Paris zeigt Picasso-Giacometti

Konfrontation zweier Giganten

Pablo Picasso und Alberto Giacometti sind Kunstikonen des 20. Jahrhunderts. Erstmals werden der Maler und der Bildhauer in Paris in einer Ausstellung einander gegenübergestellt. Ein Dialog der Meister. Auf der einen Seite die Porträts von Dora Maar, auf der anderen Seite die Köpfe und Gesichter von Annette. Die eine war die Geliebte von Pablo Picasso, die andere die Frau von Alberto Giacometti. Den Werken gemeinsam ist die Suche des Malers und des Bildhauers nach der formellen Darstellung der Wirklichkeit. Anhand von mehr als 200 Werken konfrontiert Paris erstmals die beiden Kunstikonen des 20. Jahrhunderts miteinander. Bei der Gegenüberstellung im Picasso-Museum geht es um einen Dialog auf Augenhöhe. Die Werkschau soll die unbekannten Beziehungen und die ästhetische Nähe der Künstler illustrieren, erklärt die Kuratorin Catherine Grenier.

»Beide stellten sich zur selben Zeit dieselben ästhetischen Fragen«, sagte die Kunsthistorikerin der Deutschen Presse-Agentur in Paris. Die Initiative zu dieser einmaligen Werkschau geht auf Catherine Grenier zurück, die seit 2014 die Giacometti-Stiftung in Paris leitet. Ihr sei immer wieder aufgefallen, wie häufig das Wort Picasso bei Giacometti vorgekommen sei, erzählte sie. Umgekehrt traf dasselbe zu, wie die bis zum 5. Februar dauernde Ausstellung veranschaulicht.

Erstmals sind sich Picasso und Giacometti Anfang der 30er-Jahre begegnet. Sie besuchten sich gegenseitig im Atelier. Zwischen 1940 und 1941 gingen sie fast täglich abends gemeinsam essen. Obwohl Picasso 20 Jahre älter war als Giacometti, vereint sie vieles. Sie wurden als Söhne von Künstlern geboren und fingen mit 14 Jahren zu malen an.

Die Gegenüberstellungen erstaunen, denn sie zeigen unerwartete formale und inhaltliche Annäherungen auf. Während Picasso im Jahr 1931 zum Thema Eros unter dem Titel »Figuren am Meer« zwei schematische, kaum noch erkennbare Figuren beim Küssen malte, schuf Giacometti 1933 die Skulptur »Frau mit durchgeschnittener Kehle« – eine stark vereinfachte, in sich gewundene Plastik, die einem Insektenungetüm gleicht. Die Welt der Lüste bringen hier beide durch eine phallische und bestialische Bildsprache zum Ausdruck.

Ebenso überraschen ihre Tierskulpturen. Die 1979 von Picasso geschaffene Plastik »Die Ziege« ist eine Material-Assemblage aus Gips, Palmenblättern und Weidenkorb, der Hund von Giacometti knochendürr und aus Bronze. »Beide wollten sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht der Abstraktion anschließen, sie wollten aber auch nicht zum traditionellen Realismus zurück«, erklärt Catherine Grenier. Das Ergebnis sei eine Art neuer Realismus.

Anfang der 50er-Jahre trennten sich ihre Wege. Picasso ließ sich in Südfrankreich nieder, Giacometti blieb in Paris. Was zwischen ihnen genau vorgefallen war, bleibt weitgehend unklar. Einer der Gründe könnte Picassos zweite und letzte Ehefrau Jacqueline gewesen sein, vermutet Catherine Grenier. In einem in der Werkschau gezeigten Videoausschnitt fragt der Komponist und Dirigent Igor Strawinsky, der sich von Giacometti porträtieren ließ, nach der Freundschaft mit Picasso. »Er erstaunt mich, er erstaunt mich als Monster«, antwortete Giacometti nur.

Sabine Glaubitz, Paris (dpa)

Musée Picasso

5, Rue de Thorigny

75003 Paris

Bis 5. Februar. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10.30 Uhr bis 18 Uhr Sa/So 09.30 Uhr bis 18 Uhr. Eintritt 12,50 Euro, ermäßigt 11 Euro.

Freitag 14. Oktober 2016