Informationstechnologie aktuell:

Schwäbisch Hall spart weiter, für München wird’s teuer

Im Februar dieses Jahres ließ die Stadtführung aus SPD und CSU in München – nachdem im Vorjahr Microsoft seine BRD-Zentrale dorthin verlegt hatte – das Ende von Linux auf den 20.000 Rechnern der Landeshauptstadt Bayerns beschließen. Die Einführung war 2003 von einer Mehrheit aus SPD und Grünen beschlossen worden, ein Beschluß gegen den die CSU von Anfang an Sturm lief.

Allerdings wird das Budget der Stadt jetzt kräftig zu leiden haben. Die bisherigen Einsparungen erreichten fast die Kosten eines Opern-Hauses, da nicht nur keine Lizenzgebühren für System und Software anfiel, sondern auch die Hardware viel länger brauchbar blieb, weil Linux erheblich pfleglicher mit den Ressourcen umgeht als Microsoft. Deshalb werden jetzt nicht nur wieder Jahr für Jahr hohe Posten für Lizenzen vorzusehen sein, es muß zunächst einmal die ganze Hardware in München aufgerüstet, sprich erneuert werden. Das wird bei all den Servern und 20.000 Arbeitsplätzen richtig teuer!

Ausrede Paßantrag

Dabei ist die offizielle Begründung wenig stichhaltig. Es sei nie eine vollständige Umstellung auf Linux möglich gewesen, weil »viele sehr verschiedene Fachanwendungen in den Referaten Windows erfordern«, rechtfertigt sich Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), dem die CSU gesagt hat, wo er umzufallen hat.

Hauptargument ist dabei das bundesdeutsche System für den Paßantrag, das stur auf Windows und auf sonst gar nichts läuft. Nun ist das zwar eindeutig nicht nett von der BRD-Regierung, die sich da als Lobby-Verein für Microsoft betätigt, kommt doch keine Gemeinde an diesem Programm vorbei, so groß oder so klein sie auch sein mag. Doch müßte das keine unüberwindliche Hürde sein.

Schwäbisch Hall spart weiter

Das macht die mit damals 36.000 und heute 39.000 Einwohnern mit Esch/Alzette vergleichbare Stadt Schwäbisch Hall vor. Ihre Entscheidung für die Umstellung auf Linux fiel ein Jahr früher als in München aus demselben Grund: der Ankündigung der Einstellung des Supports für Windows NT im Jahre 2001, die dann von Ende 2002 auf Ende 2003 verschoben wurde. Da der Stadt 2001 durch eine Gesetzesänderung von einem Tag auf den anderen der wichtigste Steuerzahler mit der gleichnamigen, auch in Luxemburg bekannten Bausparkasse abhanden gekommen war, stand es damals für Schwäbisch Hall außer Frage, eine vollständig neue Hardware anzuschaffen, was aber notwendig gewesen wäre, hätte man bei Microsoft bleiben und zahlen wollen.

Allerdings hatte Schwäbisch Hall eine bessere Ausgangsposition als München, liefen doch dort schon Server seit 1997 unter Linux. Auch wurde dort für Internet und Mails von Anfang an OpenSource-Software verwendet. Bevor nämlich der SPD-Mann Hermann-Josef Pelgrim Oberbürgermeister wurde, gab es kein Internet in den Amtsräumen der Stadt, und damals hatte Microsoft im Server-Bereich kein wirkliches Angebot. Es war die Hochzeit von Unix, und die Startzeit von Linux.

Der seit damals verantwortliche Technik-Abteilungsleiter Horst Bräuner sieht denn auch heute keinerlei Problem: »Die Stadtverwaltung kann mit Linux alle Aufgaben erfüllen. Alle Fachanwendungen funktionieren an den Arbeitsplätzen.« Und in Ausnahmefällen – bei AutoCAD (also nur von wenigen genutzten Zeichenprogrammen) und dem berühmten Paßantrag-System – wird Windows in einer virtuellen Umgebung zur Verfügung gestellt. Probleme mit dem externen Datenaustausch gibt es auch keine, können doch die OpenSource-Programme alle Windows-Formate lesen und in diesen abspeichern.

München hätte also wie Schwäbisch Hall auch weiterhin sparen können, wobei letztere immerhin doch auf Einsparungen im sechsstelligen Bereich im Jahr kommen, während es in München über eine Million war.

Wann spart endlich auch Luxemburg?

Beide Größenordnungen lassen sich auf Luxemburger Verhältnisse übertragen: der Staat könnte sich hier mindestens so viel ersparen wie bisher München, Esch/Alzette so viel wie Schwäbisch Hall! Wobei die Stadt Luxemburg, der es gelungen ist in ihrem letzten Budget die Kosten für Informations-Technologie so intelligent zu verstecken, daß sie nicht mehr herauszufinden sind, wohl in der Mitte läge.

Das ist viel Holz, das da Jahr um Jahr über den Atlantik schwimmt, um die Microsoft-Bilanz aufzufetten. Und es ist Steuergeld, das sinnlos zum Fenster hinausgeworfen wird, wobei die Leistungsfähigkeit der proprietären Systeme in vielen Fällen niedriger ist, obwohl teurere weil ressourcenreichere Hardware eingesetzt werden muß.

Wobei das eigentlich immer perverser wird. Denn hatte 2001 der damals Microsoft führende Steve Ballmer Linux noch als »Krebsgeschwür« angegriffen, so findet der aktuelle Chef Satya Nadella durchaus lobende Worte für das freie Betriebssystem. Das ging letztes Jahr so weit, daß Microsoft der Linux-Foundation beitrat und sogar die firmeneigenen Server in den Cloud-Rechenzentren unter Linux laufen läßt und nicht unter Microsoft.

Das ist eigentlich das Eingeständnis der Überlegenheit bei Sicherheit im Dauerbetrieb von Linux. Von jungen Luxemburger IT-Beraterfirmen haben wir so auch vernommen, daß sie sich über jeden freuen, der kein Linux bei ihnen bestellt: der erheblich höhere Aufwand für Wartung bei Microsoft und auch bei Apple spült viel mehr Geld in die Betriebskasse. Eine sparsame Verwendung von Steuergeld schaut jedenfalls anders aus!

jmj

Donnerstag 20. April 2017