Revolutionär unseres Denkens

Der Entwicklungsgedanke in der Auseinandersetzung

»Die Natur ist die Probe auf die Dialektik, und wir müssen es der modernen Naturwissenschaft nachsagen, daß sie für diese Probe ein äußerst reichliches, sich täglich häufendes Material geliefert und damit bewiesen hat, daß es in der Natur, in letzter Instanz, dialektisch und nicht metaphysisch hergeht, daß sie sich nicht im ewigen Einerlei eines stets wiederholten Kreises bewegt, sondern eine wirkliche Geschichte durchmacht. Hier ist vor allen Darwin zu nennen, der der metaphysischen Naturauffassung den gewaltigsten Stoß versetzt hat durch seinen Nachweis, daß die ganze heutige organische Natur, Pflanzen und Tiere und damit auch der Mensch, das Produkt eines durch Millionen Jahre fortgesetzten Entwicklungsprozesses ist.«

Friedrich Engels: Die Entwicklung des Sozialismus
von der Utopie zur Wissenschaft. MEW. Bd. 19, S. 205
Vor 200 Jahren, am 12. Februar 1809, wurde Charles Darwin im mittelenglischen Shrewsbury geboren. Er arbeitete als Zoologe, Botaniker, Geologe, Paläontologe und vor allem Evolutionsbiologe. Im November 1859 erschien als Resultat der Auswertung langer Forschungsfahrten und Untersuchungen sein Hauptwerk »On the Origin of Species« (»Die Entstehung der Arten«).

Darwin bewies erstens, daß die Arten voneinander abstammen (Abstammungs- bzw. Deszendenztheorie), zweitens erklärte er den »Mechanismus« der allmählichen Wandlung der Arten mit Hilfe der Theorie der natürlichen Auslese (Selektionstheorie). Er zeigte also auf, daß die Entstehung und Abstammung der Arten wissenschaftlich, auf der Basis natürlicher Voraussetzungen und Faktoren zu erklären ist. Deutlich wurde – nicht nur aufgrund seiner Ergebnisse – aber auch, daß auch der Mensch bereits viele Tausende Jahre selbst verantwortlich war für eine Reihe Veränderungen in Natur- und Pflanzenwelt. Noch heute gilt Darwin als »Revolutionär unseres Denkens«.

Für bestimmte christlich- sowie islamistisch-fundamentalistische Kreise ist er der Ketzer geblieben, der die materialistische Weltanschauung beförderte. Falsch ist Letzteres nicht.

Bereits am 12. Dezember 1859 informierte Friedrich Engels, der Darwin gelesen hatte, seinen Freund Karl Marx darüber. In einer Zeit, in der Entwicklungsdenken durchaus nicht zum »Standard« gehörte, eher als abseitig galt, »sogen« sie jede neue wissenschaftliche Erkenntnis aus anderen Bereichen auf. Beide waren – trotz manch folgender kritischer Bemerkungen – begeistert. Später kennzeichneten sie die Darwinsche Entdeckung als eine der größten und entscheidenden des 19. Jahrhunderts, die auch für die Entwicklung der dialektisch-materialistischen Weltanschauung und damit auch für die Erkenntnis, daß die Gesellschaft gleichfalls eine Geschichte hat, sich durch das Handeln der Menschen verändert und entwickelt, grundlegende Bedeutung hatte.

Neue Etappe menschlicher Erkenntnis

Fachleute werden in diesen Tagen und Wochen Darwins evolutionsbiologische Leistungen und die darauf beruhenden weiteren Wissenschaftsentwicklungen umfassend würdigen, die Grenzen seines Ansatzes, vor allem aber die auf der Darwinschen Theorie beruhenden gewaltigen Fortschritte der Wissenschaft bei der Erkenntnis der Entstehung und Entwicklung des Lebendigen aufzeigen. Spezialisten werden auch den Wandel in seinen weltanschaulichen Positionen nachzeichnen. Das kann im Rahmen dieses Beitrages nicht geschehen.

