Alle faßbaren Grausamkeiten

Zeichner der Weltkriegsgreuel: Dem Franzosen Jacques Tardi zum 70.

Regierungsschreiber haben ihr eigenes, der tagespolitischen Situation jeweils angepaßtes Vokabular. Sollen »Feinde« der Nation – das können in Frankreich seit einiger Zeit auch Gewerkschafter sein – charakterisiert und verurteilt werden, kommen in ansonsten belanglosen Erklärungen Begriffe wie »Terrorist«, »feige«, »verantwortungslos« oder auch »abscheulich« zum Einsatz. Für »normal« widerspenstige Menschen, oft sind das Künstler, sieht der vorgestanzte Sprachkatalog Prädikate wie »engagiert« und/oder »unbequem« vor. Sollte es der Regierungspolitik irgendwie von Nutzen sein, können solche Leute – im Gegensatz zur ersten Gruppe – sogar mit einem Orden geehrt und so vom herrschenden System absorbiert werden.

Der geniale Pariser Comiczeichner Jacques Tardi gehört seit Jahrzehnten der zweiten Kategorie an. Bisher hat er alle regierungsamtlichen Versuche, ihn irgendwo einzubauen – etwa in die »Ehrenlegion« –, erfolgreich abgewehrt.
Wollte einer Tardi trotzdem irgendwo zuordnen, ihm einen politischen Namen geben, dann bliebe ihm wohl nur der »Anarchist«. Tardi, der im 20. Pariser Bezirk einen Steinwurf vom Friedhof Père-Lachaise entfernt wohnt, hat mit Politik in ihrer täglichen Erscheinungsform ansonsten rein gar nichts zu tun und rein gar nichts am Hut. Er ist ein nüchterner und zugleich emotionsgeladener Chronist dessen, was die Politik in ihrer schlimmsten Erscheinungsform als willige Gehilfin des Kapitals gegen Ende des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des vergangenen Säkulums angerichtet hat.

Der Erste Weltkrieg ist Tardis zentrales Thema. Über allem steht, neben seinen ersten Werken »Soldat Varlot«, »Grabenkrieg« und »Die wahre Geschichte vom unbekannten Soldaten«, der zweiteilige Band »Elender Krieg«. In seinen schwarzweißen Tuschebildern, nur selten ergänzt von einer blutroten Fahne oder einem roten Feuerstoß aus einem Panzergeschütz, zeigt Tardi das Elend, das Verrecken und Verzweifeln in den Schützengräben. Seine Bilder konterkarieren das bis heute offizielle Geschichtsbild von der »Gloire« der »Grande Nation« Frankreich, das Jahr für Jahr unter dem »Triumphbogen« der Champs Elysées zelebriert wird: Strammstehen am »Grabmal des unbekannten Soldaten«, »Ehrenformation« abschreiten, Tote bedauern, die »im Dienst des Vaterlands ihr Leben ließen«. Gäbe es Tardi nicht, wäre noch viel mehr vergessen, wie sich zu den imperialen Eroberungsplänen auf beiden Seiten Größenwahn und Unfähigkeit der Generale gesellten, wie in diesem ersten industriell geführten Krieg 15 Millionen Menschen ihr Leben verloren, während die Großverdiener der Rüstungsindustrie schon den nächsten Krieg vorbereiteten.

Gefragt, warum er in seinem langen Künstlerleben und bis heute immer wieder auf dieses Kriegsthema zurückkam, sagte Tardi mir vor einigen Jahren: »Das ist ein Thema, das mich nicht losläßt und mich nicht nur als Künstler, sondern als Mensch immer beschäftigen wird. Es ist die Frage, die ich mir nach all meinen jahrelangen Recherchen immer wieder gestellt habe: Warum haben diese jungen Männer das ausgehalten? Warum halten es auch heute noch junge Männer aus, im Krieg zu dienen? Ich müßte also eigentlich den Krieg von heute darstellen: in Afghanistan, im Irak, in Nahost. Nur kann man den Krieg heute nicht mehr zeichnen. Die Menschen haben nach den beiden Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts nicht einen Moment lang aufgehört, Maschinen zu erfinden und zu bauen, die zum Töten da sind. Diese Maschinen kann keiner mehr zeichnen, sie passen in keinen Comic mehr. Deshalb bleibe ich beim Ersten Weltkrieg, der alle Grausamkeiten enthielt, dessen Waffen für das Auge faßbar sind, dessen Bilder auch Kinder lesen können.«

Zu Tardis besten Freunden gehörten lange zwei ganz besondere Schriftsteller: Léo Malet, »Erfinder« des französischen »Roman noir«, dessen melancholischen, romantischen, illusionslosen Detektiv Nestor Burma Tardi in wunderbaren Bildern noch berühmter machte, als er es ohnehin schon war. Und Jean-Patrick Manchette, der nicht nur »Schwarze Romane« schrieb, sondern als Herausgeber, Journalist, Szenarist, Kritiker und Übersetzer die Anarchoszene Frankreichs belebte. Beide starben Mitte der 90er Jahre – für Tardi ein Verlust, an dem er bis heute leidet.

Als Schöpfer schenkte Tardi der Welt die Gestalt der Adè le Blanc-Sec: Journalistin und Schriftstellerin, Feministin, völlig klar, mit mürrischem Blick und scheußlichen Hüten – ein weibliches Alter ego des Künstlers. Für die »Aventures extraordinaires« der jungen Frau interessierte sich am Ende auch Hollywood. Der Franzose Luc Besson drehte, und Tardi sagte danach: »Es fehlt dem Film, immer von meinen gezeichneten Geschichten aus betrachtet, die Reflexion. Der Film ist glatt und ohne Kanten, er kümmert sich weder um Politik noch um Religion. Adèle müßte eigentlich einen schlechten Charakter haben. Bei mir sitzt sie zu Hause, sie liest und schreibt, sie ist nicht in Ägypten, sie reist nicht durch die Weltgeschichte, und vor allem spielt sie kein Tennis.«

Warum Tardi sein Leben am Friedhof Père-Lachaise eingerichtet hat, erklärte er mir, als Mitte der Nuller Jahre sein vierbändiges Epos »Le Cri du peuple« erschienen war. Diese Geschichte der Pariser Kommune sowie auch sein jüngstes Werk »Stalag II B«, in dem er die Leiden seines Vaters in nazideutscher Kriegsgefangenschaft beschreibt, sind die persönlichsten Werke des Künstlers. Und Tardi, der am Dienstag 70 Jahre alt geworden ist, wollte dort wohnen, wo das Regime von Versailles am 28. Mai 1871 die letzten überlebenden Kämpfer der Pariser Kommune an die Wand stellen und erschießen ließ.

Hansgeorg Hermann

Dienstag 30. August 2016