Vom Kitsch zur Nullität

In der Literatur sind es die nicht treffenden, nicht genauen Wörter, die abgegriffenen Wörter. So im ersten Vers von Nikolaus Welters Beschreibung einer Schlacht: »Durch Crécys Ebne tobt die wilde Schlacht.« Dass eine Schlacht »tobt«, und dass sie »wild« ist, wurde schon tausendmal geschrieben: der Fehler ist hier neben der Ungenauigkeit das Konventionelle.


»Das Gegenteil von Kunst ist gutgemeint« Gottfried Benn

Der Begriff »Kitsch« kommt u.a. von »schmieren«: In der Kunst und der Literatur kann es somit bedeuten: ungenau, abstrakt wo es konkret sein soll. Damit ist schon der größte Teil der abstrakten Malerei »Schmiererei«. In der Literatur sind es die nicht treffenden, nicht genauen Wörter, die abgegriffenen Wörter. So im ersten Vers von Nikolaus Welters Beschreibung einer Schlacht: »Durch Crécys Ebne tobt die wilde Schlacht.« Dass eine Schlacht »tobt«, und dass sie »wild« ist, wurde schon tausendmal geschrieben: der Fehler ist hier neben der Ungenauigkeit das Konventionelle.

Bis heute bekannt ist Hermann Hesse (Nobel-Preis 1946, Gesamtauflage 100 Millionen). Und dies gerade durch seinen erfolgreichsten Roman: »Der Steppenwolf« (1927). Ein paar Beispiele: Ein Maskenball mit Frauen wird zur »Union mystica der Freude«; »ich war nicht mehr ich, meine Persönlichkeit war aufgelöst im Rausch wie Salz im Wasser«. »Im nächsten Tanz war es schon eine andere an der ich glühte«. »Als ich mich zu ihr legte, lächelte ihr Blumengesicht mich allwissend und gütig an«. Natürlich kann auch das Pathetische kitschig sein: »O ferne heilige Feuer meiner Jugend!« Was diesen Beispielen gemeinsam ist: das Gekünstelte.

Das Gekünstelte findet man auch bei einem anderen deutschen Nobelpreisträger: Thomas Mann. Und dies gerade in einem seiner besten Romane: »Der Zauberberg«. (Immerhin ist Thomas Mann bedeutender als Hermann Hesse.)

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Ein noch heute bekanntes Buch ist Karlheinz Deschners »Kitsch, Konvention und Kunst«. Sein Verdienst ist, dass er damals noch anerkannte, heute längst vergessene Schriftsteller als erster scharf kritisierte. Es erschien 1957, aber in der Ausgabe von 1980 fügte er ein Kapitel hinzu. Dort behauptet er in »Zum Kitsch. Ein Widerruf«: »Kitsch ist nicht nur lächerlich, sondern hochgradig gefährlich, infektiös, epidemisch, die mörderischste Droge der Welt.«. Und er zitiert Hermann Broch (ein damals bekannter Schriftsteller): »Wer Kitsch erzeugt, ist ein ethisch Verworfener, er ist der Verbrecher, der das radikal Böse will«. Deschner: »Millionen Menschen Märtyrer des Kitsches«(!). (Wo bleiben die wirklich mörderischen Drogen wie Heroin?)

Ein weiteres Verdienst Deschners ist, dass er Hans Henny Jahnn bekannt gemacht hat, – sicher der bedeutendste deutsche Roman-Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, besonders mit der gewaltigen Roman-Trilogie »Fluss ohne Ufer«. Übrigens war er ein vielseitiges Genie: Orgelbauer, Hormonforscher, Gründer eines Verlags für barocke Musik; – dazu Ökologe und Pazifist. Sein Roman ist genau so vielseitig. Man staunt darüber, was er alles weiß, und jeder Satz scheint originell. Natürlich ist er heute auch schon vergessen, – in der internetdurchtränkten Zeit, wo man statt »Buch« eher das Wort »Facebook« hört.

Joseph Welter

(Für Karlheinz Deschner)

Freitag 24. Juni 2016