Neue Allianz Moskau – Havanna

Erfolgreicher Besuch Raúl Castros in Rußland mit zahlreichen Vereinbarungen

Als Kubas Staats- und Regierungschef Raúl Castro und seine Begleiter nach einem 7-Tage-Besuch in Rußland in ihrer Iljuschin 96 in Richtung Angola abflogen, hatten sie 34 mit ihren Moskauer Partnern ausgearbeitete Dokumente im Gepäck.

Fidel Castro war der letzte kubanische Präsident, den man in Moskau empfangen hatte, 1987 vor den Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution. Als er nach Havanna zurückkehrte, berichtete er der Presse sehr zurückhaltend über seine Eindrücke. Wer Fidel Castro und seine diplomatischen Gepflogenheiten kannte, konnte den Erklärungen eine tiefe Beunruhigung über die Zukunft der UdSSR entnehmen, von der sich Kuba aufgrund der Feindseligkeit Washingtons gezwungenermaßen abhängig machen mußte.

Anfangs war das eine Art Zweckehe, die sich dann jedoch zu einem freundschaftlichen, solidarischen Verhältnis entwickelte, ohne das, wie es schien, die Insel nicht überleben würde. Es war einer der zahllosen Irrtümer, dem nicht nur die USA aufgesessen waren. Denn ab 1991 stand Kuba, zwar nicht unvorbereitet, aber eben doch beinah allein da. 85 Prozent seines ökonomischen Hinterlands waren weggebrochen, und die Folgen der wirtschaftlichen, finanziellen und politischen Blockade ließen Freund und Feind fürchten bzw. hoffen, daß die letzte Stunde der kubanischen Revolution geschlagen habe. Die Anti-Castro-Industrie rund um den Erball genoß ihre Konjunktur. Und es hagelte zugleich aus aller Welt mitunter sogar gut gemeinte Ratschläge, zu kapitulieren und zu akzeptieren, daß das »Ende der Geschichte« erreicht sei.

Kuba kapitulierte nicht. Und der Direktor des Moskauer Lateinamerika-Instituts Dawydow erklärte anläßlich des Castro-Besuchs, man »kann natürlich nicht ins Vergangene zurückkehren, schon deshalb nicht, weil heute die Zusammenarbeit auf einer höheren Stufe steht«. Damit meint er nicht nur die vertraglich vereinbarte »technologisch-militärische Kooperation (Ersatzteile), weil die kubanische Armee mit sowjetischem Gerät ausgerüstet ist«, sondern vor allem die zivilen Sektoren Energie, Informatik, Schiffsbau, Biotechnologie, Transport, Tourismus, medizinische Dienstleistungen, Zucker, Landwirtschaft, Nickel, Erdöl, Joint Ventures usw.

Das Problem der Schulden, die Kuba bei der UdSSR hatte, wurde schon 2006 auf Eis gelegt. Jetzt vergab Moskau an Havanna einen 20-Millionen-Dollar-Kredit, damit Kuba in Rußland einkaufen kann. Bei der Gelegenheit erfuhr man hier, daß Rußland, obgleich es Milliarden Dollar investieren mußte, um den Rubel zu stützen und die Schäden in der Wirtschaft so niedrig wie möglich zu halten, nach wie vor über die drittgrößten Dollarreserven aller Staaten verfügt (426,5 Milliarden).

Der russische Präsident Medwedjew, der sich mit seinem Gast mehrere Male – teils offiziell, teils informell – traf, erklärte, daß mit dem Besuch der Kubaner »die Beziehungen beider Länder neuen Schwung erhielten«, denn »unsere Freundschaft und unser Vertrauen haben alle Proben der Zeit überstanden und bilden ein solides Fundament«. Wie man miteinander umging, sagt mehr aus als jede Presseerklärung: konzentriert und trotzdem entspannt, herzlich, gut gelaunt, wie in besten Zeiten. Vorsichtshalber machte der russische Außenminister Lawrow mehrere Male darauf aufmerksam, daß sich »unsere Zusammenarbeit nicht gegen dritte Länder richtet. Sie ist völlig transparent.«

Gespannt war man hier darauf, wie sich das Treffen Castro-Putin in diese Landschaft des Lächelns einfügen würde. Putin war es schließlich, der im Jahr 2001, wenige Wochen nach seinem Kuba-Besuch und kurz vor seiner Visite bei George W. Bush, ohne vorherige Konsultationen mit Havanna der Welt mitteilte, Moskau werde sein größtes außerrussisches Abhörzentrum in Kuba aufgeben und demontieren. Selbst dort stationierte russische Offiziere waren geschockt, von der kubanischen Führung ganz zu schweigen.

Die Filmausschnitte des Fernsehens zeigten nun völlige Normalität. Mit dem Besuch Raúl Castros in der Russischen Föderation haben beide Staaten eine neue strategische Allianz geschmiedet. Und Moskau ist seinem Ziel näher gekommen, in Lateinamerika festeren Fuß zu fassen.

Leo Burghardt, Havanna

Dienstag 10. Februar 2009