Unser Leitartikel:
Leere Versprechen

Obwohl sich im nächsten Sommer dreimal so viele US-Soldaten in Afghanistan befinden sollen wie zu Beginn seiner Amtszeit als 44. Präsident der USA, wird Barack Obama am heutigen 10. Dezember, dem Todestag des schwedischen Sprengstoffabrikanten Alfred Nobel, im Osloer Rathaus mit dem diesjährigen Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Erst am Dienstag hatte Obama seinen von Amtsvorgänger George W. Bush übernommenen »Verteidigungsminister« Robert Gates nach Kabul geschickt, wo sich der Pentagonchef abermals bemühte, das von Obama bewußt produzierte »Mißverständnis«, seine Regierung plane einen baldigen Abzug aus Afghanistan, aus der Welt zu schaffen. Die USA hätten vor, noch sehr viele Jahre am Hindukusch zu bleiben, »versprach« Gates dem afghanischen Präsidentenimitator Hamid Karsai.

Schon am Sonntag hatte der Pentagonchef klargemacht, daß mit dem Abzugsbeginn, den der diesjährige Träger des Friedensnobelpreises scheinbar für Juli 2011 in Aussicht gestellt hatte, lediglich »eine Handvoll, eine kleine Zahl« von US-amerikanischen Besatzungssoldaten gemeint sei.

Der Oberkommandierende der US-Streitkräfte plant nicht nur eine massive Aufstockung der eigenen Truppen und fordert die NATO-Verbündeten unablässig auf, es ihm gleichzutun. Längst wird in Washington eine militärische Eskalation durch große Angriffsoperationen vorbereitet. So sprach Admiral Mike Mullen, der Generalstabschef der US-Streitkräfte, am Montag auf dem Marinestützpunkt Camp Lejeune in North Carolina davon, die Aufstandsbewegung in den nächsten zwölf bis 24 Monaten entscheidend schlagen zu wollen.

Eine militärische Eskalation des Krieges am Hindukusch bedeutet aber nicht nur weiter steigende Verluste für die Besatzer – die allein in diesem Jahr schon mehr als 400 Zinksärge nach Hause schicken mußten –, sondern vor allem einen dramatischen Anstieg der Zahl der Toten, Verwundeten und Vertriebenen auf afghanischer Seite.

Mullens Londoner Amtskollege David Richards, der am Montag den hundertsten britischen Kriegstoten seit Jahresbeginn beklagen mußte, hatte Obama bereits Anfang Oktober zusätzliches Kanonenfutter zugesagt und dies mit der nach dem Zweiten Weltkrieg unter anderem auf Griechenland bezogenen Dominotheorie begründet, die vor allem während des Vietnamkrieges in den sechziger und frühen siebziger Jahren in Washington Konjunktur hatte:

So wie Washington einen Sieg der FNL in Südvietnam verhindern mußte, weil sonst auch die Nachbarländer und dann die nächsten Staaten in einem seiner Haupteinflußgebiete wie Steine in einer Dominolinie »fallen« würden, würde ein Rückzug der NATO aus Afghanistan islamistische Aufständische nicht nur im gesamten Mittleren Osten, sondern auch weltweit beflügeln, glaubt Richards.

Doch obwohl Washington die Zahl seiner in Südvietnam eingesetzten Soldaten von 2.000 »Militärberatern« Ende 1960 auf 543.000 GIs Anfang 1969 stetig erhöhte, und zunächst den Süden, dann auch Nordvietnam und schließlich auch Kambodscha und Laos mit Bombenteppichen überziehen ließ, gelang es den selbsterklärten Bannerträgern von Freedom and Democracy nicht, den südostasiatischen Kriegsschauplatz siegreich zu verlassen.

Oliver Wagner

Oliver Wagner : Donnerstag 10. Dezember 2009