Unser Leitartikel:
Die drei Affen
Nichts sehen. Nichts hören. Nichts sagen. Bei den nach und nach eintreffenden Meldungen zur bundesdeutschen Afghanistan-Politik kommt einem unwillkürlich die Allegorie der drei Affen in den Sinn.
Während aufmerksame Beobachter schon beim ersten Lesen der Agenturmeldungen keinen Zweifel daran hatten, daß bei dem von einem pflichtbewußten Oberst der Bundeswehr befohlenen Luftangriff auf zwei von Aufständischen eroberte Tankwagen auf jeden Fall viele afghanische Zivilpersonen umgebracht worden waren, haben sämtliche Berliner Politiker, die dafür die Verantwortung trugen und tragen, hartnäckig in alle möglichen Kameras gelogen. Angeblich lagen zunächst keine Erkenntnisse vor, dann hieß es, einige wenige Taliban seien möglicherweise versehentlich ins Feuer geraten, aber keine Zivilisten, Gott bewahre!
Als sich die Ermordung von mindestens 142 Menschen, unter ihnen wahrscheinlich fünf Taliban-Kämpfer, nicht mehr länger verheimlichen ließ, ging der gerade auf den Ministersessel beförderte Nachkomme fränkischer Raubritter, Freiherr zu Guttenberg, zur Vorwärtsverteidigung über. Der Vorgänger habe natürlich die Informationen gehabt, habe sie ihm, dem mutigen Kämpfer für Recht und Ordnung, aber vorenthalten. Der höchste Offizier der Bundeswehr wurde mit allen Ehren in den Ruhestand geschickt. Wenige Tage danach mußte auch der seinerzeit zuständige Minister seinen Hut nehmen, um zu vermeiden, daß er in Selbstverteidigung zu viele Details ausplaudern könnte.
Es gilt als sicher, daß Guttenberg spätestens nach Amtsübernahme sämtliche Berichte darüber vorgelegt wurden. Immerhin hat er sich gezwungen gesehen, öffentlich zu formulieren, daß in Afghanistan »kriegsähnliche Zustände« herrschen, während Vorgänger Jung vehement bestritten hatte, daß es am Hindukusch überhaupt einen Krieg gibt. Nun wird es aber auch für ihn langsam eng. Denn inzwischen hat sich auch herausgestellt, daß Oberst Klein bei Kundus eine regelrechte Menschenjagd veranstaltet hat. Es ging ihm offenbar nicht vorrangig um die Tankwagen, sondern in bekannter preußischer Militärtradition darum, Gegner zu töten. Die Geschichte, daß mit den Tankwagen angeblich die Mauern des deutschen NATO-Stützpunktes – offiziell »Wiederaufbauteam« genannt – durchbrochen werden sollten, hat sich als glatte Lüge herausgestellt, denn es ist erwiesen, daß der Sprit abgezapft wurde, als die Bomber kamen.
Tückisch ist auch, daß laut NATO-Bericht selbst die US-Piloten Skrupel hatten angesichts der Menschen bei den Lastzügen, Oberst Klein ihnen aber befahl, ihre Bedenken gefälligst fallen zu lassen. Auch die Anwesenheit der geheimen deutschen Spezialtruppe KSK vor Ort hat Fragen ausgelöst. Immerhin sind die Soldaten ja als Brunnenbauer im Land, und um Mädchen auf dem Weg zur Schule zu beschützen…
Und nun wird dummerweise auch noch bekannt, daß das Auswärtige Amt unter der damaligen Führung des SPD-Kanzlerkandidaten Steinmeier ebenfalls von Anfang an informiert worden war. Peinlich ist, daß der damalige Außenminister Steinmeier erst vor wenigen Tagen als heutiger SPD-Fraktionschef im Bundestag »unverzügliche Klarheit über die Hintergründe« gefordert hatte. Wird er jetzt für Klarheit sorgen?
Wer sich ein wenig in den Strukturen auskennt, weiß, daß in jedem Fall auch das Kanzleramt genauestens im Bilde war. Was wird nun aus den drei Affen Merkel, Guttenberg, Steinmeier?
Uli Brockmeyer
Uli Brockmeyer : Dienstag 22. Dezember 2009
