Sprüche und Widersprüche

– Bei Gewitter haderte Kaiser Caligula (12 bis 41 unserer Zeit) mit dem Donnergott, um ihn zu besänftigen. Die alten Germanen glaubten, dass ihr Donnergott vor lauter Wut mit Felsbrocken durch den Himmel schmiss.

– Der große Dichter Hölderlin hielt es nicht lange unter »Durchschnitts-Menschen« aus. Zu Beginn seiner Geisteskrankheit (offenbar psychosomatisch bedingt) fragte er einen Unbekannten: »Sind Sie Gott?« Dies war der letzte bewusste Ausdruck seiner Flucht vor der Realität. – Als Nietzsche geisteskrank wurde (Gehirnparalyse durch Syphilis), war er weniger feinfühlig: er traktierte einen Leidensgenossen mit Fußtritten, und beruhigte sich erst, als man ihm auf dem Klavier Wagner vorspielte.

– Zur Homosexualität. – Als Sigmund Freud seine – längst wissenschaftlich anerkannte – Theorie der Homosexualität aufstellte, kleidete er das heikle Thema in griechische Mythologie: (Oedipus-Komplex). – Der König Oedipus tötete seinen Vater und heiratete seine Mutter (beides unbewusst). – Konkret ausgedrückt: jeder Knabe macht eine psychische Phase durch, wo er seine Mutter liebt und seinen Vater ablehnt. Bleibt er in dieser Phase stecken, werden später Mädchen und Frauen zu Rivalinnen der Mutter, und das Kind wendet sich Männern zu. – Dies kann so weit gehen, dass (wie vom Unterzeichneten damals beobachtet) ein Hüne von einem Halbwüchsigen mit der hellen Stimme einer Frau sprach, – abgesehen von dem Augenblick, wo es um sein Problem mit der Mutter ging.

– Wenn man an Beethovens Musik denkt, kann man sich kaum vorstellen, dass er in Wirtshäusern auf den Boden spuckte, wenn Tischnachbarn ihm nicht gefielen. (Allerdings wirkt ja auch seine Musik oft aggressiv. Man denke nur an die 5. und an die 7. Symphonie.)

– Heute lebt etwa die Hälfte der Menschheit noch in der Steinzeit. Noch 1931 wurde in Papua-Neuguinea ein Stamm entdeckt, der Werkzeuge aus Stein herstellte. – Aber alle Völker tanzen und musizieren. Eine Theorie besagt, dass Tanz und Musik zur Erleichterung der Arbeit entstanden.

– Blüte des Primären,

Genuines Nein

Dem Gebrauchs-Chimären,

Dem Entwicklungs-Sein.

Kosmisch-akausale

Arbeits-Aversion,

Dämmernd das Totale

Einer Vor-Region

Dies ist Gottfried Benns (1886-1956) ureigene Sprache, mit der er den Substantiven den größtmöglichen Platz einräumte. Was in der französischen Sprache unmöglich ist. Allein das Fließende des Französischen (am schönsten vielleicht bei Lamartine) lässt diese Wirkung nicht zu.

– Würden Tolstoi und Do­stojewski heute leben, müssten sie verstummen oder Kurzgeschichten schreiben. Die besten Kurzgeschichten für mich: Edgar A. Poe: »Im Strudel des Malstroms«, »Der schwarze Kater«, »Ligeia«: Tolstoi: »Der Tod des Iwan Iljitsch«, Maupassant: »Boule de suif«, »Sur l’eau«, Th. Mann: »Tristan«, G. Hauptmann: »Bahnwärter Thiel«, Philip K. Dick (»science fiction«): »Der Infiltrant«, »Wartungsdienst«, »Was menschlich ist«.

– Wenn Rembrandt Gesichter darstellt, gibt er einer Hausmagd dieselbe Würde wie einem Rabbi oder wie Homer. Alle seine Menschen tauchen aus dem Dunkel der Natur auf in das helle Bewußtsein individuellen, quasi göttlichen Seins.

