Unser Leitartikel:
Die Weltgendarmen
In den letzten hundert Jahren gab es kaum einen Präsidenten der USA, dessen Amtszeit nicht irgendwie mit einem Krieg verbunden war. Irgendwie scheint es zu einem Markenzeichen geworden zu sein. Vielleicht hat ja auch im ovalen Office im Weißen Haus jemand ein kleines Schildchen an den Schreibtisch getackert, auf dem sinngemäß steht, daß ein Präsident, der keinen Krieg führt, ein Schlappschwanz ist.
Wir wissen es nicht. Was wir aber wissen, ist, daß vor Obama kein Präsident der USA für große Worte den Friedensnobelpreis bekommen hat, ohne auch nur einen erkennbaren Schritt in Richtung Frieden unternommen zu haben. Und noch kein Präsident hat kurz nach der Entgegennahme dieses Preises mit den Vorbereitungen eines neuen Krieges begonnen.
Die Nachrichten aus Washington und London über die Absichten eines militärischen Eingreifens im Jemen verheißen jedenfalls nichts Gutes. Wer auch immer die Idee hatte, einen Nigerianer in ein Flugzeug einer USA-Linie zu setzen und mit etwas Pulver spielen zu lassen, dann zu behaupten, der Mann habe einen Anschlag auf die Passagiermaschine verüben wollen und den Auftrag dazu von Al Kaida aus dem Jemen bekommen, der hat ganze Arbeit geleistet. Daß die Story vorne und hinten löchrig ist und außerdem in der Mitte riesige Lücken aufweist, stört überhaupt nicht, denn Agenturen, TV-Sender und Zeitungen in aller Welt verbreiten diesen Unsinn mit großer Beflissenheit.
Nachdem sich schon die »Begründungen« für die Aggressionen gegen Afghanistan und den Irak als fadenscheinig herausgestellt hatten, wird nun eine Lüge verbreitet, die noch durchsichtiger ist. Warum sollten sich angebliche Terroristenführer, die ja nicht nur haufenweise Geld, sondern auch gewisse technische Kommunikationsmittel benötigen, ausgerechnet im ärmsten Land der arabischen Region niederlassen? Warum sollten sie einen Nigerianer aus London aussuchen, um in den USA einen Anschlag auszuführen, der gar nicht klappen konnte (oder sollte)?
Geht es bei diesem Säbelrasseln nicht um ganz andere Dinge? Geht es vielleicht um die Kontrolle von Ölquellen, die durch marodierende Bewaffnete in Gefahr kommen könnten, also Leute, die keinen anderen Ausweg sehen, als sich mit veralteten Gewehren ein paar Krümel vom Vermögen der einheimischen Oberschicht zu erobern? Immerhin beziehen die USA einen beachtlichen Teil ihres Öls aus dem Jemen. Und geht es nicht vor allem um die Kontrolle eines der wichtigsten Seewege der Welt, auf dem täglich riesige Mengen Erdöl und Erdölprodukte transportiert werden?
Die USA und Großbritannien haben angekündigt, größere Summen Geldes in den Jemen zu überweisen. Das wäre eigentlich keine schlechte Idee, denn im Armenhaus Arabiens könnten schon mit relativ bescheidenen Beträgen Schulen und Krankenhäuser gebaut, Lebensmittel und Medikamente produziert werden. Man könnte auch dafür sorgen, daß die Einnahmen der 24 Millionen Barrel Erdöl, die im vergangenen Jahr exportiert wurden, gerecht unter den 24 Millionen Einwohnern aufgeteilt werden, oder daß ein Teil der 60 Millionen Waffen eingesammelt wird. Aber das ist nicht die Absicht der westlichen Wohltäter. Nein, es geht um eine weitere Militarisierung, um noch mehr Waffen und noch mehr Soldaten, die Kontrolle einer Regierung. Und auch um die Wahrung der Rolle der USA als Weltgendarm, bei der nun London, Berlin und Brüssel ebenfalls mitspielen wollen.
Uli Brockmeyer
Uli Brockmeyer : Dienstag 5. Januar 2010