Diese Fachleute werden auch jene nennen, die den Entwicklungsgedanken zuvor in anderen Bereichen – vor allem im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts – verbreitet hatten: Kant und Laplace im Zusammenhang mit der Entstehung des Sonnensystems, Karl von Hoff, Charles Lyell im Hinblick auf die Erdentstehung und jene anderen in der Biologie wie Kaspar Friedrich Wolff, Oken, Pander, Baer, Schleiden, Lamarck usw.

Nicht jeder von ihnen war so mutig wie Pierre Laplace, von Napoleon I. zum Grafen und Senatskanzler erhoben, der seinem Herren auf dessen Frage, wo denn in seinem Weltsystem der Platz für Gott bliebe, die Antwort gab: »Sire, ich habe diese unbegründete Hypothese nicht nötig.«

Noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert war es – trotz industrieller Revolution, trotz der zunehmenden Bedeutung von Wissenschaft und Technik für das Kapital – für Naturwissenschaftler sehr mutig, sich mit ihren wissenschaftlichen Ergebnissen den herrschenden kirchlichen Dogmen entgegenzustellen.

Der Züricher Botaniker Arnold Dodel (1843-1908) schrieb 1895: »Die Geschichte der Abstammungslehre ist nicht allein die Geschichte der naturwissenschaftlichen Reformation, sondern gleichzeitig ein Stück menschlicher Kulturgeschichte im weitesten Sinne des Wortes. Die Kirche sah sich durch die Abstammungslehre in ihrem Bestand bedroht. Denn alle jene schönen Sagen und Märchen, die sich wie Efeusprossen und Weinranken an das altergraue Gemäuer des mosaischen Schöpfungsberichtes in üppiger Herrlichkeit festklammerten: alle diese Hauptsätze eines kindlichen Glauben wurden von der Wissenschaft verneint.« (zitiert nach Ernst Haeckel: Der Kampf um den Entwicklungsgedanken. Berlin 1905)

Mit der Darwinschen Lehre erfolgte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der entscheidende Durchbruch des Entwicklungsdenkens in der Naturwissenschaft.

Darwin machte als Naturwissenschaftler zugleich endgültig Schluß mit der Auffassung, die Welt des Lebendigen wäre ein Produkt Gottes, eines wie auch immer definierten »höheren Wesens« bzw. Geistes. Die Entdeckung Darwins hatte allein schon deshalb eine ungeheure weltanschaulich-philosophische Brisanz.

Er wurde vor allem aus Kirchenkreisen angegriffen.

Reaktionärer Kreationismus

Heute kommen die Angriffe auf die Evolutionstheorie weniger aus den großen Kirchen, die wie wichtige Vertreter der evangelischen Kirche in Deutschland oder manche des Vatikans eher eine »Versöhnung zwischen Wissenschaft und Glauben« suchen, sondern vor allem aus anderen, extrem reaktionären Kreisen; so unter anderem aus verschiedenen christlich-fundamentalistischen Gruppen sowie fundamentalistischen Strömungen des Islam. Behauptet wird, wissenschaftliche Erkenntnisse würden der Evolutionstheorie widersprechen und beweisen, daß alle Lebewesen von Gott/Allah erschaffen wurden.

In den USA – immer ein Hort der Gegner Darwins – haben diese während der Regierungszeit von Georg W. Bush Boden gewonnen. Auch Bush ist Anhänger so genannter kreationistischer Strömungen, die die Darwinsche Evolutionstheorie ablehnen.

Anfang der 90er Jahre ergab eine Umfrage, daß in den USA nur die Hälfte aller Menschen an die Evolution glaubte. Die anderen meinten, daß die unterschiedlichen Arten von Pflanzen, Tieren und Menschen allesamt zur gleichen Zeit von Gott geschaffen wurden. 2005 zeigte eine andere Umfrage, daß 81 Prozent aller US-amerikanischen Jugendlichen im Alter von 13 bis 17 Jahren glauben, die Entstehung des Menschen gehe auf Gott zurück.

