Unser Leitartikel:
Die Probleme sind geblieben

In 105 Gemeinden im Lande fanden am Sonntag Gemeinderatswahlen statt, und seit Anfang der Woche sitzen Wahlsieger – mancherorts allerdings auch Wahlverlierer – zu ersten Sondierungsgesprächen oder bereits zu Koalitionsverhandlungen zusammen. Ob bisherige Koalitionen nun fortgeführt oder neue geschaffen werden, wird nichts an der Situation des Handlangers ändern, der angehalten wird, immer häufiger auch an Samstagen Präsenz zu zeigen, ohne dass er dafür allerdings mehr verdienen würde.

Auch die schlechte Stimmung der Kellnerin, die zunehmend unbezahlte Überstunden zu leisten hat, dürfte in den nächsten Wochen und Monaten kaum besser werden, egal wer nun Bürgermeister oder Schöffe in ihrer Stadt wird. Das gleiche dürfte ebenfalls für den Busfahrer gelten, der sich seit Jahren schon über fehlende Schichtpläne beschwert, wie für die Sozialarbeiterin, der eine Flexibilität ausgezwungen wird, die kaum noch zu ertragen ist, oder die Verkäuferin, die befürchten muss, dass ihr Arbeitsvertrag nach Ablauf der Probezeit nicht verlängert wird.

Das Land hat neue Gemeindeführungen gewählt, doch die Probleme der Schaffenden sind geblieben. So werden die Erwerbstätigen in den Betrieben aufgrund der zunehmenden Deregulierung der Arbeitszeitorganisation und der ihnen aufgezwungenen Flexibilität weiter über Arbeitsbedingungen klagen, die von Tag zu Tag schlechter werden. Auch werden die Wahlergebnisse nichts an den vielen Einschüchterungen ändern, mit denen das Patronat die Arbeiter immer wieder davon abzuhalten versucht, sich zu wehren, wenn den Lohnabhängigen Zuschüsse nicht vergütet, Löhne mit Verspätung ausbezahlt oder gegen Arbeitsrecht und kollektivvertragliche Abmachungen verstoßen wird, Wer sich denen zu wiedersetzen versucht, wird weiter mit warnendem Unterton auf die langen Schlangen vor den Arbeitsämtern aufmerksam gemacht werden. Auch die Mär, der Betrieb könne nur überleben, wenn Arbeitsplätze abgebaut, »Extras« gekürzt und Lohnkosten gesenkt würden, werden sich die Schaffenden weiter anhören müssen.

Die Frage ist, ob die Lohnabhängigen weiter in der Defensive verharren werden, aus Angst, abgestempelt und ausrangiert oder auf einen schlechter bezahlten Posten versetzt zu werden oder gar den Arbeitsplatz zu verlieren, oder ob sie sich besinnen und sich für bessere Arbeitsbedingungen, mehr freie Tage, Zuschüsse oder Lohnaufbesserungen einsetzen werden. Davon abhängen wird, ob das Patronat es sich erlauben kann, immer arroganter und rücksichtsloser gegen die Schaffenden vorzugehen, oder ob es Zugeständnisse machen muß.

Dass nach den Sommerferien weniger über die vielen Missstände in den Betrieben gesprochen wurde, ist dem rezenten Wahlkampf geschuldet, der während Monaten die Schlagzeilen beherrschte. Aber nun wird man feststellen, dass die Mißstände bleiben werden – unabhängig vom Ausgang der Kommunalwahlen. Und wenn ihnen entgegengewirkt werden soll, dann müsste die Parole in der Arbeitswelt lauten: »Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt!«

gilbert simonelli

Gilbert Simonelli : Mittwoch 11. Oktober 2017