Ist die Inquisition wirklich vorbei?

Als Napoleon 1798 den römischen Kirchenstaat annektierte, schaffte er damit auch die Inquisition ab. Aber als er besiegt war, nach 1814, erhob sie wieder ihr Haupt. Sie wurde nun zum »Heiligen Offizium«. Ihre Aufgabe: Abwehr moderner verderblicher Strömungen wie Sozialismus, Atheismus (= Übergewicht des prüfenden Verstandes über den Glauben). Nach der aus England und Frankreich ausstrahlenden Aufklärung war es mit den so oft tödlichen Strafen gegen Ungläubige (»Ketzer«) vorbei. Es gab nun vor allem Amts-Enthebungen von kritischen Theologen.

Nur in Spanien – immer schon ein großes Land der Inquisition – gab es noch richtige Inquisitions-Prozesse. Dies nach Napoleons Untergang, als der abgesetzte König Ferdinand VII. wieder an die Macht kam und die Meinungsfreiheit bekämpfte. Ein Grund für den großen Maler Francisco de Goya (1746-1828) – der in Gemälden und Zeichnungen die Inquisition und den fanatischen Glauben angeprangert und verspottet hatte – Angst zu bekommen. Im Jahr 1824, fast achtzigjährig, floh er unter einem Vorwand nach Frankreich.

Inzwischen machten die Naturwissenschaften große Fortschritte. Besonders Charles Darwins (1809-1882) Evolutions- und Abstammungs-Theorie forderte die Kirche heraus. So entstand die Reaktion des Vatikans gegen den sogenannten »Modernismus«. Hinzu kam die vom Vatikan unabhängige Bibelforschung. Papst Gregor XVI. hatte schon in einer Enzyklika (1832) die »gefährliche Meinungsfreiheit« verurteilt, ja sogar die »Freiheit des Gewissens« (!): diese war für ihn »Wahnsinn«. Später erklärte Pius X. (1903-1914) den »Modernismus« zum »Sammelbecken aller Häresien« (das heißt aller falscher Theorien = aller von der Kirche verdammter Lehren).

Endlich – sehr, sehr spät – begann mit dem Papst Johannes XXIII. (1958-1963) das 2. Vatikanische Konzil und damit eine gewisse Toleranz gegenüber modernen Ideen. Unter Paul VI. (1963-1978) wurde der »Index verbotener Bücher« abgeschafft – der von 1559 bis 1966 die Kirche lächerlich gemacht hatte: sogar Schriftsteller wie Emile Zola oder Gustave Flaubert standen darauf. Aber Paul VI. ging leider als »Pillenpapst« in die Geschichte ein (er verbot die Anti-Baby-Pille). Unter Pauls »Kongregation für den Glauben« gab es noch Amts-Enthebungen allzu kühner Theologen, wie Hans Küng oder Eugen Drewermann. Nicht zu vergessen der Theologe und Paläontologe Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955), der bis zu seinem Tod auf dem Index stand wegen einer sehr originellen Auslegung von Darwins Evolutionstheorie.

Zu den positiven Feststellungen des 2. Vatikanischen Konzils gehört die Einschätzung nichtchristlicher Religionen: »Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist« (1) Sehr großzügig. Auch soll es »Religionsfreiheit« geben, – niemand darf mehr gezwungen werden, Katholik zu sein (eine Einsicht der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts!).

Johannes-Paul II: (Wojtyla) (1978-2005) hielt an der Vorherrschaft des Papstes über ALLE christlichen Kirchen fest, bekannte sich aber im Jahr 2000 – gegen den Widerstand seiner Kardinäle – zur Schuld der historischen katholischen Kirche (Inquisition, Hexenverfolgung, Kreuzzüge, Verhältnis zu den Juden). (2)

Als Wojtylas Favorit, Joseph Ratzinger, als Benedikt XVI. Papst wurde (2005) war er bekannt als strenger Leiter der »Kongregation für den Glauben« – eigentlich ja die Nachfolge-Organisation der Inquisition. Im Jahr 2008 kam es zu einem »éclat« unter den Israelis, als Benedikt eine neue Formulierung in die katholische Liturgie aufnehmen ließ, welche die alte ersetzt: »Laßt uns beten für die Juden, dass Gott, unser Herr, ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Heiland aller Menschen erkennen.« Außerdem könnten die »protestantischen Glaubensgemeinschaften nicht als Kirchen bezeichnet werden« (3) Weiter lehnte er alle Verhütungsmittel ab.

