Abreise aus dem Kampfgebiet Homs

Familien hoffen auf baldige Rückkehr in ihre Heimat

Die fünfte Phase einer innersyrischen Waffenstillstandsvereinbarung in Al Waer/Homs ist am Ostermontag ohne Zwischenfälle umgesetzt worden. 2.010 Personen, darunter 519 bewaffnete Regierungsgegner mit ihren Waffen und mit Familienangehörigen, wurden in 55 Bussen nach Jarabulous gebracht. Der Ort liegt im Norden Syriens an der Grenze zur Türkei und wird von der türkischen Armee und bewaffneten Regierungsgegnern kontrolliert. Der Konvoi wurde vom Syrischen Arabischen Roten Halbmond (SARC), syrischen Sicherheitskräften und der russischen Militärpolizei begleitet. Unstimmigkeiten mit der UNO bei früheren Versuchen, die Vereinbarung umzusetzen, hatten den Gouverneur von Homs, Talal Barazi veranlaßt, sich an Rußland als Garantiemacht zu wenden. Von Seiten der Regierungsgegner war das akzeptiert worden.

Ziel der Vereinbarung ist, alle Bewaffneten und deren Waffen aus Al Waer zu entfernen, damit die Zivilbevölkerung dorthin zurückkehren kann. Die seit zwei Jahren verhandelte Vereinbarung bietet den Regierungsgegnern in Al Waer zwei Möglichkeiten an. Wer will, kann in ein Amnestieprogramm eingegliedert werden. Dafür muß er seine Waffen abgeben und eine entsprechende Erklärung unterzeichnen. Diejenigen, die das nicht wollen, haben die Möglichkeit, mit ihrer persönlichen Waffe Al Waer in Richtung Idlib oder Jarabulous zu verlassen. Schwere Waffen müssen zurückgelassen werden und werden von der Armee konfisziert. Beobachtet wurde der Abzug der Kämpfer von Journalisten und von Vertretern des Versöhnungskomitees, das mit großer Geduld zum Gelingen der Vereinbarung beigetragen hatte. Geistliche von Kirchen und Moscheen, angesehene Bürger der Stadt und Parlamentsabgeordnete hatten immer wieder neue Anläufe genommen, um das Versöhnungsabkommen zwischen Assad-Gegnern und Regierung zustande zu bringen.

Gouverneur Barazi zeigte sich im Gespräch mit der Autorin am Rande der vierten Phase überzeugt, daß die gesamte Vereinbarung bis Ende April abgeschlossen sein werde. Dann könne man mit dem Wiederaufbau beginnen, vor allem die Strom- und Wasserversorgung müsse wieder hergestellt werden, damit die durch die Kämpfe vertriebene Bevölkerung nach Al Waer zurückkehren könne. Schmerzlich sei allerdings, daß die Menschen, die abzögen, »zu unserer Familie« gehörten. Er und die anderen vom Versöhnungskomitee sprächen mit allen, sie steigen in jeden Bus, um die Kämpfer zu überzeugen, ihre Waffen abzugeben und das Amnestieprogramm zu akzeptieren. An die Familien appelliere er, zu bleiben, doch es gebe unter ihnen eine Absprache, sich nicht von der Abreise abbringen zu lassen. Wer wolle könne zurückkehren, so Barazi: »Sie gehören zu uns«.

Im Gespräch mit zwei Familien, die am Straßenrand sitzend auf die Abfahrt ihres Busses warteten, erfuhr die Autorin, daß die beiden Ehepaare – sie sind Nachbarn – nur ungern Al Waer verlassen wollten. Die Männer – beide Arbeiter – stammten ursprünglich aus der Altstadt von Homs. Sie hatten Frauen aus Al Waer geheiratet, die zu ihnen in die Altstadt gezogen waren. Als die Kämpfe in der Altstadt von Homs im Frühjahr 2012 eskalierten, hatten sich die beiden Familien nach Al Waer zu den Familien ihrer Ehefrauen zurückgezogen. Nach der Evakuierung von Bewaffneten aus der Altstadt von Homs im Frühjahr 2014 hatten sich etliche der Regierungsgegner nach Al Waer abgesetzt, von wo sie ihren Krieg gegen die Regierung fortsetzten. Der Ort wurde von der syrischen Armee eingeschlossen, wiederholte Waffenstillstandsvereinbarungen scheiterten.

Sie könne nicht beschreiben, was sie in den letzten Jahren durchgemacht hätten, sagte eine der Frauen. Natürlich wolle sie nicht weg aus Al Waer, das sei ihre Heimat. Doch vielleicht sei es besser zu gehen, bis die Lage sich wieder beruhigt habe, fügte sie hinzu. Man habe ihnen gesagt, daß sie in Jarabulous in Zelten wohnen würden, sie hoffe auf Rückkehr. Wenn es nach ihnen ginge, würden sie bleiben, meinte ihr Mann. »Aber wir haben drei Söhne«, sagte er dann leise. Die seien bei den Assad-Gegnern, »das haben wir nun davon«. Weitere Fragen wurden von einem der bewaffneten Regierungsgegner, der den Einstieg in die Busse offenbar beaufsichtigte, unterbunden. Die Vereinbarung beinhalte, daß Journalisten weder mit den Kämpfern noch mit den Familien sprechen dürften, erklärte ein Mitglied des Versöhnungskomitees. Er bitte die Autorin, sich daran zu halten.

Karin Leukefeld, Al Waer/Homs

Familien warten auf die Abfahrt nach Jarabulus. Russische Soldaten sichern den Transport (Foto: Karin Leukefeld)

Mittwoch 19. April 2017