Georg Weerth, der »erste und bedeutendste Dichter des deutschen Proletariats«?

Vor 160 Jahren starb der literarische Mitstreiter von Marx und Engels in Havanna

Teil III und Schluss: Wanderjahre (1849-1856)

»Die Barricade an der Kronen- und Friedrichstraße am 18. März 1848«, Farblithographie von F.G. Nordmann (Berlin 1848)


Für die »Neue Rheinische Zeitung« unter der Leitung von Karl Marx veröffentlicht Georg Weerth die Fortsetzungssatire »Leben und Thaten des berühmten Ritters Schnapphahnski«. In literarischer Hinsicht ist diese Textserie wohl Weerths bedeutendstes Werk im Rahmen seiner Arbeit für die revolutionäre Zeitung – übrigens in Zeichentrickform 1978 von der DEFA für das Fernsehen der DDR aufgelegt. Der Titel lässt seine große Bewunderung für den in Paris im Exil lebenden Heinrich Heine erkennen, denn in dessen Epos »Atta Troll – Ein Sommernachtstraum« kommt ebenfalls eine Ritterfigur namens Schnapphahnski vor.

Es ist aber nicht nur diese eine Reminiszenz, welche Weerths Orientierung am Kollegen und Bruder im Geiste Heine manifestiert, ähnlich wie die satirische Prosa Heines sprüht auch diejenige Weerths vor radikalkritischen, aber leichtfüßig-spielerisch daherkommenden Pointen und Volten gegen die siechende adelige Herrschaftsklasse sowie die politische Reaktion der Metternich-Ära, vor aufklärerischer Ironie und vor sprachlich-ästhetischer Finesse (ohne ins rein Arabeske bzw. in eine Kunst-um-der-Kunst-willen-Schreiberei zu versinken). In dem aus 22 Kapiteln bestehenden Text rechnet Weerth satirisch mit der deutschen Reaktion ab, welche die größte Fraktion im ab Mai 1848 tagenden Frankfurter Nationalparlament war und dort in ausgeprägter Weise repräsentiert wurde durch den Fürsten Felix Maria von Lichnowsky, einem Mitglied der nationalliberalen, preußenhörigen »Casino«-Fraktion.

Georg Weerth deckt einerseits die politische Fortschrittsfeindlichkeit der Adelsklasse und der konservativen Bourgeoisie auf, andererseits ärgert er sich ähnlich wie Heine über die Verschlafenheit, das noch nicht entwickelte politische Bewusstsein, ja die Naivität des deutschen Volkes, das die sich in der Frankfurter Paulskirche, dem Tagungsort des Parlaments, abspielende politische Farce nicht durchblickt. Die »Neue Rheinische Zeitung« weiß um die Bedeutung einer Verfassungsausarbeitung durch demokratisch gewählte Volksvertreter, allerdings blieb die Nationalversammlung von 1848 bis zu ihrer frühen Auflösung im Mai 1849 nur eine recht schwache Konzession des Bundestags des Deutschen Bundes, der vorwiegend absolutistisch regierten deutschen Fürstentümer also, sowie des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. nach den März-Aufständen von 1848 an das aufbegehrende Volk. Weerths Enttäuschung über den Ausgang der 1848er-Revolten in Deutschland lässt sich aus dem letzten Kapitel des »Ritters Schnapphahnski« herauslesen. Es geht um das im August 1848 stattfindende Domfest zu Köln, das der Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. instrumentalisierte, indem er daraus ein mehrtägiges nationalkonservatives »Event« machte. Die alte herrschende Klasse hat die Demokratieversuche nicht ernst genommen, diese ausschließlich in heuchlerischen Sonntagsreden – wie z.B. in Köln – gelobt, und im Grunde nur auf den rechten Zeitpunkt gewartet, um dem demokratisch-konstitutionellen Experimentieren ein blutiges Ende zu bereiten: »Ja, vorüber war die große kölnische Domfarce, bei der all die hohen Herrn mit den schönsten Phrasen im Munde, aber den Groll im Herzen, unter dem Jubel des törichten Volkes all die feinen Pläne ersannen, welche bald in den standrechtlichen Erschießungen Wiens, in der Oktroyierung der preußischen und österreichischen Verfassung und in dem Lächerlichwerden der Frankfurter Versammlung so treffliche Früchte tragen sollten. / Ja, vorüber war dies Fest des widerlichsten Kokettierens mit dem dummen souveränen Michel, und wir würden vielleicht noch darüber lachen, wenn uns durch den schimmernden Haufen dieser ‚volksfreundlichen’ Fürsten, dieser feilen Knechte und dieser düpierten Volksrepräsentanten nicht die kugelzerrissenen Leichen der Proletarier von Paris, von Wien und Berlin angrinsten, wenn durch dieses Gewirr der heuchlerischsten Versicherungen, der schamlosesten Lügen nicht die Sterbeseufzer der zertretenen Polen, der Hilferuf der gefolterten Ungarn und der Racheschrei der verwüsteten Lombardei zu uns herübertönten, wenn nicht das blutige Haupt eines Robert Blum vor unsre Füße rollte – doch genug! der Humor ist versiegt; das Buch ist zu Ende.«

