Entscheidung zwischen Pest und Cholera

Rußland und der Afghanistankrieg der NATO

Am 24. Januar berichtete die russische Nachrichtenagentur RIA Nowosti, am Vortag habe der russische Präsident Medwedjew bei einem Treffen mit dem usbekischen Staatschef Karimow von der Bereitschaft Rußlands gesprochen, die Zusammenarbeit mit den USA in Afghanistan auszuweiten.

Die neue US-Administration von Barack Obama antwortete darauf sofort mit zustimmenden Signalen. So erklärte der Sprecher des US-Außenministeriums, Robert Wood, noch am gleichen Tag: »Wir erwarten mit Ungeduld die Möglichkeit, mit Rußland in Bezug auf Afghanistan zusammenzuarbeiten. Es liegt im Interesse unserer beiden Länder, zu versuchen, die Lage in Afghanistan zu stabilisieren und zusätzlich die wirtschaftliche Entwicklung und Sicherheit in diesem Land zu gewährleisten.«

Schon bisher konnten NATO-Länder wie die BRD und Frankreich russisches Territorium nutzen, um ihre Truppen in Afghanistan mit nichtmilitärischen Gütern zu versorgen. Der deutschen Bundeswehr wurde im vergangenen November sogar erlaubt, auch militärische Ausrüstungen für ihr Afghanistankontingent auf dem Schienenweg durch Rußland zu transportieren. Das erklärte Außenministeriumssprecher Andrej Nesterenko seinerzeit nach einem Bericht gegenüber dem »Spiegel« im November 2008.

Nesterenko bezeichnete dies als einen »beispiellosen Schritt in den bilateralen Beziehungen«, der »die enge Zusammenarbeit mit Deutschland im Bereich der Gefahrenabwehr« berücksichtige. Angesichts der sich intensivierenden Angriffe auf die US-Versorgungslinien in Pakistan erlangt die Route durch Rußland für die NATO zunehmendes Gewicht.

Völlig unbeteiligt ist Rußland am Afghanistankrieg der NATO also schon heute nicht. Was ist da unter der Bereitschaft des Präsidenten zu verstehen, die Zusammenarbeit mit den USA in Bezug auf Afghanistan auszuweiten? Um ein militärisches Kontingent dürfte es kaum gehen. Dafür sitzt der Schock, den das sowjetische Afghanistan-Abenteuer bei der Bevölkerung und bei Politikern des Landes hinterlassen hat, zu tief. Und so betonte Dmitri Rogosin, Rußlands Vertreter bei der NATO, im Moskauer Rundfunksender »Echo Moskaus« mit Blick auf ein direktes militärisches Engagement in Afghanistan sofort: »Wir waren schon dort, und es hat uns überhaupt nicht gefallen.«

Die Annahme, daß sich die russische Bereitschaft nur auf kostenlose Lebensmittellieferungen zur Unterstützung der angeschlagenen US-Marionette Karsai bezieht – wie gerade mit einer ersten Lieferung von 18.000 Tonnen Mehl auf dessen Bitte geschehen – dürfte nicht wahrscheinlich sein. Denkbar ist die Ausweitung des Transits für die NATO-Truppen über russisches Territorium. Denkt Medwedjew etwa an die Unterstützung der US-Pläne zur Installierung weiterer Militärbasen auf dem Territorium der zentralasiatischen ehemaligen Sowjetrepubliken oder gar an die Nutzung von Basen der russischen Luftstreitkräfte durch US-Militär? Das wäre ein äußerst gefährlicher Schritt, nicht nur hinsichtlich des weiteren Hineinschlitterns in den Afghanistankrieg.

Was sind die Motive für das russische Herangehen? Sicher gehört dazu das Bemühen, nach dem Wechsel im Präsidentenamt der USA den Weg zu besseren gegenseitigen Beziehungen zu ebnen. Vor allem aber hat Rußland kein Interesse an einem Sieg der Taliban in Afghanistan. Das hat Botschafter Rogosin in dem Radiogespräch sehr deutlich gemacht. Rußland befürchtet offenbar, daß in diesem Fall die Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens – die Rußland zu seinem Einflußgebiet zählt – zum nächsten Angriffsobjekt der Taliban und des radikalen Islamismus würden. Und das könnte ein direktes militärisches Engagement Rußlands erforderlich machen. Zudem würde ein solches Szenario auch den radikalen Islamisten im Süden Rußlands selbst Auftrieb geben.

Kann ein Sieg der USA und der NATO in Afghanistan mit der angedeuteten russischen Unterstützung aber eine im russischen Interesse liegende Alternative zum Sieg der Taliban sein? Die USA und die NATO würden sich nicht nur in Afghanistan festsetzen, sondern zugleich auch nicht nur mit einen Fuß – wie schon heute im Ergebnis der russischen Zugeständnisse nach dem 11. September 2001 –, sondern mit beiden Füßen in ganz Zentralasien. Es entstünde die reale Gefahr für Rußland, sein rohstoffreiches und für seine südliche militärische Flanke äußerst wichtiges zentralasiatisches Einflußgebiet an die USA zu verlieren. Dies würde einen wesentlichen Schritt zur Verwirklichung der von Brzezinski entworfenen Strategie der USA zur Beherrschung des eurasischen Kontinents als Schlüssel zur Weltherrschaft bedeuten.

Zudem bestünde die reale Gefahr, daß sich die USA und ihr NATO-Gefolge durch einen Sieg in Afghanistan zu weiteren Kriegsabenteuern ermuntert sähen. So bleibt Rußland in der Afghanistanfrage nur die Wahl zwischen zwei Übeln, die Entscheidung zwischen Pest und Cholera.

Willi Gerns

Freitag 6. Februar 2009