deren enge Verbindungen zur CIA und zu anderen US-amerikanischen Geheimdiensten gelten durch zahlreiche von Wikileaks veröffentlichte Dokumente als hinlänglich belegt. Dadurch kann Sánchez zwar weiterhin als Stichwortgeberin für Medien im Ausland agieren, gilt in Kuba aber als »verbrannt«. Als Ergänzung und Alternative zu bekennenden Systemgegnern wie Sánchez wurde in den letzten Jahren ein Netz neuer medialer Plattformen wie Internetportalen und von ausländischen »Nichtregierungsorganisationen«, Regierungen oder Medienunternehmen unterhaltener Zeitschriften geschaffen.

Dazu gehören das vom niederländischen Außenministerium unterhaltene Magazin »El Toque Cuba«, die von der US-amerikanischen Medienfirma Fuego Enterprises Inc. herausgegebene Zeitschrift »On Cuba« oder zahlreiche weitere, aus undurchsichtigen ausländischen Quellen finanzierte Internetportale wie eben »El Estornudo« oder »Periodismo de Barrio«. Zu deren Praxis gehört die Beschäftigung angesehener kubanischer Journalisten und Intellektueller, die sich nicht offen zur Konterrevolution bekennen, sondern auf eine »Modernisierung des Systems«, »offene Debatten« und »mehr Ausgewogenheit in den Medien« drängen, analysiert der Publizist und Universitätsprofessor Raúl Antonio Capote im Blog »Razones de Cuba«. Angelockt würden die »Söldner der Feder und des Wortes«, wie Capote die oft unbewußten Helfer westlicher Regierungen und Geheimdienste nennt, durch Einladungen zu Auslandsreisen und eine »viel höhere Bezahlung als in unseren Medien möglich«. Als Ergebnis, klagt der Autor, gebe es mittlerweile sogar »Leute, die in der Lage sind, heute in der revolutionären Presse, in ‚Granma’, ‚Juventud Rebelde’ und anderen, zu schreiben und am nächsten Tag in feindlichen Medien«.

»Erst kommt das Fressen, dann die Moral«, konstatierte schon Bertolt Brecht. Und da einiges in diese »unabhängigen Journalisten« investiert wird, gehört deren »Umzug« nach Miami oder Madrid nicht zum Programmauftrag. Der Fall des 27-jährigen Jorge Lázaro Carrasco ist eher so etwas wie ein Betriebsunfall, den die »Taz« auch mit der Behauptung, der kolumbianische Journalistenpreis gehe »nach Havanna«, nicht kaschieren kann. Gut ins Konzept paßt dagegen die Entwicklung des Jungjournalisten Rogelio Serrano Pérez, der nach seiner Teilnahme am diesjährigen Seminar bei der Parteizeitung »Adelante« in Camagüey kündigte, um künftig für eine der besser zahlenden »Unabhängigen« zu schreiben. Er habe das damit begründet, daß er »nach dem Kuba-Workshop der ‚Taz’ nicht mehr weiter bei ‚Adelante’ arbeiten« könne, erfuhr das Portal »Amerika 21« von einem seiner Kollegen.

Auf den Geschmack gekommen ist er möglicherweise auch durch monatelange Honorartätigkeiten für »On Cuba«, »El Toque« und »Periodismo de Barrio«, die für kubanische Verhältnisse gut zahlen können. Die mit immerhin 15.000 US-Dollar verbundene Auszeichnung für Carrasco wirkt ebenfalls stimulierend. Dem Neubürger der USA ist sein Preis indes schnell zu Kopf gestiegen. »Wäre Kuba ein normales Land, dann wäre ‚El Estornudo’ morgen auf der Titelseite der ‚Granma’«, zitierte die »Taz« ihren Schützling und fügte ein weiteres Zitat hinzu: »Wer ehrlich und genau über Kuba erzählen will«, schreibt Carrasco auf Facebook, »ist für die kubanische Regierung Pest, Lepra, Krebsgeschwür.«

Volker Hermsdorf Geld aus den USA, Inhalte total »unabhängig«: Büro der Medienplattform OnCuba in Havanna

Donnerstag 12. Oktober 2017