Aleppo im April

Hoffnungen und Enttäuschungen im syrischen Friedensprozeß

Der Donner über Aleppo stammt nicht von Kampfjets oder schwerer Artillerie, an diesem Aprilmorgen geht ein schweres Gewitter über der Stadt nieder. Der Regen fällt so dicht, daß der Verkehr fast zum Erliegen kommt. Auto- und Busfahrer hupen, Fahrzeuge stehen quer, Passanten und Radfahrer flüchten sich unter schützende Dächer und Busstationen. Ein Beinamputierter bewegt sich langsam mit seiner Gehhilfe durch das Unwetter. In nur wenigen Minuten fließt das Wasser in schlammigen Strömen die Straßen herunter. Aleppo liegt »wie in einer Talschüssel«, daher ist jeder Donner doppelt so laut zu hören, meint Joseph B., der die Autorin begleitet. Langsam steuert er den Wagen an den Straßenrand und zündet sich eine Zigarette an: »Das dauert nicht lange, warten wir ein wenig.« Und tatsächlich, wenige Minuten später ist der Sturzregen vorbei und die Sonne strahlt wieder durch die hoch aufgetürmten Wolken.

Waffenlieferungen aus der Türkei

Aleppo sei sehr viel ruhiger geworden, seit die Stadt von den bewaffneten Regierungsgegnern befreit worden sei, meint Fadi I., der im örtlichen Versöhnungskomitee aktiv ist. Doch wenn es der Armee nicht gelinge, die Waffenlieferungen aus der Türkei zu stoppen, befürchte er einen neuen Sturm auf die Stadt. Die türkischen Militärlastwagen kämen über den Grenzübergang Bab al Hawa, der rund 60 km westlich von Aleppo liegt. Die gesamte Grenze zur Türkei entlang der nordwestlichen Provinzen Afrin und Idlib seien durchlässig. Die syrische Armee habe sich aus dem Gebiet zurückziehen müssen und die Türkei ließe alle Lieferungen passieren. »Wenn Bab al Hawa wieder von der syrischen Armee kontrolliert werden kann und die Lieferungen gestoppt werden, können wir den Krieg in Idlib in einem Jahr beenden«, ist Fadi I. überzeugt.

Bestätigt wird das von einem syrischen Sicherheitsexperten, der namentlich nicht genannt werden kann. Die Transporte aus der Türkei würden vom türkischen Militärgeheimdienst MIT begleitet. Seit langem sei man über chemische Waffen- und Produktionsstätten der Regierungsgegner informiert. In Ost-Aleppo hätten die Kämpfer Giftgas gegen eine Stellung der syrischen Armee eingesetzt. Syrien habe die UNO dutzende Male darauf aufmerksam gemacht, ohne Erfolg.

Krieg der Lügen

Angesprochen auf das Geschehen in Khan Sheikhoun, das weniger als 48 Stunden später zu einem Angriff der USA-Armee auf einen syrischen Militärflughafen beantwortet worden war, meinte der Experte, sowohl der Einsatz von chemischen Substanzen als auch der USA-Angriff seien nach syrischer Ansicht geplant gewesen. Man habe ein Gespräch abgefangen, in dem nur einen Tag vor dem Ereignis in Khan Sheikhoun eine »große Überraschung« für die syrische Armee angekündigt worden sei. Damit werde man »den Tisch umstoßen«, was so viel heißt wie, daß »die Karten neue gemischt werden« würden. »Wir haben diese Waffen nicht«, so der Experte, Syrien habe alle Chemiewaffenbestände unter internationale Kontrolle gestellt und vernichtet. Politik und die öffentliche Meinung in Europa würden generalstabsmäßig von einer Medienarmee in die Irre geführt: »Sie führen gegen uns einen Krieg der Lügen.«

Die Aleppiner nehmen ihr Schicksal trotz aller Drohungen einer feindlichen Umwelt und großem Mangel selber in die Hand. Am historischen Antakiya Tor sitzen zwei Brüder neben dem einfachen Verkaufsstand eines Nachbarn. Die Brüder waren im Frühjahr 2012 von bewaffneten Männern aus ihrem Elternhaus vertrieben worden. Der Ältere schloß sein Geschäft und zog sich mit der Familie in einen anderen Stadtteil zurück. »Mit 50 jungen Männern haben wir versucht, ihnen Widerstand zu leisten, aber sie waren brutal und viel besser bewaffnet«, meint der Jüngere. Der Nachbar hört den beiden zu, dreht sich dann aber abrupt weg. Tränen laufen ihm über das Gesicht, als er schweigend seinen Pullover hochzieht und Narben und dunkle Flecken an seiner linken Hüfte zeigt. »Sie haben mich geschlagen, beschimpft, dann haben sie auf mich geschossen«, sagt er leise. »Wenn ich darüber spreche, ist es, als würde es noch einmal geschehen.«

