Vor wie nach dem letzten Unfall:

Sicherheit letzte Sorge bei CFL Cargo?

Sofort nach dem letzten Unfall hieß es am 3. Februar, Sicherheit sei die erste Sorge bei CFL Cargo, man bedaure den Unfall, es gebe eine Untersuchung, aber da seien Vorschriften mißachtet worden. Seither herrscht derart viel Schweigen im Wald, daß wir uns umgehört haben.
Das einzige positive Detail ist, daß das Leben des verunfallten 25-Jährigen, der im Mai heiraten wollte, weitergeht, wenn auch ganz anders, als er es sich zuvor vorstellte. Immerhin hatte er so viel Glück im Unglück, daß die Knie noch dran sind.

Noch viel mehr Glück im Unglück hatte der junge Mann, daß er rechtzeitig gefunden wurde. Wie wir in Erfahrung bringen konnten, gibt es auf dem Differdinger Werksgelände Funklöcher: ob er also mit dem Funkgerät um Hilfe rufen konnte, wird die Untersuchung zeigen müssen. Sein Leben verdankt er zweifelsohne den kalten Temperaturen zum Unfallzeitpunkt, was die Gefäße zusammenzieht: im Hochsommer wäre er verblutet.

Unfallserie droht

Bloß: es ist dies nicht der erste Unfall dieser Sorte, und es wird nicht der letzte sein bei der CFL Cargo. Wenn sich nicht Grundlegendes ändert, werden wir uns darauf gefaßt machen müssen, daß es in etwa alle Jahre so einen Unfall gibt. Es fragt sich, ob derartige Fälle dann noch das Wort »Unfall« verdienen, oder ob da nicht andere Bezeichnungen aus dem Strafgesetzbuch angebrachter sind.

Denn so ein Unfall hat Ursachen. Am industriellen Schienennetz, auch tertiäres Netz genannt, wird nämlich nicht mit denselben Sicherheitsbestimmungen gearbeitet wie im hochrangigen, primären nationalen Netz: das ist eigentlich bereits völlig unverständlich, liegen doch da die gleichen Risiken vor.

Sicherheit light

Die Ursache für diese »Sicherheit light« ist natürlich der finanzielle Aspekt: allein auf weiter Flur mit der Fernbedienung losgeschickt zu werden ist für den Betrieb billiger als zu zweit zu arbeiten, wobei einer auf der Lok fährt und einer die Kupplung einhängt und den Luftschlauch anschließt. Womit schon klar ist, was von der Behauptung zu halten ist, Sicherheit sei die erste Sorge der CFL Cargo. Erste Sorge ist der billigstmögliche Preis für ArcelorMittal & Co.

Ein zweiter Punkt ist der, daß da zum Teil mit Waggons gearbeitet wird, die keine Bremse haben. Sie haben wohl ein Rohr, mit dem die Druckluft durchgeleitet wird, können aber selbst nicht bremsen. Solche Waggons dürften gar nicht benutzt werden, weil aber Herr Mittal hohe Kredite aus der Übernahmezeit zurückzahlt, hat er wohl kein Geld für gebremste Waggons – und so wird halt mit ungebremsten gefahren. Es kann leicht vorkommen, daß die Hälfte eines solch abenteuerlichen Zuges aus nicht bremsbaren Waggons besteht.

Nun ist es bereits so, daß auf der Eisenbahn nichts wie ein Schubkarren von jetzt auf gleich stehenbleibt. Ist ein Teil der Waggons aber ohne Bremse, so verlängert sich der Bremsweg deutlich. Das ist auch beim Rangieren von Bedeutung, wenn zusätzliche Waggons an so einen abenteuerlichen Zug angehängt werden.

Verschlimmert wird dies, wenn aus Zeitdruck oft und öfter darauf verzichtet wird, die Luftschläuche anzuschließen. Das bringt mehr Unsicherheit, geht aber schneller. Wie uns die Spatzen vom Dach herunter verrieten, wird nur in Rodange grundsätzlich immer mit Luft gefahren, obwohl es dann heißt, die dort seien zu langsam. Sicherheit
als erste Sorge? Pustekuchen!

Nun werkt also egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit da ein einsamer Kämpfer unter diesen widrigen Bedingungen mit seiner Fernbedienung vorm Bauch: viele Tasten und in der Mitte ein Joystick. Die Vorschrift besagt, beim Drauffahren auf anzuhängende Waggons dürfe man nicht zwischen den Gleisen stehen. Doch sobald der eine Teil beim anderen ist, heißt es sich sputen, sonst ist das Ding womöglich weitergerutscht, und man kriegt die Kupplung nicht mehr eingehängt. Was dann zu tun ist, sagt die Vorschrift nicht: wieder rausgehen und gleiches Spiel wiederholen oder dreinbleiben und einen Impuls geben? Aus Zeitmangel geschieht mit Sicherheit meistens letzteres.

Nun ist so ein Impuls mit dem Joystick nicht so was millimetergenau Präzises. Da geht man dann halt die zwei Meter mit, bevor man mit beiden Händen nach der Kupplung greift, denn außer dem verstorbenen Herkul Grün kann kaum einer das mit nur einer Hand. Rein theoretisch ist es durchaus möglich, daß beim Kupplung hoch- und einheben eine Berührung des Joysticks stattfindet. Dann muß man halt schauen, wie man zurechtkommt.

Der 25-Jährige kam in Differdingen nicht zurecht. Er stolperte über ein Gitter, das ein Überqueren der Gleise erleichtern soll. Er hätte auch über eine Schwelle oder eine Schlacke stolpern können, genauso wie er nicht hätte stolpern können. Wahrscheinlich ist das das Einzige am Unfallhergang, was sich mit Sicherheit feststellen läßt: denn hinter diesem Gitter lag der junge Mann am Boden.

Sofort ändern!

Was sofort bei der CFL Cargo zu ändern ist, muß eigentlich jedem einleuchten:

1) es darf nicht mehr solo gearbeitet werden;

2) alle ungebremsten Waggons sind heute noch stillzulegen;

3) die Fernbedienung gehört auf die Spielzeugeisenbahn;

4) im tertiären Netz haben die gleichen Sicherheitsbestimmungen zu gelten wie im primären Netz.

jmj

Donnerstag 12. Februar 2009