Warnung vor »Obamas Vietnam«

An der Afghanistan-Politik Washingtons werden in den USA Zweifel laut

Während sich die US-amerikanischen Medien an Obamas Innenpolitik und Details des Konjunkturprogramms abarbeiten, werden inzwischen auch Zweifel an der angekündigten Eskalation des Krieges in Afghanistan laut. Der Richtungswechsel der neuen US-Regierung sieht neben einem schrittweisen Truppenabzug aus Irak, der der »überdehnten« US-Armee Spielraum verschaffen soll, eine Aufstockung der Besatzungsarmee in Afghanistan um 20- bis 30.000 Mann vor. Hatten sich mahnende Stimmen kurz nach der Wahl Barack Obamas zum Präsidenten allenfalls in linken Publikationen wie der Wochenzeitschrift »The Nation« oder im linksliberalen »Harper‘s Magazine« bemerkbar gemacht, so legen inzwischen Teile des Mainstreams nach.

Die Zeitschrift »Newsweek« hatte am 9. Februar ihre Titelseite fast gänzlich eingeschwärzt. In tristem Grau stand darüber zu lesen »Obamas Vietnam«, in der Unterzeile hieß es »Wie Afghanistan zu retten ist«. In seinem Hintergrundartikel behauptet der allgegenwärtige Journalisten Fareed Zakaria, der während des Wahlkampfs sogar als möglicher Außenminister Obamas gehandelt worden war, eine Truppenaufstockung und die Eskalation des Krieges durch die USA würden in einem »quagmire« (Sumpf) enden. Zwar gebe es große Unterschiede zum Vietnamkrieg, der mit dem Tod von 58.000 eigenen Soldaten für die USA zu einem Trauma wurde. Doch selbst wenn die USA in Afghanistan »jede Schlacht gewinnen«, sei »der Krieg nicht gewonnen«. Die riesigen Kosten seien »für das amerikanische Volk inakzeptabel«. Sollte das vermeintliche Erfolgsrezept in Irak, der »surge«, auch in Afghanistan aufgehen und zur Zurückdrängung der Taliban führen, so werde die dann notwendige militärische Dauerbesatzung mit 60.000 Mann jährlich mindestens 70 Milliarden US-Dollar kosten – für die von der Wirtschaftskrise gebeutelten Amerikaner eine untragbare Summe.

Die entgegengesetzte Meinung vertritt Obamas Sicherheitsberater, der ehemalige Marinegeneral Jim Jones, der stellvertretend für die Militärs steht. An einen Abzug aus Afghanistan sei nicht zu denken. Denn den könnten sich die USA wegen ihrer »Glaubwürdigkeit« nicht leisten, da er wie eine Niederlage aussähe.

Kritiker der militärischen Eskalation verschafften sich inzwischen auch in der »New York Times« und selbst im den Republikanern nahestehenden »Wall Street Journal« Gehör. In der Asienausgabe des letzteren durfte der indische Politikprofessor Brahma Chellany in einem Kommentar den Afghanistan-»surge« als »Verliererschlacht« bezeichnen. Die in der neuen US-Regierung herrschende Auffassung, zuerst müsse Afghanistan »gesichert« werden, um Pakistan vor dem Zerfall zu bewahren, zäume das Pferd am Schwanz auf. In Wirklichkeit, so Chellany, müßten die USA »zuerst die Unterstützung des pakistanischen Militärs und dessen Infrastruktur für die Taliban« unschädlich machen. Der Schlüssel zur Befriedung des afghanischen »Friedhofs der Imperien« sei im »Staat innerhalb des pakistanischen Staates« verborgen. Konkret nannte Chellany den pakistanischen Geheimdienst ISI, den die USA in den 80er Jahren stärkten, um über ihn Waffen an die afghanischen Fundamentalisten zu liefern.

Daß »Obamas Krieg« möglicherweise nicht zu gewinnen ist, hat sich auch bis zu den Demokraten im Kongreß durchgesprochen. Da in den nächsten Wochen Haushaltsforderungen des Pentagons debattiert werden, versuchen Kriegsskeptiker nun, Stellung zu beziehen. Der Abgeordnete Jim McGovern aus Massachusetts beklagte, es gebe keine »Exit-Strategie«. Ohne eine solche Strategie des Abzugs werde er einer Truppenaufstockung nicht zustimmen. Ähnlich äußerte sich der Senator aus Wisconsin Russ Feingold.

Der demokratische Abgeordnete John Tierney aus Massachusetts, der erst kürzlich von seiner dritten Reise nach Afghanistan zurückkehrte, schüttelte gegenüber der Presse den Kopf mit den Worten: »Was ist das Ziel?« Was Tierney, der das Unterkomitee für nationale Sicherheit im Abgeordnetenhaus leitet, für die US-Truppen in Afghanistan erwartet, faßte er in folgende Worte: »Du mußt dann bei einer Beerdigung den Eltern dieser getöteten Kinder in die Augen schauen und sagen: Das und das ist der Grund, weshalb dein Kind bei einem Einsatz umgebracht wurde.«

Ganz vorne bei der Antikriegsmobilisierung stehen zur Zeit die Redakteure der Zeitschrift »The Nation«, auf deren Initiative eine Internetseite getafghanistanright.com (Afghanistan richtig machen) zusammen mit liberalen und linken Bloggern gegründet wurde. »United for Peace and Justice«, der Dachverband der US-amerikanischen Friedensbewegung, wacht unterdessen aus der Trägheit, die die Wahl Obamas erzeugt hatte, erst auf. Afghanistan wird bisher noch als Nebenaspekt ihrer Kampagnen »Kein Krieg gegen Iran« und »Rückzug aus Irak« behandelt.

Max Böhnel, New York

Mittwoch 11. Februar 2009