Nicht genug mit diesen wichtigen Entgleisungen: noch stärker fiel gerade in Deutschland auf, als Benedikt (»bene dictus – male dictus?) den Professor für »Fundamentaltheologie« Rupert Lay in Frankfurt seines Amtes enthob, wegen Verdachts der Häresie. Rupert Lay sagte unter anderem: »Galilei bedarf der Rehabilitierung durch die Kirche nicht. Eine höhere Instanz hat geurteilt: der Geist der Geschichte der Menschheit wie des Christentums. Und diesen Geist nennen wir den Heiligen. Man sollte ihm gegenüber nicht das letzte Wort haben wollen. Galilei wurde durch die Geschichte rehabilitiert«. (4)

Damit bewegt dieser Jesuit sich auf einer philosophischen Linie, die der HEGELS (1770-1831) sehr nahe kommt. Denn für Hegel ist die Weltgeschichte »die Darstellung des göttlichen, absoluten Prozesses des Geistes«. (5) Das Absolute und Gott sind für ihn austauschbare Begriffe. So dass der als Häretiker verurteilte Jesuit Recht hat mit der Gleichsetzung des »Heiligen Geistes« der Religion mit dem Geist der Geschichte – vorausgesetzt, man stellt sich auf Hegels Standpunkt. Ob die menschliche Geschichte tatsächlich den höchstmöglichen Geist verwirklicht? Eine Frage, deren Antwort gerade heute pessimistisch sein dürfte.

Benedikt gab sein Amt 2013 auf (zuviel Kritik aus den eigenen Reihen?). Der heutige Papst Franziskus glaubt zumindest öffentlich noch an eine Hölle – mit der er schon mal der italienischen Mafia gedroht hat. Wer das NEUE TESTAMENT kennt, weiß, dass Jesus nicht nur an die Hölle, sondern auch an den Teufel geglaubt hat. An mehreren Stellen droht er Menschen mit der Hölle, weil sie nicht an seine Worte glauben (zum Beispiel Matthäus, 13,50). Und zu Juden, die nicht an ihn glaubten, sagte er: »Ihr stammt aus dem Teufel als Vater« (Johannes, 8,44). Jesus als erster bekannter Antisemit? Auf jeden Fall beurteilte nicht nur Luther das jüdische Volk völlig abwertend, sondern viele katholische Theologen bis ins 20. Jahrhundert hinein: Hauptsächlich als »Gottes-Mörder«. Der Philosoph und Logiker Bertrand Russell (1872-1970) hielt es für einen »schweren Charakterfehler« Jesu, dass er an eine Hölle geglaubt hat: an eine grausame, ewige Strafe. (6)

Wäre es nicht eine Erlösung der katholischen Kirche von ihren Sünden, auf die sadistische Vorstellung einer Hölle zu verzichten? Eine Vorstellung, welche auch die Verbrennung von »Ketzern« möglich gemacht hatte: diese sollten schon auf der Erde etwas von ihren endlosen Qualen nach ihrem Tod zu spüren bekommen.

Joseph Welter

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1) »Das Papsttum«, von Georg Denzler, C.H. Beck, 2009, Seite 111.

2) ib. Seite 119.

3) ib. Seite 124.

4) ib. Seite 90.

5) In »Vorlesungen zur Philosophie der Geschichte, Ausgabe Ph. Reclam, Seite 49.

6) Bertrand Russell: »Warum ich kein Christ bin«, rororo, 1998, Seiten 29 und 30.

Inquisitions-Szene von Francisco de Goya

Freitag 16. Dezember 2016