Unser Leitartikel:
Sozial gerechte Bildung statt digitaler Privatisierung

Unterrichtsminister Claude Meisch verfügt durchaus über Talente. Die Rede ist hier nicht von seinem eigentlichen Arbeitsbereich, nämlich der Planung und Entwicklung von Bildungs- bzw. Unterrichtskonzepten sowie der Kinder- resp. Jugendbetreuung. Die Hauptkompetenzen des aktuellen Bildungsministers sind anderer Natur. Er kennt sich vor allem mit den »Tricks und Kniffs« der Kommunikation und des Marketings aus, freche Zungen würden in diesem Zusammenhang eher von den Maschen der Marktschreierei des 21. Jahrhunderts sprechen.

Zu seinen zahlreichen Auftritten und Projektankündigungen – diese Inszenierungen ereignen sich im Monats-, manchmal sogar im Wochenrhythmus – liefert die hiesige bürgerliche Presse zumeist die erwünschten Jubelartikel. Das Image des Modernisierers ist ihm damit sicher. Selten werden des Ministers Aktionismus oder die möglichen Gefahren der pädagogischen Vorhaben in Frage gestellt.

Das Unternehmen »Digital classroom Lëtzebuerg« scheint das Vorzeigeprojekt des liberalen »Modernisierungsprogramms« zu sein. In anbiederndem Marketing-Neusprech werden die Einführung von Tablets des US-amerikanischen Monopolisten »Apple« sowie der Kauf von »Microsoft«-Software als ganz große Innovation gefeiert. Manche Journalisten fabulieren gar von einer »I-Revolution«, gehen damit sogar fast einen Schritt weiter als die Verantwortlichen des Unterrichtsministeriums, welche die Digitalisierung zum Nonplusultra des fortschrittlichen Lernens und Lehrens sakralisieren. Dass es sich hierbei um eine Form der Privatisierung handelt, wird nicht in Erwägung gezogen. Der ganze EDV-Bereich der Luxemburger Schule wird gleichsam an US-amerikanische Privatfirmen verkauft und ausgelagert; diese freuen sich über die Profite sowie die zahlreichen neuen Kunden bzw. »consumer«, die Schüler Luxemburgs. Die alten Probleme des Bildungssystems werden durch die neuen Technologien sowie die von Claude Meisch forcierte Schulautonomie – auch eine Privatisierung, wenngleich auf leisen Sohlen – nicht behoben, weder in den Grundschulen noch in den Lyzeen. Ein konsequenter Einsatz, wie von der KPL gefordert, für eine kinderfreundliche, demokratische und soziale Schule ist nicht zu erkennen.

Anstatt die finanziellen Ressourcen des Unterrichtsministeriums an große Privatunternehmen zu spenden und statt staatliche Gelder in den Militärapparat zu pumpen, wäre die Regierung besser beraten, in eine Schule der Chancengleichheit und der sozial gerechten Ausbildung zu investieren. Eine solche Politik widerspricht allerdings den Grundsätzen kapitalistischer Logik.

Im KPL-Programm für die Gemeindewahlen finden sich die nötigen (antikapitalistischen) Lösungsansätze: Was halten Sie von einer Reduzierung der Klassengröße auf maximal 15 Schüler und einer resoluten Aufstockung des Unterrichtsstundenkontingents im »Fondamental«? Wie wäre es mit einer massiven Rekrutierung von ausgebildeten Lehrern und Erziehern, um die Kinder in den Grundschulen vollumfänglich unterrichten, betreuen und fördern zu können? Warum nicht das gesamte benötigte Schulmaterial kostenfrei zur Verfügung stellen? Wäre es angesichts der sozialen Misere sowie aus Solidaritätsgründen nicht angebracht, ein kostenloses Schulfrühstück in sämtlichen Grundschulen einzuführen? Und vor allem: Müsste die Einstellung spezifischer Fachkräfte, um allen Schülern in den »maisons relais« eine Hausaufgabenhilfe bzw. Lernstütze zu gewährleisten, nicht oberste Priorität haben?

Kinder in Luxemburg aus einkommensschwachen Arbeiter- oder Immigrantenfamilien dürfen nicht außen vor stehen, auch sie haben das Recht auf eine gute Ausbildung und eine umfassende Förderung.

Alain Herman

Donnerstag 14. September 2017