Unser Leitartikel:
Heiße Luft
Es könnte durchaus sein, daß der soeben gescheiterte »Weltklima-Gipfel« zumindest Eingang in das Guiness-Buch der Rekorde findet. Immerhin wurde erreicht, daß Vertreter von 193 Staaten nach Kopenhagen reisten. Aus rund 120 Ländern haben sogar Staats- oder Regierungschefs den teuren Flug in die dänische Hauptstadt unternommen, nicht wenige davon mit präsidialen Sondermaschinen. Hunderte Sherpas hatten sich monatelang die Köpfe darüber heißgeredet, daß der »Weltklima-Gipfel« unbedingt ein Erfolg werden muß. Journalisten in aller Welt haben Millionen Zeitungsseiten damit gefüllt…
Aufmerksame Beobachter haben jedoch nicht mit einem Erfolg der Veranstaltung gerechnet. Dazu waren die zuvor verkündeten Ziele viel zu unkonkret und zu niedrig gesteckt. Die deutsche Regierungschefin, die sich von den Medien gern als »Klimakanzlerin« bezeichnen läßt, wollte unbedingt eine »verbindliche Vereinbarung« auf eine Begrenzung des Anstiegs der Temperatur »auf höchstens zwei Grad im Vergleich zu vorindustrieller Zeit« erreichen. Wenn dann ein derartig unverbindliches Ziel verfehlt wird, kann sie jederzeit sagen, »Wir haben uns ja bemüht, aber…«. Bei der »verbindlichen Verpflichtung« in den sogenannten Millenniumszielen, den Hunger auf der Welt um die Hälfte zu reduzieren, funktioniert das schon jetzt.
USA-Präsident Obama stellte die Überprüfbarkeit von Abkommen in den Vordergrund und versprach den Entwicklungsländern einen Hilfsfonds, in den ab 2020 eingezahlt werden soll, um deren Ausgaben für den Klimaschutz etwas zu reduzieren. Mit anderen Worten: Laßt uns in eure Kochtöpfe schauen und auch dafür sorgen, daß unsere Konzerne, die euch Umwelttechnik liefern, sich vom Geld unserer und eurer Steuerzahler die Taschen füllen können.
Der Verlauf der Konferenz brachte keine einzige positive Entwicklung. Es lief alles nach dem Prinzip »Wer zahlt, bestimmt die Musik«. Wieder war es so, daß die Vertreter der Industrieländer die Entscheidungen darüber trafen, welche Themen überhaupt diskutiert werden durften und welche unter den Tisch zu fallen hatten. Vertreter von zweieinhalb Dutzend Ländern bastelten hinter verschlossenen Türen an einer »politischen Erklärung«. Dabei spielt das Verursacherprinzip keine Rolle, also die Frage, welche Verantwortung die Staaten und die Konzerne tragen, die am meisten Schaden anrichten und damit am meisten Geld verdienen. Am Mittwoch wurde zum Beispiel gemeldet, daß die deutschen privaten Haushalte allein in diesem Jahr etwa 2,1 Milliarden Euro zusätzlich (!) berappen müssen, weil die Energiekonzerne die Preise erhöht haben. Das kam in Kopenhagen ebenso wenig zur Sprache wie das seit Jahren bekannte Problem, daß Energiekonzerne und Autohersteller nicht daran interessiert sind, den Spritverbrauch bei Autos deutlich zu reduzieren. Oder die Tatsache, daß die USA und die Länder Westeuropas pro Kopf deutlich mehr Energie verpulvern als die ganze restliche Welt. Und daß sie Milliardensummen dafür ausgeben, damit das so bleibt. Zum Beispiel für die Aufrechterhaltung und den Ausbau der Bestände an Atomwaffen, die unsere Welt millionenfach stärker bedrohen als der Anstieg der Temperaturen. Trotz lauthals verkündeter Versprechungen gab es in diesem Jahr keine einzigen Maßnahme, uns von diesem Teufelszeug zu befreien.
In Kopenhagen wurde viel heiße Luft verbraucht, um an den eigentlichen Problemen und den möglichen Lösungen vorbeizureden.
Uli Brockmeyer
Uli Brockmeyer : Sonnabend 19. Dezember 2009
