Unser Leitartikel:
Komplizierte Verhandlungen

Natürlich ist es in einem Bereich wie der Finanzwelt kompliziert, einen Kollektivvertrag auszuhandeln. Dafür gibt es viele Gründe, angefangen dabei, dass die Beschäftigten, die in mehrere Gewerkschaftsorganisationen aufgesplittert sind, sich einem mächtigen Gegner gegenüber sehen, der, wenn es um die Profite und deren Aufteilung geht, sich an knallharten Kapitalinteressen orientiert.

Kompliziert ist die Sache auch, weil die Manager des Finanzkapitals dafür sorgten, dass inzwischen knapp jeder dritte Bankangestellte gar nicht unter den Kollektivvertrag fällt, obwohl diese Beschäftigten weit entfernt davon sind, zu den Führungskräften zu gehören. Aber die Devise »Teile und herrsche« gehört bekanntlich seit jeher zur Strategie des Kapitals.

In der Vergangenheit war der Druck des Finanzkapitals auf die Beschäftigten und die Gewerkschaften immer groß, so dass, selbst wenn Lohnerhöhungen und Verbesserungen der Arbeitsbedingungen erreicht wurden, diese nie an die rasante Produktivitätsentwicklung und die Explosion der Profite anknüpfen konnten.

Mit der kapitalistischen Finanz- und Wirtschaftskrise wurden die Bedingungen noch härter, und viele Bankangestellte, über denen das Damoklesschwert der Rationalisierung, der Auslagerung oder Entlassung schwebt, wagen kaum noch, laut über Lohnerhöhungen nachzudenken. Während auf der Seite der Beschäftigten atypische Arbeitszeiten, Ausbeutung und Stress zunehmen, sprudeln auf der Seite des Kapitals die Profite, die in die Taschen einer kleinen Minderheit von Aktionären wandern.

Der staatlichen Finanzaufsicht CSSF zufolge verbuchten die Banken, die am Luxemburger Finanzplatz tätig sind, im Jahr 2016 – trotz historisch niedriger Zinsen – einen Profit vor Rückstellungen in Höhe von 6,23 Milliarden Euro – 14,9 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, und nichts deutet darauf hin, dass die Banker demnächst am Hungertuch nagen müssten.

Angesichts solcher Resultate mutet die gewerkschaftliche Forderung nach einer linearen Erhöhung der Löhne von jeweils 1,5 Prozent zum 1. Januar 2017 und zum 1. Januar 2018 und von 2 Prozent zum 1. Januar 2019 selbst dann bescheiden an, wenn über die umbenannte Konjunkturprämie etwas hinzu kommen sollte.

Ob es solche Lohnerhöhungen und andere Verbesserungen geben wird, hängt natürlich davon ab, in wie weit die Beschäftigten ihre Gewerkschaftskollegen stützen und bereit sein werden, sich selbst für ihre eigenen Interessen einzusetzen.

Viel zu viele sehen die Gewerkschaften leider nicht als Instrument zur Durchsetzung der gerechten Forderungen der Lohnabhängigen, sondern als eine Art Versicherung oder haben die falsche Auffassung, die Bankangestellten und Banker säßen in einem Boot. Das weiß auch das Finanzkapital, das den Druck entsprechend erhöhen kann, desto weniger Entschlossenheit auf der Gegenseite zu erkennen ist.

Erleichtert wird das dem Finanzkapital dadurch, dass die politischen Einrichtungen – Regierung und Chamber – günstige Rahmenbedingungen schaffen, damit die Banker die Arbeitskraft der Bankangestellten möglichst nachhaltig ausbeuten können, aber dann ihre Hände in Unschuld waschen und auf die Autonomie der »Sozialpartner« verweisen, wenn die Bankangestellten und ihre Gewerkschaften bei Kollektivvertragsverhandlungen vom Finanzkapital immer wieder erpresst werden.

Unter solch ungleichen Voraussetzungen sind Kollektivvertragverhandlungen alles andere denn einfach.

Ali Ruckert

Ali Ruckert : Freitag 19. Mai 2017