Die deutsche Revolution von 1848 scheitert. Im Zuge der Septemberunruhen in Frankfurt wird Fürst Lichnowksy von Aufständischen aufgegriffen und getötet, was ebenfalls Konsequenzen für den linken Redakteur der »NRZ« haben wird. An diesem Fall sieht man sehr gut, dass der so genannten Pressefreiheit unter bürgerlich-parlamentarischen Voraussetzungen in politischer Hinsicht enge Grenzen gesetzt sind und die Meinungsfreiheit nichts anderes als Wortgeklingel ist.

Nach der Erschießung Lichnowskys unterbricht Weerth für kurze Zeit seinen Fortsetzungsroman, die preußische Justiz wertet dies als klares Indiz dafür, dass mit Schnapphahnski nur Lichnowsky gemeint sein konnte; damit habe er das Andenken eines Verstorbenen verunglimpft und sich strafbar gemacht. Weerth wird einige Monate später, im Juli 1849, zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.

Bereits am 21. Januar 1849 hatte er seine Schnapphahnski-Serie fertiggestellt, ca. vier Monate vor der Einstellung der »NRZ« und der Ausweisung von Karl Marx aus Deutschland im Mai 1849. Die Hoffnung der Redaktion, die bürgerliche Revolution könne noch eine sozialistische Wendung nehmen, hatte sich nicht erfüllt. Als symptomatisch für diese Hoffnung dürfte Weerths berühmtes »Hungerlied« gelten, in diesem ist nicht mehr die Rede von Zensurabschaffung, demokratischen Wahlen und neuen bürgerlichen Freiheiten, ganz konkret handelt dieses Gedicht von der sozialen Verelendung breiter Volksschichten und der indirekten Andeutung eines gesellschaftsumwälzenden sozialen Aufstands. Dem Preußenkönig wird folgendermaßen gedroht: »Verehrter Herr und König, / Weißt du die schlimme Geschicht? / Am Montag aßen wir wenig, / Und am Dienstag aßen wir nicht. // Und am Mittwoch mußten wir darben, / Und am Donnerstag litten wir Not; / Und ach, am Freitag starben / Wir fast den Hungertod! // Drum laß am Samstag backen / Das Brot, fein säuberlich – / Sonst werden wir sonntags packen / Und fressen, o König, dich!«

Doch wie von Weerth in seiner Schnapphahnski-Artikelserie angedeutet, folgte auf den positiven Revolutionsbeginn im Frühling 1848 ein brutales Ende seitens der Reaktion ab Herbst desselben Jahres. Die letzte Nummer der »NRZ« erschien, ganz in roter Druckfarbe, am 19. Mai 1849. Mit seiner in der »roten Nummer 301« erschienenen emphatischen »Proklamation an die Frauen« endet de facto Georg Weerths revolutionäre publizistische Tätigkeit; mehr noch: er wird keine Silbe mehr veröffentlichen, er entsagt vollends der Kunst der Literatur, die für ihn freilich ästhetische und unterhaltende Qualität haben musste, zuvörderst jedoch ein Mittel der politisch-gesellschaftlichen Kritik, ja des Kampfes war.

