Ein Schriftsteller der DDR

Zum Tod von Hermann Kant

Hermann Kant war, wie kaum jemand sonst, ein Schriftsteller der DDR. Er war es zum einen wegen seiner kulturpolitischen Ämter, vor allem als Vizepräsident des Schriftstellerverbands (1969–1978) und als dessen Präsident (1978–1990). Zudem war er Abgeordneter der Volkskammer (1981–1990) und Mitglied des Zentralkomitees der SED (1986–1989). Als Präsident des Schriftstellerverbands hatte er zum einen gewerkschaftliche Aufgaben: Autoren brauchen materielle Absicherung. Vor allem aber gelang ihm meist die Gratwanderung, einerseits notwendige künstlerische Spielräume zu sichern, andererseits eine grundsätzlich fortschrittliche Ausrichtung des Verbands zu wahren.

Doppelter Ärger

So etwas weckt selten Gefühle der Dankbarkeit: Die politischen Stellen ärgern sich über das Gedruckte, die Schriftsteller über das nicht oder nur verzögert Gedruckte. Nach 1989 dominierte der zweite Vorwurf; Kant wurde, vorhersehbar, zum Buhmann. Sein Aufstieg wie sein Fall sind mit der Geschichte des Sozialismus in Deutschland eng verbunden.
Geboren wurde Kant 1926 in Hamburg als Sohn eines Gärtners. Die Familie war arm; wenn es auch in Kants Jugend Zugang zu Büchern gab, so hätte doch der Gedanke, Schriftsteller zu werden, die Grenzen des Vorstellbaren gesprengt.

Der junge Kant konnte noch eine Lehre als Elektriker beenden, bevor er im Herbst 1944 für wenige Wochen Soldat und für vier Jahre Kriegsgefangener in Polen wurde. Die vagen politischen Einflüsse aus der Kindheit erfuhren nun eine erste Systematisierung: Die mehrjährige Gefangenschaft führte zum Bewußtsein, auf der falschen Seite gekämpft zu haben, und zum Entschluß, dies fortan auf der richtigen zu tun. Der Antifaschismus der DDR war keineswegs, wie es die Geschichtsschreibung der Sieger von 1989 will, bloß verordnet. Er gründete in vielen Fällen auf bewußtem Erleben und der Entschlossenheit, einen besseren Staat aufzubauen.

Für viele Jahre befanden sich individuelle Erkenntnis und historische Entwicklung im Einklang. Eine der größten Leistungen der frühen DDR bestand darin, begabten Personen einen Aufstieg zu ermöglichen, der unter den Bedingungen der Klassengesellschaft im Westen nur schwer möglich gewesen wäre. Kant holte 1952 an der Greifswalder Arbeiter- und Bauernfakultät das Abitur nach und studierte danach an der Humboldt-Universität Germanistik. Der Weg vom Arbeitersohn und Elektriker zum Autor von schnell in der DDR und auch in der BRD erfolgreichen Büchern und nicht zuletzt zum politischen Leiter ist eine Erfolgsgeschichte, die auch den Stoff für Kants ersten Roman lieferte. »Die Aula«, erschienen 1965, hat die Arbeiter- und Bauernfakultät zum Thema, wobei politische Problembereiche wie die Übersiedlung in den Westen eher angedeutet als konsequent durchgeführt werden.
Das wurde zunächst gelobt – als Mut, Konflikte immerhin vorkommen zu lassen – und später meist getadelt, als Feigheit, daraus Konsequenzen zu ziehen. Tatsächlich markiert Kants gelungener Versuch, durchaus untragisch Probleme zu benennen, sehr genau die inhaltliche Position. Es ist dies eine optimi­stische Sichtweise: Schwierigkeiten sind da, man soll sie nicht verschweigen, aber sie bedeuten auch keinen Untergang mehr.

Exemplarische Erkenntnis

Der Stoff der »Aula« ist das eigene Leben, die Haltung humorvoll-distanziert. Dies blieb das Grundmuster der meisten Romane Kants, von denen »Der Aufenthalt« (1977) der bedeutendste ist. In diesem Buch verarbeitet Kant die Erfahrungen seiner Kriegsgefangenschaft, doch handelt es sich nicht um eine bittere oder sonstwie gefühlige Erinnerung. Vielmehr läßt Kant seine Hauptfigur einen exemplarischen Erkenntnisprozeß erleben. Dieser Marc Niebuhr wird gegen seinen Willen Soldat, nach nur wenigen Tagen an der sich im Winter 1944/45 bereits auflösenden Front in Polen gefangengenommen und bald, wegen eines Irrtums, als Kriegsverbrecher beschuldigt. So verliert er Jahre seiner Jugend – eigentlich Grund genug, sich als Opfer zu fühlen. Doch begreift Niebuhr allmählich, daß er, wie unfreiwillig auch immer, doch Teil einer Organisation von Verbrechern war, daß sein vergleichsweise harmloses Tun die weniger harmlosen Untaten der überzeugten Faschisten deckte.