Erinnerungen an eine andere Welt

Die Eisenbahn in Aleppo fährt wieder. Laut erklingt ihr tiefes Horn, als sich die Waggons am Bagdad-Bahnhof langsam in Bewegung setzen. Der Name des Bahnhofs geht in eine Zeit zurück, als der Zug von Aleppo über Mossul nach Bagdad fuhr, erklärt Joseph, der die Autorin in Syrien meist begleitet. Doch die schönste Strecke sei die durch Berge bei Jisr as-Shugour nach Latakia gewesen: »Durch die Wälder, durch Täler und Tunnel bis ans Mittelmeer.« Als Jugendlicher hatte er in einem Sommer mit Freunden eine Reise durch Syrien gemacht, bevor die Schule in Damaskus wieder begann. »Die 1. Klasse war für uns zu teuer und zu vornehm, in der 3. Klasse teilte man sich das Abteil schon mal mit Hühnern und Schafen, die die Bauern zum Viehmarkt nach Latakia brachten«, erinnert er sich. »Wir fuhren in der zweiten Klasse, mit Trommeln und Flöten, Tanzen und Singen vertrieben wir uns die Zeit, bis wir in Latakia ankamen.«

Das war in einer anderen Welt. Heute fährt der Zug lediglich von Aleppo nach Jibrin, einen etwa 10 km vom Zentrum der Stadt entfernten Vorort im Osten von Aleppo. Dort befinden sich die Lager, in denen die Baumwolle aus Rakka angeliefert wurde. Hier wurde sie gewogen, gereinigt, verpackt und verkauft. Die Baumwolle Syriens gehört zu den besten der ganzen Welt. Selbst Politiker wie der türkische Staatsgründer Kemal Atatürk kauften sich ihre Anzüge in Syrien, wegen der guten Qualität und des vornehmen Schnitts.

Auch das war in einer anderen Welt. Aus Rakka kommen keine Baumwolllieferungen mehr, sondern Flüchtlinge, Tausende Inlandsvertriebene sind in den Lagerhallen von Jibrin untergebracht. Sie werden vom Syrischen Arabischen Roten Halbmond (SARC) und vom UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) und anderen privaten Hilfsorganisationen mit Essen, medizinisch und psychologisch versorgt. Die Menschen stammen aus dem Osten des Landes, aus Hasakeh, Qamischly, Deir Ezzor und Rakka. Aber auch Bewohner von Ost-Aleppo sind hier untergebracht, deren Wohnungen während des Krieges 2012-2016 zerstört wurden.

Haß gegen »Ungläubige«

In den letzten Tagen kamen in Jibrin rund 5.000 Menschen aus Kefraya und Al Fouah an, die im Zuge eines »Vier-Städte-Abkommens« in einem riesigen Buskonvoi aus ihren Heimatorten abtransportiert worden waren. Zwei Jahre lang waren sie von den islamistischen Kampfgruppen der »Armee der Eroberung« und von der Nusra Front bedroht, angegriffen, ermordet und drangsaliert worden. Als »Kufar« werden sie beschimpft, als »Ungläubige«, weil sie schiitische Muslime sind. Die Schiiten in Syrien sind eine Minderheit, doch die beiden wichtigen schiitischen Schreine der Saida Zeynab südlich von Damaskus und der Ruqqaye, in der Damaszener Altstadt zogen früher Tausende schiitischer Pilger aus dem Irak, Iran und aus dem Libanon an. Erst im März diesen Jahres waren mehr als 40 irakische Pilger in Damaskus bei einem Doppelanschlag getötet worden.

Selbst die Vertreibung der Menschen aus Kefraya und Al Fouah reichte den haßerfüllten Gotteskriegern nicht. Bei einem erzwungenen Halt in Raschidien, westlich von Aleppo, wurden ihre Busse Ziel einer schweren Explosion. Fünf Busse brannten aus, mehr als 200 Menschen wurden getötet, darunter mehr als 100 Kinder. Viele Menschen wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt. Die russische Armee sorgte schließlich dafür, daß der restliche Konvoi sein Ziel Aleppo und das Auffanglager Jibrien erreichte.

Zorn und Hoffnungslosigkeit

Erst da wurde vielen die Gewalttat richtig bewußt. Im Chaos hatten viele ihre Taschen mit Dokumenten verloren, erzählt Housein, der aus Al Fouah stammt und schon früher gegenüber der »Zeitung« die Situation in dem belagerten Ort geschildert hatte. Noch schlimmer war, daß Menschen vermißt wurden. Man wisse nicht ob sie tot oder verletzt seien, so Housein. Daß ihre Angehörigen, verletzt oder tot in Raschidien der Nusra Front in die Hände gefallen seien, verstärke Zorn und Hoffnungslosigkeit bei den ohnehin traumatisierten Menschen. Krankenwagen aus der Türkei seien gekommen und hätten die Menschen abtransportiert, für die Familien sei das nichts anderes als eine Entführung.

Manche der Vertriebenen wurden am Dienstagnachmittag nach Homs, Damaskus oder Latakia gebracht. Auch Housein fuhr in einem der Busse mit, die nach Damaskus fuhren. Dort hat er Verwandte, erzählt er. Ein Bruder wurde in Al Fouah getötet. Hinter Housein liegt sein von den islamistischen Kämpfern zerstörtes Leben. Ob er seine Heimat jemals wiedersehen wird, weiß er nicht.

Karin Leukefeld, Aleppo

Rückkehr in eine zerstörte Stadt: Frauen und Kinder an der Haj-Brücke im Ostteil von Aleppo (Foto: Karin Leukefeld)

Mittwoch 19. April 2017