In einem Schreiben von 1851 an Karl Marx erläutert er die Einstellung seiner literarischen Aktivität wie folgt: »Ich habe in der letzten Zeit allerlei geschrieben, aber nichts beendigt, denn ich sehe gar keinen Zweck, kein Ziel bei der Schriftstellerei. Wenn Du etwas über Nationalökonomie schreibst, so hat das Sinn und Verstand. Aber ich? Dürftige Witze, schlechte Spaße reißen, um den vaterländischen Fratzen ein blödes Lächeln abzulocken – wahrhaftig, ich kenne nichts Erbärmlicheres! Meine schriftstellerische Tätigkeit ging entschieden mit der ‚Neuen Rheinischen Zeitung’ zugrunde.«

Man kann über seinen Rückzug von der Literatur und damit auch aus der Politik nur spekulieren. Hat ihm die Verurteilung und das Absitzen der dreimonatigen Haftstrafe im Gefängnis Köln-Klingelpütz im Januar 1850 moralisch das Genick gebrochen? Dagegen spricht, dass er in seiner privaten Korrespondenz von eher angenehmen Haftbedingungen berichtet – was für viele in den Revolutionsjahren 1848/1849 verhaftete Kommunisten und Sozialisten nicht zutraf. Hat er nach dem Scheitern der revolutionären Märzbewegung gänzlich kleinbürgerlich die Hoffnung auf gesellschaftlichen Fortschritt und auf eine humanere Zukunft verloren, um sich im Gegenzug auf rein Geschäftliches, Philisterhaft-Materielles sowie Privates zu konzentrieren? Einiges spricht für diese Deutung seiner »Kapitulation« bzw. »Resignation«.

In Briefen an die früheren Revolutionsfreunde wehrt er sich zwar gegen den Philister-Vorwurf, der übrigens weder von Marx noch von Engels erhoben wurde, allerdings verweigert er trotz mehrerer Angebote und Bitten jede Mitarbeit an einer neuen kommunistischen Zeitung; er belässt es möglicherweise bei seiner Kuriertätigkeit für den »Bund der Kommunisten«. Letzterem ist er indes nie beigetreten, was angesichts des Inhalts seiner Schriften und seiner Gesinnung doch erstaunlich ist. Kleinbürgerliche Hasenfüßigkeit? Diese Inkriminierung dürfte dann doch etwas weit hergeholt sein, ebenso könnte man Bertolt Brecht wegen seiner Nicht-Zugehörigkeit zur KPD des Duckmäusertums bezichtigen. Sowohl Weerth als auch Brecht verstanden sich in erster Linie als soziali­stische Künstler, nicht als Politiker. Nichtsdestotrotz kann man Weerths Fokus auf das Geldverdienen mittels ausgedehnter Handelsreisen und Makleraufgaben als kleinbürgerliche Wende interpretieren. Er hätte sich der Gefängnisstrafe durch ein Exilleben entziehen können, darauf verzichtet er aber primär aus Berufsgründen. Damit er auch in Preußen Handel treiben kann, darf er nicht auf einer Fahndungsliste stehen; vor allem deshalb sitzt er die Strafe ab. Etwas wunderlich mutet auch seine unerwiderte Liebe zu der Halbkusine Betty Tendering an. Weerth, der in seinen Gedichten in puncto Sexualität und Liebe sehr aufgeklärt und wenig prüde wirkt, macht der scheinbar emanzipierten Frau auf eine recht traditionelle Art und Weise den Hof, reist ihr durch große Teile Europas hinterher und schreibt ihr von seinen doch sehr bourgeoisen Plänen, nämlich sehr viel Geld mit einer Agentur in den Karibik-Kolonien verdienen, um sich anschließend im Heimatstädtchen Detmold niederzulassen und dort als materiell unabhängiger Literaturprivatier zu leben.

