Zum neuen Roman von André Link: »Intis Untergang« (1)

Der Untergang des Sonnengottes

André Link hat nie den »Servais«-Preis für Literatur erhalten, sondern nur Auszeichnungen. Es ist eine kleine Clique von Schriftstellern, welche sich diesen Preis »entre amis« zuschustern.

Eine kleine Stilprobe von André Link:

»Bald badete das ganze Tal in den immer wärmer werdenden Strahlen der Sonne. Es war, als liebkoste eine Mutter ein letztes Mal ihr Kind, bevor sie es in fremde Hände gibt…«

»War es nicht zu Ehren des Sonnengottes, dass seine Kinder als Opfergaben Hekatomben von Lamas schlachteten, ganze Waldungen von Coca-Blättern verbrannten, ganze Generationen Heranwachsender lebendig begruben? Bebauten nicht Hunderttausende Jahr um Jahr seine Felder? Riefen nicht jeden Tag die Priester seinen Namen, wenn sie in der Morgendämmerung, weiß gewandet, Kopal verbrennend, um seine Standbilder schritten?

»Und doch: All dessen ungeachtet hatte Inti seine Kinder verlassen. Als am Abend des 26. November 1632 seine Strahlen erloschen, war auch sein Reich ausgelöscht« (2)

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Dass die Sonne zu einem der ersten großen Götter der Menschheit geworden ist, klingt ja logisch. Einige römische Cäsaren trugen den Titel »sol invictus«. Als Jesus andere Juden aus dem Tempel warf, weil sie dort traditionsgemäß ihre Geldgeschäfte abwickelten, wurde er für diese revolutionäre Tat bestraft. Und viel später wurde er zur größten aller Lichtgestalten.

Übrigens ist längst bewiesen, dass Jesus mehrere Brüder hatte. Im Jahr 63 wurde sein Bruder Jakobus unter Kaiser Nero gesteinigt. Also: nichts von »unbefleckter Empfängnis«, nichts von einer Befruchtung durch den heiligen Geist! (3)

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Der bedeutende indianische Zeichner Jeronaton hat in seinem Buch »Le grand passage« eine aztekische Stufenpyramide dargestellt, wo ein Mädchen die Spitze der Pyramide beobachten darf, um den Kampf des Sonnengottes Kukulkan mit Topsanna zu beobachten – im Herzen des kosmischen Teotuhuacan. (4)

André Link hat die vorkolumbianische Kultur der Azteken studiert. In seinem Roman beschreibt er das Schicksal dieser Kultur, – zu Fall gebracht durch europäische Barbaren, welche die Bewohner des »Neuen« Kontinents nicht für Menschen hielten und entsprechend mit ihnen umgingen (Es ist der Untergang der Indianer, welcher den Raub von Sklaven aus Afrika nötig machte!)

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Unser Autor erzählt die Geschichte der letzten Azteken mit Hilfe des spanischen Autors Garcilaso de la Vega (1539-1616), genannt »el Inca«: denn seine Mutter war eine Inka-Prinzessin. Durch seine »Commentarios reales« trug er wesentlich bei zu einer menschlichen Beurteilung der Indios.

Es liegt eine extrem kriminelle Dramatik über dem Untergang dieser großen Kultur. Eduardo Galeano hat mit »Die offenen Adern Lateinamerikas« die entsetzlichen ökonomischen Folgen für die Völker dieser »Neuen« und doch so alten Welt hervorgestrichen. (5)

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Der Kaiser Montezuma dachte, mit den Europäern sei der Gott Quetzalcoatl zurückgekehrt. Denn dieser Gott war der Legende nach von Osten gekommen und gen Osten wieder verschwunden. So dachte man. – Pferde hatte es vor sehr langer Zeit in Amerika gegeben. Als nun die Konquistadoren aus dem Osten mit Pferden auftauchten, schrieben die Indios den Eindringlingen magische Kräfte zu. (Was die Missionare natürlich noch übertrieben) Allerdings waren die wirksamsten Verbündeten der europäischen Barbaren Bakterien und Viren. Und nicht nur die grausame Zwangsarbeit. Ältere Indianer, die kaum noch arbeiten konnten, wurden oft bei lebendigem Leib von Hunden gefressen.

– Davon abgesehen konnten die Indios die Gier der Weißen nach Gold nicht verstehen: »Wie hungrige Schweine lechzen sie nach Gold«, sagt ein Nahuatl-Text.

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Der Sonnengott war untergegangen, aber dafür leuchtet jetzt nicht das »ewige Licht« (wie Papst Benedikt mit unglaublicher Frechheit oder Ignoranz behauptet hat) (6), sondern eine Wolke unendlichen Zwists verdunkelt bis heute alles.

Der neue Dokumentar-Roman von André Link ist für mich bis jetzt sein bedeutendster. Er hat auf kompetente Weise und mit viel Liebe zur Sache ein Thema behandelt, von dem kein anderer Luxemburger träumen kann.

Joseph Welter

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1) Editions Saint Paul, 2016.

2) ib. Seite 11-12.

3) Dazu : »Jesus« von Jürgen Roloff, und »Geschichte des frühen Christentums« von Friedhelm Winkelmann. Beide C.H. Beck Wissen.

4) Edition Magic Strip, 1982.

5) P. Hammer, 1970.

6) »La haine de l’Occident« von Jean Ziegler. Albin Michel, 2008.

Freitag 23. September 2016