Unser Leitartikel:
Neuer Dumpingflieger gelandet
Nun ist also endlich die Katze aus dem Sack: Der Billigflieger Ryanair kommt zum Findel und leistet dort bereits anwesenden anderen Billigheimern der Flugbranche Gesellschaft. Die Bekanntgabe, daß das O’Leary-Unternehmen künftig täglich von Luxemburg nach Stansted, nördlich von London, sowie fünfmal in der Woche nach Portugal fliegen wird, lockte am Donnerstagmorgen zahlreiche Medienvertreter auch aus dem Ausland an den Findel und die sozialen Netzwerke sind begeistert über die neuen Billigflüge.
Ryanair expandiert weiter, sei es durch Indienststellung weiterer neuer Flieger oder durch kontinuierlich steigende Passagierzahlen. Geiz ist, wie in allen Bereichen des Lebens, eben auch über den Wolken geil, auch wenn der Komfort geringer ist und Verkaufsanimationen und Lotterien an Bord den einen oder anderen Fluggast nerven. Der Schnäppchenpreis für einen Flug zum Shopping nach London oder zur Familie nach Portugal nehmen die meisten begeistert an.
Weniger Begeisterung dürfte indes bei den Vertretern der Beschäftigten der anderen Flugunternehmen aufkommen: Hier sträubte man sich bereits, als easyJet den Findel ins Visier nahm, und das mit Recht. Wo Dienstleistungen extrem billig sind, geht die Rechnung nur auf, wenn irgendwo auch kräftig gespart wird, und da braucht man nicht lange zu suchen. Weder easyJet, noch Ryanair haben etwas für innerbetriebliche Mitbestimmung übrig und setzen auf eine ständige Verfügbarkeit und Flexibilität der oft, um Sozialabgaben zu sparen, in Scheinselbständigkeit gehaltenen Angestellten. Die lassen, eine künftige Karriere bei einer »normalen« Fluggesellschaft vor Augen, auch bis zu einem bestimmten Grad so einiges mit sich machen: Ausbildungskosten, Dienstkleidung oder Unterkunft darf ein Angestellter von Ryanair zum Beispiel selbst berappen. Bei anderen Unternehmen macht man sich zu Nutze, daß Pilotenanwärter viele Flugstunden nachweisen müssen und läßt Co-Piloten beispielsweise für ihren eigenen Einsatz im Cockpit auch noch bezahlen. Piloten nicht selbst einzustellen, sondern von zwischengeschalteten, nahestehenden Personalagenturen quasi an sich selbst zu vermitteln, ist mittlerweile gängige Praxis. Rund ein Drittel der Flugkapitäne soll Insidern zufolge nicht direkt beim irischen Billigflieger unter Vertrag stehen. So schleichen sich die Unternehmen aus der sozialen Verantwortung.
In Frankreich wurde Ryanair wegen Hinterziehung von Sozialversicherungsbeiträgen zu Nachzahlungen in Millionenhöhe verurteilt und auch in Britannien laufen Verfahren. Im Rahmen einer Konferenz der »Europäischen Transportarbeiterföderation« (ETF) und des OGBL wurde auch dargestellt, daß die Beschäftigten nicht nur zahlreiche Personalkosten selbst tragen müssen, sondern anschließend auf ein Restgehalt von um die 500 Euro kommen, für einen Job, der nicht nur Konzentration erfordert, sondern auch extreme Flexibilität. Ehemalige Stewardessen, die als Leiharbeiterinnen bei Ryanair eingesetzt wurden, kritisierten gemeinsam mit Gewerkschaften, daß sie nur reine Flugzeit bezahlt bekämen, anschließend unbezahlt Kabinen und Toiletten putzen müßten, sowie extrem wenig Urlaub hätten.
Was diese Flugunternehmen anrichten können, zeigt vor allem die aggressive Standortpolitik von Ryanair. Dennoch wollen immer mehr Menschen trotz sinkender Realeinkommen und steigender Lebenshaltungskosten ihren Lebensstandard im Urlaub aufrechterhalten und greifen auch hier gerne auf Billiges zurück. Der Anteil der Billigflieger in der EU nähert sich der 50-Prozent-Marke. Damit geraten auch Tarifarbeitsplätze und soziale Standards der Branche mehr und mehr unter Druck, abgesehen davon, daß kaum bis keine neuen Jobs entstehen. Ob die Billigflieger gut sind für Luxemburg, wird sich zeigen. Für die Beschäftigten sind sie es jedenfalls nicht.
Christoph Kühnemund
Christoph Kühnemund : Freitag 20. Mai 2016
