Unser Leitartikel:
Nur die Spitze des Eisbergs

Die Situation auf dem Arbeitsmarkt hat sich in den letzten Monaten dramatisch zugespitzt. Und wenn die Regierung auch immer wieder versucht, das Ganze herunterzuspielen, so reicht jedoch allein ein Blick in die vom Konjunkturkomitee veröffentlichten Zahlen, um sich des Gegenteils zu überzeugen. So führte die Adem Ende des Jahres 11.500 Arbeitslose und 2.830 Personen in Beschäftigungsmaßnahmen.
Doch damit nicht genug. Die Situation ist in Wahrheit um ein Vielfaches schlimmer. Denn erwähnen muss man auch die 1.194 Frauen und 2.938 Männer, die über gesundheitliche Probleme klagen, aufgrund des skandalösen Invaliditätsgesetzes extern reklassiert wurden, jedoch in keinem anderen Betrieb eine Anstellung fanden, und nun als Arbeitsuchende mit geringeren Kapazitäten geführt werden.

Und noch um Vielfaches schlimmer wäre die Situation, wenn auch die Grenzgänger, die ihren Job verlieren, in den Statistiken der Adem geführt würden. Allein die Tatsache, dass von November bis Dezember des letzten Jahres um die 3.500 Grenzgänger hierzulande aus den Gehaltslisten verschwanden, zeigt welche Ausmaße die Arbeitslosenzahlen erreichen würden, wenn auch die Teilinvaliden ohne Job und die Granzgänger, die ihre Arbeit verlieren, als Erwerbslose bei der Adem geführt würden.

Vorbei wäre es mit dem stolzen Auftreten der Regierungsvertreter, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit damit prahlen, in Luxemburg, dem Land mit den angeblich niedrigsten Arbeitslosenzahlen innerhalb der EU, habe die Politik das Problem nach wie vor fest im Griff. Bewusst verschweigen sie der Öffentlichkeit jedoch, dass sie mit getürkten Zahlen operieren. Fakt ist, dass die Situation auf dem Arbeitsmarkt in Wirklichkeit weitaus dramatischer ist als von den Regierungsparteien angegeben.

Da die im Parlament vertretenen Parteien gemeinsam mit dem Patronat versuchen, alles Unangenehme im stillen Kämmerlein zu regeln, drängen sich unweigerlich mehrere Fragen auf.
Wie viele der 3.500 Grenzgänger, die Ende Dezember weniger als vier Wochen zuvor in Luxemburg beschäftigt waren, wurden entlassen? Aus welchen Sektoren stammen sie?

Wieso wurde der breiten Öffentlichkeit praktisch verschwiegen, dass seit Oktober des letzten Jahres bereits 258 Bankangestellte ihren Job verloren, die 104 Mitarbeiter von Landsbanki nicht mit einbegriffen? Etwa nur deshalb, weil das Feuer im Finanzsektor weiter wedelt, ... und der richtig große Knall noch bevorstehen dürfte? Stimmt es, dass es bei Dexia-BIL womöglich nicht bei den beabsichtigten 78 Kündigungen bleiben wird?

Wie geht es bei Goodyear oder Dupont weiter? Stehen dort etwa die gleichen »Erfolgsmeldungen« wie bei ArcelorMittal bevor – wo bekanntlich mittelfristig bis zu 1.000 Posten gestrichen werden sollen? Wie standhaft können sich die vielen Klein- und Mittelbetriebe der Wirtschafts- und Systemkrise entgegen stemmen? Wie steht es um die Zukunft der Sektoren Industrie und Transport? Alles Fragen, auf die viele Schaffenden liebend gerne eine ehrliche Antwort hätten. Und zwar noch vor den Parlamentswahlen.

Abschließend noch eine Frage am Rande: Auf dem Programm von Staatsvisiten stand früher stets die Besichtigung mindestens eines Industriewerkes. Beim italienischen Staatspräsidenten war dies erstmals anders. Zu seinem Besuchsablauf gehörte lediglich die Visite von EU-Institutionen. Sollte man dies etwa als eine Art inoffizielle Bankrotterklärung Luxemburgs als Industrieland verstehen?

gilbert simonelli

Gilbert Simonelli : Samstag 7. Februar 2009