Auch in Europa hatten in den vergangenen Jahren die Antidarwinisten Konjunktur. Im Zusammenhang mit der Durchsetzung reaktionärerer Verhältnisse. Unter anderem in Polen, Rußland, Italien, Deutschland.

Angriff auch auf den Marxismus

Und wenn man dann schon einmal Darwin »widerlegt«, ist für andere Marx nicht weit. Nicht nur weil er sich wie Engels mehrfach positiv auf Darwin bezog, sondern weil beide allgemeine Schlußfolgerungen aus der Untersuchung von Erkenntnissen über Vorgänge in der Natur für die Entwicklung ihrer Gesellschaftstheorie und Philosophie zogen – ohne die Fehler vieler materialistischer Denker vor ihnen zu wiederholen, die aufgrund der faszinierenden Klarheit neuer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse oft die Folgerung zogen: Die Gesellschaft funktioniert genauso wie es die Gesetze der Physik oder Biologie beschreiben.

Trotzdem wird auch heute Marx von Antimarxisten im Zusammenhang mit der Darwinschen Theorie »mal auf die Schnelle« zum Sozialdarwinisten erklärt, ohne die tatsächlichen Überlegungen von Karl Marx und Friedrich Engels im Zusammenhang mit der Darwinschen Theorie zu reflektieren.
Und da man Marx den »Sozialdarwinismus« nicht nachweisen kann, muß man eben fälschen. So geschehen in »Die Welt« am 9. März 2008. In einem von jeder Sachkenntnis ungetrübten Artikel »Was wirklich von Karl Marx übrig bleibt« von Alan Posener wurde dort u.a. behauptet: Marx war der erste Sozialdarwinist, weil er die Darwinsche Theorie als »naturwissenschaftliche Unterlage« seiner Klassenkampftheorie betrachtet habe. Marx habe dabei Darwin gründlich mißverstanden.

Marx ein »Sozialdarwinist?« Ist die Klassenkampftheorie »sozialdarwinistisch«? Mal abgesehen davon, daß die Existenz von Klassen und des Klassenkampfes als grundlegende Form gesellschaftlicher Auseinandersetzungen zwischen antagonistischen Klassen bereits vor Marx »entdeckt« wurde: War es Marx, der die von ihrem ursprünglichen biologischen Inhalt befreiten Darwinschen Begriffe »Kampf ums Dasein« und »natürliche Auslese« auf die menschliche Gesellschaft übertrug? Solche Vereinfachungen, »Reduktionen«, wird man weder bei ihm noch bei Friedrich Engels finden.

Waren es nicht vielmehr Spencer und Galton, die den »Sozialdarwinismus« im Interesse des Machterhalts des Kapitals begründeten?

Hat dagegen nicht gerade Marx darauf verwiesen, daß der Mensch vor allem auch ein gesellschaftliches Wesen – und eben nicht allein auf Biologie zu reduzieren – ist? Dabei sah er die Dialektik von Biologischem und Sozialem, hat die Entwicklung des Menschen niemals von den natürlichen, biologischen Grundlagen getrennt. In der »Deutschen Ideologie« schrieb er beispielsweise: »Die erste Voraussetzung aller Menschengeschichte ist natürlich die Existenz lebendiger menschlicher Individuen. Der erste zu konstatierende Tatbestand ist also die körperliche Organisation dieser Individuen und ihr dadurch gegebenes Verhältnis zur Natur. ... Alle Geschichtsschreibung muß von diesen natürlichen Grundlagen und ihrer Modifikation im Laufe der Geschichte durch die Aktion der Menschen ausgehen.« (MEW, Bd. 3, S. 20 f.)
Für Marx und Engels kam jedoch niemals eine Reduktion der Erklärung gesellschaftlicher Verhältnisse auf das Biologische in Frage. Als beispielsweise der Kölner Armenarzt Roland Daniels, Mitglied des Kommunistenbundes, Marx ein Buchmanuskript schickte, in dem er meinte, soziale Fragen hätten ihren letzten Grund in Naturproblemen, wies Marx dies zurück.

