Unser Leitartikel:
Eine andere Lohnpolitik muss her

Kollektivvertragsverhandlungen landen immer häufiger in der Sackgasse. Dies, weil das Patronat alles von den Verhandlungstischen fernzuhalten versucht, was die Finanzen der Betriebe belasten und somit negative Auswirkungen auf die von den Unternehmern angestrebten Profite haben könnte. Wohl die Hauptursache dafür, dass sie, neben dem Vorhaben, mit einem Minimum an Personal auszukommen, bei Forderungen der Gewerkschaften, bestehende Löhne linear aufzubessern, immer fester aufs Bremspedal treten.

Um die Lohnmasse zu drücken, sind den Unternehmern alle Wege recht. So sind in so manchen Betrieben die Anfangslöhne für neue Mitarbeiter bereits deutlich nach unten revidiert worden. Auch zeigt das Patronat immer weniger Bereitschaft, bestehende Lohntabellen, die auf Berufserfahrung und Betriebszugehörigkeit aufgebaut sind, aufrecht zu erhalten, oder neue zu schaffen. Von einer linearen Aufbesserung bestehender Lohntabellen ganz zu schweigen. Von Patronatsseite besteht seit Jahren jedenfalls kaum noch die Bereitschaft, über Forderungen, die über sogenannte Nullrunden hinaus gehen, zu diskutieren.

Mit der Folge, dass die Zahl jener Erwerbstätigen, denen, trotz Kollektivvertrag, während Jahren Lohnaufbesserungen vorenthalten werden, ständig wächst. Schlimmer noch ist die Situation für die Beschäftigten in Betrieben, in denen es keinen Kollektivvertrag gibt – was immerhin für rund 45 Prozent aller arbeitenden Menschen der Fall ist. Die meisten davon riskieren während ihrer gesamten aktiven Laufbahn mit dem sozialen oder dem qualifizierten (+20%) Mindestlohn auskommen zu müssen. Ihr Einkommen steigt immer nur dann, wenn Löhne und Renten, wie nun zum Jahresanfang, an die Inflation angepasst werden. Ein Einkommen, das trotz Indexanpassung kaum ausreicht, um ein menschenwürdiges Leben führen zu können.

Wer engere Kontakte mit den Menschen in den Betrieben pflegt, erfährt unschwer, dass die heutige Lohnpolitik des Patronats, den Beschäftigten über Jahre hinweg trotz zunehmender Flexibilisierung, Mehrarbeit und vielfach längeren Schichten (auch an den Wochenenden) keine Lohnaufbesserungen zu gewähren, demotivierend auf die Schaffenden wirkt.

Zumal das Patronat nicht nur bei Lohnforderungen immer arroganter und rücksichtsloser vorgeht. So versucht es seit Jahren, auch Zugeständnisse aus früheren Jahren, welche die Lohnmasse aus ihrer Sicht zu sehr belasten, abzuschaffen oder zumindest zu beschneiden. Dies gilt besonders für Prämien, Zuschüsse und Sonderregelungen, die nicht im Arbeitsrecht festgehalten sind. Nicht zu vergessen das immer häufigere Kürzen oder Streichen von Gratifikationen und Jahresendprämien bei krankheitsbedingten Fehltagen (absentéisme).

Wenn man die zahlreichen Unannehmlichkeiten betrachtet, mit denen sich die Personalvertreter täglich auseinandersetzen müssen, muss einem bange vor der Frage sein, wie groß und wie schwerwiegend eigentlich die Probleme in Betrieben sind, in denen es weder kollektivvertragliche Abmachungen noch eine Personalvertretung gibt.

So oder so, das Vorhaben der Unternehmer, aus reiner Profitgier zunehmend Löhne zu »torpedieren« und in Jahrzehnten hart erkämpfte Errungenschaften reihenweise »platt zu walzen«, kann nur dann erfolgreich abgewehrt werden, wenn sich Lohnabhängige und Gewerkschaften dem gemeinsam entgegen setzen und mit aller Kraft eine andere Lohnpolitk fordern.

gilbert simonelli

Gilbert Simonelli : Mittwoch 11. Januar 2017