Unser Leitartikel:
Armutszeugnis
In den letzten Tagen und Wochen gibt es eine Menge Entwicklungen und Ereignisse, denen das Prädikat »Armutszeugnis« ausgestellt werden müßte. Die wichtigsten davon wären wahrscheinlich der sinnlose Rummel um die Besetzung von Spitzenposten in der EU und die geheuchelte Enttäuschung in Luxemburg über die Nichtbesetzung von Jean-Claude »Ich bin der Vater des Euro« Juncker, oder die chronische Unfähigkeit der EU, auf aktuelle Erfordernisse des Klimaschutzes einigermaßen angemessen zu reagieren. Man könnte auch die hinter einem Quentchen »Kritik« versteckten Lobhudeleien für den ertappten Wahlfälscher Hamid Karsai erwähnen, der mit viel Pomp und Beifall von NATO und EU wieder auf den Thron des Präsidenten Afghanistans gehievt wurde.
Chartverdächtig, aber eher lächerlich sind die immer neuen Versuche, uns die tiefe kapitalistische Krise schönreden zu wollen und uns vorzugaukeln, es gehe schon wieder unaufhaltsam bergauf. Weit vorn liegen auch die kaum noch versteckten Versuche, die Kosten der Krise auf die Schaffenden abzuwälzen, indem nach Lohnzurückhaltung und noch mehr Kurzarbeit gerufen wird, während sich Aktionäre und Manager schon wieder ungeniert die Taschen füllen.
Auf Platz Eins der Armutszeugnisse dieser Tage gehört jedoch die Tatsache, daß in den angeblich so wohlhabenden führenden Ländern des Kapitalismus immer mehr Menschen nicht genug zu essen haben. So stellte das Agrarministerium der USA in der vergangenen Woche fest, daß die Zahl der Hungernden in Gottes eigenem Land innerhalb eines Jahres um 13 Millionen auf rund 50 Millionen Menschen angewachsen ist. Der gesamte Umfang des Skandals ist noch nicht einmal sichtbar, denn zum Zeitpunkt der Erhebungen über die sogenannte »Nahrungsmittel-Unsicherheit« – dieses Wortungetüm schreibt sich zwar viel schlechter, spricht sich dafür aber viel leichter aus als das einfache Wort »Hunger« – im vergangenen Jahr »nur« rund sieben Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung offiziell arbeitslos gemeldet waren, während es heute schon deutlich über 10 Prozent sind – offiziell, wohlgemerkt!
Das muß man sich mal bildlich vorstellen: Da werden im Land der unbegrenzten Möglichkeiten massenweise junge Männer und Frauen, die weder das Recht auf Arbeit noch auf regelmäßige Mahlzeiten haben, zur Armee angeworben, um in die Welt hinauszuziehen, wo sie Irakern, Afghanen oder sonstwelchen unzivilisierten Leuten Menschenrechte und Freiheit und Demokratie bringen sollen. Menschenrechte, die die jungen Soldaten selbst nicht haben. Die Freiheit, zwischen zwei Optionen wählen zu können: zu Hause zu hungern oder sich auf fremder Erde totschießen zu lassen. Und eine Demokratie, von der sie selbst ausgeschlossen werden und die dafür sorgt, daß immer nur diejenigen in den besetzten Ländern »gewählt« werden, die den Herrschenden am Hudson und am Potomac gerade in den Kram passen.
Und genau diese Entwicklung zeichnet sich auch hier in unserer unmittelbaren Nachbarschaft ab. In den bürgerlichen Medien wird zwar nicht gern darüber berichtet, aber der deutsche private TV-Sender RTL hat es Ende letzter Woche zum Thema gemacht: Die Kinderarmut in Deutschland stand im Mittelpunkt der jüngsten RTL-Spendenaktion. Für notleidende Kinder sammelte der Kölner Sender die Rekordsumme von 7,3 Millionen Euro. Das ehrt die Fernsehleute und die vielen Spender, ist aber ein verdammt großes Armutszeugnis für das reichste Land der EU…
Uli Brockmeyer
Uli Brockmeyer : Dienstag 24. November 2009