Ob Posener dabei bewußt war, daß er mit seinen Behauptungen die Positionen ausgewiesener Ultrarechter teilt, ist unbekannt. Erinnert sei in diesem Zusammenhang hier nur an ein unsägliches antisozialdemokratisches, antisozialistisches und antikommunistisches Elaborat »Roter, brauner und grüner Sozialismus« aus dem Lichtschlag-Verlag, dem »Vorboten einer neuen Epoche«, dessen Autoren – so die Eigenreklame – »auf den bürgerlichen Ideenfundamenten des 18. und 19. Jahrhunderts ... Denkfestungen der kommenden Ordnung aus Eigentum und Freiheit im 21. Jahrhundert erbauen«.

Verfasser des Buches ist Josef Schüßlburner, Regierungsdirektor im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Autor der »Jungen Freiheit«, Referent u.a. bei der Gesellschaft für freie Publizistik, der größten Vereinigung rechtsextremer Autoren, Buchhändler und Verleger, der bis heute in vielen Gliederungen der »Neuen Rechten« aktiv ist. In seinem Buch wird u.a. Kautsky gerade wegen des Klassenkampfkonzeptes »Sozialdarwinismus« vorgeworfen. Der Titel des Buches ist Programm: Vor allem geht es um die Diskreditierung der sozialistischen Ideen der Arbeiterbewegung.

Der Angriff auf den Marxismus mit Bezug auf die Darwinsche Theorie ist erklärbar. Solche Angriffe sind auch nicht neu. Alte Argumente werden aufgegriffen um im »modernen Gewand« gegen Wissenschaft, Aufklärung und damit auch gegen Entwicklungstheorie zu argumentieren.

»Denkverbote«

Das hat meines Erachtens nicht nur etwas damit zu tun, daß man dem »Rückgang des religiösen Einflusses im öffentlichen Leben und traditioneller Lebensformen« entgegenwirken will. Es hat auch etwas zu tun mit der gesellschaftlichen Entwicklung insgesamt: Immer deutlicher wird derzeit, daß sich die Widersprüche in der Gesellschaft zuspitzen, daß die neoliberale kapitalistische Politik und Ideologie keine Lösungen bieten für die Mehrheit der Menschen, daß auch reaktionäre Ideologien keinerlei Perspektiven aufzeigen sondern im Gegenteil die ihnen anhängenden Menschen in noch tiefere, existentielle Krisen bringen.

Und hier wird die Brisanz deutlich: Entwicklungsdenken geht davon aus, daß immer wieder Neues entsteht, daß sich auch in der Gesellschaft immer wieder neue Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen und damit Voraussetzungen für die Veränderung des Bestehenden.

Wer also nicht will, daß die gegenwärtigen Verhältnisse grundlegend verändert werden, der muß jeden angreifen, der für Aufklärung und Veränderung steht.

Daher werden gewissermaßen »Denkverbote« für alle verhängt, weiter über eine gesellschaftliche Alternative zum Kapitalismus in all seinen Erscheinungsformen auch nur nachzudenken. Vor allem gegen Marxisten.
Dabei geht man aber unterschiedlich vor und da wird gerade im Jahr 2009 noch so manches zu erwarten sein. Und in diesem Zusammenhang haben dann auch die Angriffe der extremen Rechten auf die Evolutionstheorie, gegen Wissenschaft und Aufklärung, ihren Platz und ihre Funktion.

Nina Hager

Mittwoch 11. Februar 2009