Unser Leitartikel:
Wer gibt und wer nimmt Arbeit?

Zu den Mitteln der Meinungsmanipulation gehört die Entstellung von Begriffen. Diese verschwimmen entweder durch ihre beliebige Anwendung, wobei nicht mehr klar wird, welche Bedeutung sie in einem bestimmten Zusammenhang haben. Oder sie werden schlichtweg mit falschen Bedeutungen belegt und so lange wiederholt, bis sich die falsche Bedeutung durchgesetzt hat und die richtige nicht mehr verstanden wird.

Zwar verwundert es nicht, wenn die Verteidiger der herrschenden Gesellschaftsordnung mit Begriffen wie »Nullwachstum« oder »Negativwachstum« versuchen, die Tatsache zu verschleiern, daß der kapitalistische Karren gerade so tief im Dreck steckt wie seit Urgroßvaters Zeiten nicht mehr. Doch wie kommt die Chambre des salariés dazu, sich auf ihrer Internetseite »Arbeitnehmerkammer« zu nennen?

Bei dem Wortpaar Arbeitgeber/Arbeitnehmer wird die Bedeutung schlichtweg verkehrt. Sogenannte Arbeitgeber kaufen auf der Grundlage ihres Eigentums an den Produktionsmitteln Lohnarbeit und damit Lohnarbeiter ein, deren Arbeit sie also nehmen. Umgekehrt verkaufen, also geben die Lohnarbeiter ihre Arbeit diesen Eigentümern. Sie als »Arbeitnehmer« zu bezeichnen, verkehrt die Tatsachen in ihr Gegenteil.

Weiterhin suggeriert das sprachliche Verhältnis Arbeitgeber/Arbeitnehmer, daß der vermeintliche Arbeitgeber etwas ohne adäquate Gegenleistung geben würde und der vermeintliche Arbeitnehmer etwas ohne adäquate Gegenleistung nehmen würde. Der Begriff »Arbeitgeber« hat insofern auch einen gönnerhaften, der Begriff »Arbeitnehmer« einen ausnutzerischen Unterton. Beide Untertöne sind von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus nicht gerechtfertigt.

Jedoch spiegelt dieses sprachliche Verhältnis zwischen den Begriffen den Zustand wider, den der Arbeitsmarkt auch in Luxemburg längst hat, nämlich daß ein großes Angebot von Arbeitskräften – Ende Oktober waren das selbst den offiziellen Angaben zufolge mehr als 14.000 Männer und Frauen – auf eine erheblich kleinere Nachfrage nach Arbeitskräften – am 31. Oktober waren nur 1.221 offene Stellen bei der Adem gemeldet – trifft. Vor diesem Hintergrund wird es zuweilen auch als gönnerhaft empfunden, Nachfrage nach der eigenen Arbeit zu haben, also »Arbeitnehmer« sein zu dürfen.

Der Begriff »Arbeitnehmer« verdunkelt, daß es sich um Menschen handelt, die ihre Arbeitskraft zur Sicherung ihrer Existenz verkaufen müssen, denn sie verfügen selbst über keine Produktionsmittel. Der Begriff verdunkelt darüber hinaus, daß dies eine gesellschaftlich bedingte Abhängigkeit ist, die sich historisch durch den fortschreitenden Prozeß der Arbeitsteilung entwickelt hat und daß es die Arbeiter sind, die den Kapitalismus erst ermöglichen.

Übrigens hießen die vermeintlichen Arbeitnehmer in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung bis vor zehn Jahren zutreffend »abhängig Beschäftigte«. Erst als die Staats- und Regierungschefs der EU-Staaten im Juni 1996 entschieden, ab 1999 nur noch das Europäische System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen zu verwenden, setzte sich der irreführende Begriff »Arbeitnehmer« durch.

Der Salariatskammer müßte aber eigentlich klar sein, daß nur klare und eindeutige Begriffe auch ein klares Denken und die verständliche Vermittlung von Informationen ermöglichen.

Oliver Wagner

Oliver Wagner : Donnerstag 26. November 2009