Bologna-Prozeß bringt Uni-Niedergang:

Kurzfristige berufliche Verwertung als Ziel

Es gibt nur ein Ziel für Kapitaleigner: die Vermehrung ihres Kapitals. Was auch immer sie tun, dient dem. Entweder indem sie Geld ins Erzeugen von Produkten oder Dienstleistungen stecken (sie nennen das »investieren«), um nach deren Verkauf mehr Geld zu haben. Oder indem sie etwas tun, damit diese Art von Profitwirtschaft, in der sie allein im Wirtschaftsbereich entscheidungsbefugt sind, auch in Zukunft uneingeschränkt exi­stiert.

In letzteres Kapitel fällt sowohl das, was sich unter den Begriff »Mildtätigkeit« fassen läßt (egal ob karitativ gespendet oder zwecks Aufpolieren des Ansehens »gesponsert«), als auch Zugeständnisse ans konsumierende und für Lohn arbeitende Volk, damit es seine Knechtschaft brav ertrage und nicht auf umstürzlerische Gedanken komme.

Letzterem verdanken wir zum Beispiel den Achtstundentag und die Sozialversicherung, aber nicht den universitären Bologna-Prozeß, denn damit werden die Hochschulen aus humanistischen Bildungsinstitutionen zur Entwicklung der Persönlichkeit und zum Gewinnen eines Einblicks in Zusammenhänge zu stinknormalen Ausbildungsstätten, in denen Jugendliche für die sofortige berufliche Verwertung konditioniert werden.

Kurzfristig - mittelfristig

Am deutlichsten wird das bei den kurzen Bachelor-Studiengängen, aber auch darauf aufbauende Master- und Doktor-Studien sind mit neu eingebauten Scheuklappen längst nicht mehr wie ehedem Magister und Doktorat ausgerichtet auf Überblick und Zusammenhänge.

Das ist zwar offensichtlich absurd in einer Zeit, wo keine Politiker-Sonntagsrede ohne den Zusatz auskommt, außer Bäcker und Fleischer gäbe es keine lebenslang ausübbare Berufe mehr, alles sei im Fluß und deshalb gehe nichts mehr ohne lebenslanges Lernen. Dafür wäre es doch eindeutig von Vorteil, hätte der gezwungenermaßen ständig zu neuen Ufern Aufbrechende sich ein Koordinaten-System aneignen können, das ihm einerseits einen Überblick verschafft und ihm andrerseits erlaubt, Neues im Gesamtrahmen einzuordnen.

Doch sich solches anzueignen kostet Zeit, und Zeit ist Geld, wobei das kurzfristig keinen Profit abwirft. Zudem entsteht mit dem Überblick das Risiko, daß Studierende über die Sinnhaftigkeit des Bestehenden nachdenken und dabei auf »dumme«, sprich umstürzlerische Gedanken kommen.

Deshalb wurde der Bologna-Prozeß von der EU, dieser Kapitalunion, erfunden, um Schluß zu machen mit all dem Ausbildungs-Humanismus. Es gab zwar auch schon davor starke Verschulungstendenzen, aber auch Gegenwehr von Lehrenden wie Studierenden. Um schneller voranzukommen bei der kurzfristigen beruflichen Verwertung, mußte also Neues her, das mit dem Auslandsseme­ster jenen erweiterten Horizont versprach, den viele verteidigen wollten, ohne ihn aber wirklich zu bieten: denn auch auf der ausländischen Hochschule kommt der Studierende ins verschulte Hamsterrad, das ihn zur kurzfristigen Verwertung formt.

Und da stehen wir nun und stellen fest, daß diese kurzfristige Verwertbarkeit bereits heute zu akademischer Arbeitslosigkeit führt. Denn die Schmalspurausbildung bringt überhaupt keine Sicherheit auf dauerhafte Beschäftigung, selbst nicht mit der Bereitschaft zu lebenslangem Lernen. Da wird der kurzfristige Vorteil fürs Kapital schon mittelfristig zum Nachteil für den um Lohn Arbeitenden.

Kommt es nämlich zu Veränderungen im Arbeitsablauf, ist es profitabler einen frisch und aktuell Ausgebildeten anzuheuern als einen mit obsolet gewordener Ausbildung umzuschulen. Das soll der dann in der Arbeitslosigkeit selbst besorgen – mag ihm ein Arbeitsamt helfen oder auch nicht. Damit sind die Weiterbildungskosten wie die sowieso von Kapitalseite nicht zu tragenden Kosten der Erstausbildung aus der Wirtschaft ausgelagert!

Gegenwehr kommt

Erfreulich ist, daß sich an so manchen Unis nun die Forderung erhebt, Schluß zu machen mit Bologna und zurückzufinden zu einer ganzheitlichen humanistischen Ausbildung. Allerdings wird das nur durchsetzbar sein im Rahmen des aktuell real existierenden Kapitalismus, wenn das Kapital den Weiterbestand seiner Alleinherrschaft bedroht sieht. Die Kapitaleigner werden sonst ihren Vertretern in EU und in ihren Mitgliedsstaaten nie erlauben, mit etwas Schluß zu machen, was für sie mehr Profit bedeutet.

Damit die Angst bei der Kapitalseite groß genug wird – und das ist zugleich der erste Schritt auf dem Weg zu grundlegender Veränderung der gesellschaftlichen Zustände – braucht es nicht nur Gegenwehr von Seiten der aktuell Studierenden, sondern ein Bündnis derselben mit den Jüngeren in den Sekundarschulen wie den bereits in Lohn stehenden Älteren, die arbeitslos Gewordenen einbegriffen. Letztere können daraus übrigens zusätzlich die Erkenntnis gewinnen, daß der Fehler ihrer Arbeitslosigkeit nicht bei ihnen zu suchen ist, sondern daß sie Opfer eines Systems sind, das Profit auf ihre Kosten produziert. Nur im Bündnis läßt sich dieses Rad stoppen!

Dabei gilt es auch in der ersten Etappe die weitere Machtübernahme des Kapitals auf den Universitäten zu bekämpfen, sei es über den Weg der berühmten Drittmittelfinanzierung, sei es durch »Wirtschaftsvertreter« in leitenden Uni-Gremien, wie sie auch die Luxemburger Regierung gerade schuf.

jmj

Dienstag 18. April 2017