– »Sage mir, mit wem du umgehst. So sage ich dir, wer du bist« (Goethe). »Sag’ mir, wen du meidest, und ich sag’ dir, wer du bist«.

– Die größte Revolution der Erdgeschichte bestand darin, dass das erste Fisch- oder Insektenauge sich öffnete. Plötzlich war die Welt sich ihrer selbst bewusst, wenn auch nur durch einen nebeligen Schleier.

– Im scholastischen Mittelalter gab es ein so großes Bedürfnis nach stichhaltigen Gottesbeweisen, dass für den heiligen Anselm, Erzbischof von Canterbury, allein der Begriff »Vollkommenheit« die Existenz des Vollkommenen einschloß (Begriffs-Realismus). Kein Wunder, wenn derselbe Heilige die Behauptung erfand: »Ich glaube um zu verstehn« (»Credo ut intelligam«). – Ob er für diese beiden Leistungen heilig gesprochen wurde?

– Die Todesstrafe unter Kaiser Nero machte Jesus zum Religionsstifter. Der heilige Paulus: »Wäre Jesus nicht auferstanden, dann wäre unser Glaube sinnlos«.

– Eros, welche Brücken du errichtest!

Thanatos, welche Brücken du vernichtest!

– Aberglaube oder Witz? – Viele Inder glauben, dass wenn sie (über eine Milliarde) gleichzeitig auf und ab springen, ein Erdbeben entsteht.

– Wären die meisten Menschen nicht noch etwas wie halbe Roboter, würde es wohl keine ökonomische Unterdrückung mehr geben. Das Hauptproblem: die Besinnung der Mehrheit auf ihr MENSCH-SEIN!

– Man braucht keine Wunder, wenn die ganze Welt ein einziges unverstandenes Wunder ist.

– Stephen Hawking spricht von seiner Angst vor einer Invasion Außerirdischer. Denn dies wäre Zeuge einer so großen Überlegenheit, dass sie uns vielleicht behandeln würden wie wir die Tiere.

– Trinkfest Froh zu sein bedarf es wenig, Nur den alten Reben-König! Ist das erste Glas geleert, Wird das nächste gleich begehrt. Gläser leeren, Gläser füllen, Steigt die Stimmung mit dem Brüllen. Der Höhepunkt ist schnell erreicht, Und alle Hirne sind erweicht. Nun gackert, feixt und gröhlt das Pack, Und offen steht der Lumpensack!

– Sartre und die Absurdität. – Für Jean-Paul Sartre ist das Leben absurd, weil es sich meist vor und trotz jeder vernünftigen Überlegung abspielt, – mit dem Zufall als »Schicksal« (früher »Vorsehung« genannt). Er zeigt dies schön in seiner Novelle »Le Mur«: Im spanischen Bürgerkrieg werden Gegner Francos festgenommen und zum Tode verurteilt. Nur einem wird die Freiheit versprochen, wenn er einen wichtigen Gegner Francos verrät. Aber er weigert sich. Schließlich erfindet er auf gut Glück einen Aufenthaltsort für den Franco-Gegner: einen Friedhof. Dort suchen die Franquisten – und finden ihn tatsächlich. Der »Verräter« ist frei…

– Finanzexperte Schäuble hat von der »christlichen Welt« gesprochen, in der wir leben. Schon Nietzsche (1844-1900) hatte behauptet: …»im Grunde gab es nur einen Christen, und der starb am Kreuz« (in »Der Antichrist«). »Liebe deinen Nächsten als Leitsatz christlicher Moral sei zu »moralischem Vampyrismus« verkommen (in »Ecce homo«). Was man heutzutage besonders deutlich sieht. Die »Moral« der ausbeuterischen, geldfressenden, politikgestützten Wirtschaft herrscht über das ganze globalisierte Leben (Herr Schäuble, ein bisschen Realismus, – nicht nur beim Erbsenzählen!).

Joseph Welter

Montag 10. Oktober 2016