Unser Leitartikel:
Kapitalismus pur
Wenn ihre Tochter morgens zur Schule geht, ist die alleinerziehende Manuela schon außer Hause. Denn die Büros, die der Gebäudereinigerin eingeteilt wurden, müssen gereinigt sein, bevor morgens die Bankangestellten erscheinen. Ihre Schicht beginnt demnach um 5.00 Uhr. Sie ist also schon seit Stunden auf den Beinen. Dies, wie schon zur Gewohnheit geworden, nach einer nur kurzen Nacht. Denn auf Anordnung der Firmenleitung arbeitet sie morgens vier Stunden, und abends die restlichen vier Stunden. Und dies an unterschiedlichen Orten. Flexibilität pur demnach.
Manuel ist Berufsfahrer bei einem Privatunternehmen. Familienplanung kennt er nicht. Denn zu unregelmäßig sind die Arbeitszeiten, während denen er hinter dem Steuer zu sitzen hat. Es gibt zwar Schichtenpläne, doch werden diese meistens nicht eingehalten. Fallen zwei, oder gar nur ein Arbeitskollege aus, so sind zusätzliche Fahrten nach Schichtschluss beileibe keine Ausnahme. Überstunden und Nachtzuschüsse werden allerdings so gut wie nie gezahlt. Zu oft reklamieren will er dennoch nicht, da er weiß, dass schnell Ersatz für ihn gefunden wäre.
Victor ist bei einer kleinen Firma beschäftigt. Diskussionen über Arbeitszeitverkürzung lösen bei ihm nur ein Schmunzeln aus. Er meint, dass es sich bei dieser Forderung höchstens nur um ein Wunschdenken handeln kann. Denn als aktiver Gewerkschafter weiß er, dass in so manchen Sektoren nicht einmal die 40-Stundenwoche garantiert ist. Im Bausektor, wo er selbst beschäftigt ist, sind während der Gutwetterperiode Schichten von 10 bis 12 Stunden jedenfalls keine Seltenheit. Auf sein Einkommen hat dies jedoch kaum eine spürbare Einwirkung. Auch dann nicht, wenn er verschiedentlich samstags antreten muss.
Jacqueline ist Verkäuferin in einem Supermarkt. Vorige Woche war zweimal morgens um 7.00 Uhr und zweimal mittags um 13.30 Uhr Schichtbeginn. Freitags war sie dann von 14.00 bis 21.15 und samstags von 12.00 bis 18.15 Uhr im Einsatz. Bei einem solchen Wochenstundenplan ist kaum Zeit für Familie und Kinder. Groß im Voraus planen kann sie auch nicht, da kurzfristige Änderungen des Stundenplans nicht ausgeschlossen und Einwände beim Chef in solchen Fällen unerwünscht sind.
Claude ist Walzwerker bei ArcelorMittal. Auch er kann nicht mehr langfristig planen. Denn dass Schichtarbeiter im Januar wissen, wie sie im Dezember arbeiten, ist auch in der Stahlindustrie passé. Seit über einem Jahr schon steht »seine« Walzstraße immer wieder still. An den Walzgerüsten steht er jedenfalls nur mehr unregelmäßig. Überbrückt werden die Stillstände durch Feierschichten und »Zwangsurlaub«. Fünf Beispiele für viele, die zeigen, dass Flexibilität am Arbeitsplatz nicht erst erfunden werden muss. Sie ist längst bittere Realität, denn je nach Bedarf ruft der Boss zum Appell, und alle haben sich seiner Order zu fügen. Wer sich dem widersetzt, ist fehl am Platz. Jeder im Betrieb hat Kenntnis davon, und zieht mit.
Die bereits vorhandene Flexibilität, die völlig zu Lasten der Schaffenden geht und in so manchen Sektoren die Grenze des Zumutbaren überschritten hat, geht einer gewissen Lobby in Brüssel, die im Interesse des Kapitals arbeitet, dennoch nicht weit genug. Ihre wichtigsten Forderungen: Verstärkt Zeitverträge abschließen, permanente Anpassung der Belegschaft an die Auftragslage und Lockerung des Kündigungsschutzes. »Flexicurity nennen sie dies. Die erhoffte Wirkung dieser in der Denkfabrik des Kapitals geborenen »Wunderpille«? Steigende Profite einerseits, und zunehmende prekäre Arbeit andererseits.
In anderen Worte: »Kapitalismus pur!«
gilbert simonelli
Gilbert Simonelli : Freitag 4. Dezember 2009