Diese Inhaltsangabe klingt didaktischer, als der Roman tatsächlich ist. Marc Niebuhr ist eine Figur, wie sie in vielen Werken Kants im Zentrum steht: meist unbekümmert, im Zweifelsfall etwas zu naiv und wagemutig, kontaktfreudig. Geschickt mit Worten wie der Autor, manchmal etwas zu geschickt – dann handelt er sich Ärger ein. Diese Figuren wirken allesamt sympathisch (mit negativen Helden konnte Kant wenig anfangen). Auch sind sie schlau, doch fehlt ihnen zuweilen gerade soviel Überblick über die Situation, daß die Leser ein klein wenig mehr als sie begreifen können.

Das alles ist auch mit einem Vergnügen am virtuosen Umgang mit Sprache erzählt, das Kant auch bei ernsten Themen bewußt ausstellt. Im »Aufenthalt« hat das die Funktion einer notwendigen Distanzierung vom Schrecklichen, die das Geschehen erst begreifbar macht. In den Erzählungen aus den letzten Jahren der DDR – in den Bänden »Der dritte Nagel« (1981) und »Bronzezeit« (1986) – markiert der Witz die Fehler der einzelnen wie systemisch bedingte Probleme; darüber zu lachen läßt die Schwierigkeiten aber immerhin noch lösbar erscheinen.

Kein Schönschreiber

Kant hat die DDR nicht schöngeschrieben. Er wollte sie aber nicht abschaffen und verstand die Notwendigkeit politischer Machtsicherung.
Nicht wegen seiner Werke, doch wegen seiner kulturpolitischen Funktionen war er nach 1989 diskreditiert. In den sehr schnell westlich dominierten Medien galt er als »Büttel eines diktatorischen Regimes«. 1995 tat der notorische Karl Corino ein Übriges und fügte der Reihe seiner Denunziationen von DDR-Schriftstellern ein Buch hinzu, in dem Kant als Stasi-Zuträger daherkam: als berüchtigter Hardliner, dem dennoch arglose Freunde alles verrieten.

Wo ein Rest an Vernunft herrscht, müßte man sich entscheiden, ob Kant ein »angsteinflößender Stalinist« oder der Vertraute von DDR-Kritikern war. Allein, es herrschte keinerlei Vernunft. Das verweist auf den zweiten Grund, weshalb Kant in besonderem Maß als Schriftsteller der DDR gelten kann. Kant deutete zuweilen Kompromißbereitschaft an; in seinem Erinnerungsbuch »Abspann« (1991) stellte er sich als reformorientiert dar. Doch interessierte angesichts des imperialistischen Triumphs kaum noch jemanden, wer einen leicht veränderten, einen nie dagewesenen oder den realen Sozialismus gewollt hatte. Alles galt als dieselbe totalitäre Schurkerei.

Daß Kant nach 1989 keine Chance auf Anpassung hatte, war seine Chance als Schriftsteller, zumal ihn der Aufbau-Verlag weiterhin verlegte. Sein Stil wandelte sich, oder vielmehr: wurde nun konsequent fortentwickelt. Schon früher war keiner seiner Romane sonderlich dynamisch angelegt; bereits die »Aula« war als Rückblick auf die Vergangenheit angelegt, und der »Aufenthalt« perfektionierte die Technik der Schilderung auf verschiedenen Zeitebenen. Die Bücher nach dem Ende der DDR wirkten dann immer statischer. Das Anekdotische, das früher eine Funktion für die Handlung besaß, erlangte nun Eigengewicht. Sprachspiele und Assoziationsketten wurden häufig polemisch zugespitzt; die Figuren waren zuweilen wie ein Anlaß dafür, das unverminderte stilistische Können des Autors auszustellen.

Doch hatte auch diese Schreibweise eine soziale Bedeutung. Sie entsprach einer Gesellschaft, innerhalb derer ein qualitativer Fortschritt nicht absehbar ist. Einen neuen Versuch, den Sozialismus in Deutschland aufzubauen, hat Kant nicht mehr erleben können: Er starb am Sonntag im Alter von 90 Jahren in Neustrelitz.

Kai Köhler, »junge Welt«

Dienstag 16. August 2016