Unser Leitartikel:
»Soziale Ungerechtigkeit tötet«

Ein junger Handwerker war die ganze letzte Woche über in einem größeren Neubau mit dem Posieren von Türen und Fenstern beschäftigt. Weil die Arbeiten unbedingt am Wochenende abgeschlossen werden mussten, ging es nicht ohne Überstunden. Und zwar täglich. Ganze 64 Stunden war er somit bis Freitagabend im Einsatz. Eine Schufterei, die schwer und ermüdend war. So richtig ausruhen konnte er sich allerdings erst am Sonntag, denn auch samstags musste er seinem Chef während 4 Stunden zur Verfügung stehen. Schließlich mussten alle Türen und Fenster noch einer letzten Kontrolle unterzogen werden.

Den Mut, um gegen die ihm aufgedrängten Arbeitszeiten zu protestieren, hatte er jedoch nicht. Im Gegensatz zu den seit Monaten massiv zunehmenden Erwerbslosen hat er schließlich noch eine Arbeit. Und die möchte er in diesen Krisenzeiten nicht aufs Spiel setzen, indem er seinen Vorgesetzten durch ständiges Reklamieren möglicherweise brüskieren könnte. Auch dann nicht, wenn am Monatsende nicht alle Überstunden als solche verrechnet werden sollten. Was in den letzten Jahren übrigens immer häufiger der Fall war.

Doch ob es für die geleistete Mehrarbeit am Monatsende nun mehr Lohn gibt oder nicht, es ändert nichts an der Tatsache, dass die Arbeitsbedingungen, die ihm aufgezwungen wurden – und die heute auch in anderen Sektoren keine Seltenheit sind –, alles andere als gut für die Gesundheit sind. Im Gegenteil.

Auch die Weltgesundheitsorganisation und die OECD sehen es so. In einem ihrer Berichte

(August 2008) wird immerhin festgehalten, dass in punkto Gesundheit sichere und gut bezahlte Arbeitsplätze die Risikofaktoren senken. Der Bericht enthält auch weitere interessante Schlussfolgerungen. So beispielsweise, dass im Vergleich zu den Arbeitern mit unbefristeten Verträgen die Sterblichkeit bei Beschäftigten mit Zeitverträgen deutlich höher liegt. Nicht weniger interessant ist die Behauptung, dass sozial Bedürftige deutlich jünger sterben als Bessersituierte. So sei beispielsweise in einem Armenviertel Glasgows die Lebenserwartung eines Neugeborenen um 28 Jahre niedriger als die eines Säuglings, der in einem Reichenviertel der schottischen Hauptstadt zu Welt kam.

Aussagen wie »massive Investitionen in den Gesundheitssektor erfordert«, »das Recht auf Wasser und Pflege muss durch den öffentlichen Sektor geregelt werden, und nicht durch die Gesetze des Marktes« oder gar »die soziale Ungerechtigkeit tötet« aus der Feder von Organisationen wie die WHO oder die OECD sind ungewöhnlich, ja schon fast revolutionär. Ob wohl deshalb das 256 Seiten dicke Dokument auf direktem Wege schnurstracks in den Schubladen der zuständigen Minister verschwand.

Schließlich gehören Aussagen wie »le plein-emploi, l’équité en matière d’emploi et des conditions de travail décentes doivent être des objectifs communs des institutions internationales et se situer au coeur des politiques et des stratégies de développement nationales, les travailleurs devant être mieux représentés lors de l’élaboration des politiques, de la législation et des programmes portant sur l’emploi et le travail« nicht in die breite Öffentlichkeit.

Zu leicht könnten solche Behauptungen den einen oder anderen auf dumme Gedanken bringen und dazu verleiten, das kapitalistische System in Frage zu stellen. Immerhin stehen im Juni Parlaments- und EU-Wahlen an.

g.s.

Gilbert Simonelli : Mittwoch 11. Februar 2009