Ulkige Zukunftsprojektionen für den »ersten und bedeutendsten Dichter des deutschen Proletariats« (Friedrich Engels). Oder ist es letztlich eine zum Teil romantisch verklärte Sehnsucht nach der Ferne und dem Exotischen, die Weerth von seinen kommunistischen Freunden entfremdete? Vieles spricht dafür. Bereits in Jugendjahren zeigte Weerth großes Interesse am Süden Europas sowie an anderen Kontinenten. Am lieb­sten wäre er gleich nach seiner kaufmännischen Ausbildung auf große Fahrt gegangen. Diese Gelegenheit bot sich nach seiner Redakteurtätigkeit bei der »NRZ«. Zwischen 1851 und 1856 vermochte er für verschiedene Unternehmen die halbe Welt zu bereisen: Spanien, Portugal, Frankreich, Großbritannien, Nord-, Mittel- und Südamerika (u.a. USA, Mexiko, Brasilien).

Die Karibik hatte es ihm in besonderem Maße angetan. Ende 1852 wurde er mit der Westindien-Agentur der Firma »Steinthal & Co.« beauftragt, so dass er sein Domizil für einige Jahre auf der Karibikinsel Saint Thomas bezog. Letztere war Ausgangspunkt für seine langen Handelstourneen in der »Neuen Welt«.

Weerths neue Heimat für die nächsten Jahre sollte allerdings Kuba werden, da er sich auf dieser zur spanischen Kolonialherrschaft gehörenden Insel besonders lukrative Geschäfte versprach. Überdies ahnte er bereits, dass der lateinamerikanische Unabhängigkeitskampf von Kuba ausgehen sollte. Als er 1856 im Alter von nur 34 Jahren in Havanna am Gelbfieber starb, war der zukünftige große revolutionäre Poet seiner Wahlheimat Kuba, José Martí, gerade mal drei Jahre alt. Wilhelm »Lupus« Wolff berichtete Marx über den tragischen Tod des früheren Redaktionskollegen: »Schwierigkeiten mit den Quarantäne-Behörden, mußte sein Projekt aufgeben und sammelte auf der Tour die Keime zu dem (gelben) Fieber, das er mit nach Havanna brachte. Er legte sich nieder, eine Gehirnentzündung trat hinzu und – am 30. Juli – starb unser Weerth in Havanna.«

»Unser Weerth« schreibt der Kommunist Wolff, und tatsächlich, trotz der lebensgeschichtlichen Neuorientierung behielt Georg Weerth per Korrespondenz eine freundschaftliche Beziehung zu Marx und Engels; es kam nach 1851 noch zu einigen raren Besuchen. Beide schätzten ihn sehr, gedachten in Briefen gelegentlich der gemeinsamen Zeit mit »Freund Weerth«, sahen über seine neuen, nicht unbedingt sozialistischen Interessen und seine kleinen Schwächen – Weerth schien sich schnell zu langweilen und arbeitete schriftstellerisch eher desorganisiert (so legte er z.B. überhaupt keinen Wert auf eine Archivierung seiner Texte) – hinweg.(1) Sie wussten um seine Vorliebe für weltumspannende Geschäftsreisen, die sich mit Kurierdien­sten für die im Exil lebenden Kommunisten verbinden ließen.

Die Nachricht von seinem Tod löste in beiden tiefe Betroffenheit aus (Marx: »... furchtbar affiziert, und es war mir schwer.« Engels: »Ich war für die nächsten 8-14 Tage auf keine Stunde mein eigner Herr, ...«). Marx und Engels behielten ihren Mitarbeiter und -kämpfer als äußerst humorvollen, originellen und ehrlichen Menschen, als Schriftsteller mit dezidiert historisch-materialistischer Ausrichtung im Gedächtnis. Im Mai 1883 resümierte Friedrich Engels mit leicht nostalgischer Wertschätzung: »Ich nannte ihn den ersten und bedeutendsten Dichter des deutschen Proletariats. In der Tat sind seine sozialistischen und politischen Gedichte denen Freiligraths an Originalität, Witz und namentlich an sinnlichem Feuer weit überlegen. Er wandte oft Heinesche Formen an, aber nur, um sie mit einem ganz originellen, selbständigen Inhalt zu erfüllen.« Alain Herman

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1) Dem marxistischen Germanisten Bruno Kaiser, antifaschistischer Widerstandskämpfer und Bürger der DDR, verdanken wir die Zusammentragung und Herausgabe aller auffindbaren Texte Weerths.

Donnerstag 25. August 2016